Olympia-Kolumne
Um 02:35 Uhr bin ich wieder einmal am Rande des Wahnsinns – nicht zum ersten Mal während der Olympischen Spiele

Journalist Simon Häring berichtet hier von Nebenschauplätzen bei seinem Arbeitsaufenthalt bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Simon Häring, Tokio
Simon Häring, Tokio
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Die Olympischen Spiele bringen einen an den Rand des Wahnsinns.

Die Olympischen Spiele bringen einen an den Rand des Wahnsinns.

Zsolt Czegledi / EPA

Als ich diese Zeilen abschliesse und an meine fleissigen Kollegen im Büro übergebe, damit sie mich vor peinlichen Tippfehlern bewahren können (danke, Jungs und Mädels, gebe euch für jeden Bock einen aus), zeigt meine Uhr 02:35 Uhr an. Das ist an sich noch kein Problem, die meisten Wettkämpfe beginnen ja nicht in aller Herrgottsfrüh. Doch ausgerechnet in dieser Nacht muss ich mir den Wecker – oder besser: mehrere! – stellen.

Denn am Montag fahren die Männer um Mathias Flückiger und Nino Schurter im Mountainbike um Medaillen. Und die Anlage befindet sich auf der Izu-Halbinsel, knapp 100 Kilometer von Tokio entfernt.

Um 04:30 Uhr holt mich ein Taxi ab und bringt mich zum Medienbus, der um 05:00 Uhr losfährt. Öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, ist mir untersagt. Weshalb, wissen Sie ja. Der Clou: Nur ein einziger Bus mit lächerlichen 20 Plätzen fährt dorthin. Und um dort einen dieser raren Plätze zu ergattern, musste man sich bis spätestens drei Tage vor dem Anlass bewerben (Japaner lieben offenbar Formulare). Was ich natürlich versäumt hatte und mich einige Überzeugungskunst kostete. Irgendwann wäre ich ja nicht unfroh gewesen, ich hätte keinen Platz mehr erhalten.

Um 04.00 Uhr bricht in Tokio derzeit bereits wieder der Tag an.

Um 04.00 Uhr bricht in Tokio derzeit bereits wieder der Tag an.

Jinhee Lee/ Nurphoto / ZUMA Wire

Denn es fährt auch nur ein einziger Bus zurück. Und zwar erst um 21.30 Uhr. Ankunftszeit: 24.00 Uhr. Noch absurder wird es, wenn ich Ihnen nun verrate, wann das Rennen gestartet wird: Um 15.00 Uhr Ortszeit.

Aber Olympische Spiele sind für mich als Journalist auch deswegen eine absolute Königsdisziplin, weil sie mich permanent mit meinen eigenen Unzulänglichkeiten konfrontieren und Improvisationskunst verlangen. Alles ist zu gross, alles ist zu viel, die Sprache fremd. Ich war am Sonntag beim Fechten, beim Turnen, beim Judo, schrieb über Schiessen und Triathlon (und dazwischen natürlich beim obligaten Spucktest).

Am Ende der Olympischen Spiele in Tokio werde ich 24 Tage am Stück gearbeitet haben. Und zwar nie von 08.00 bis 17.00 Uhr. Glauben Sie mir, Olympische Spiele sind für mich (nicht nur) ein Vergnügen. Sie bringen mich regelmässig an den Rand des Wahnsinns. Und es gefällt mir.

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