OL-WM
Matthias Kyburz – ein wahrer Gentleman-Weltmeister

Der Aargauer Orientierungsläufer gewinnt einen kompletten Medaillensatz, macht aber selber Abstriche und würdigt die Stärke seiner Konkurrenten.

Rainer Sommerhalder
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Matthias Kyburz auf dem Weg zu seiner Silbermedaille auf der Langdistanz an der WM in Tschechien.

Matthias Kyburz auf dem Weg zu seiner Silbermedaille auf der Langdistanz an der WM in Tschechien.

Swiss-Image

Er könnte sich ganz einfach als Held feiern lassen. Der Fricktaler Orientierungsläufer Matthias Kyburz brilliert an den Weltmeisterschaften in Tschechien mit drei tollen Leistungen. Zum zweiten Mal in seiner Karriere nach 2016 holt er den Titel über die Mitteldistanz. Das ist jener Wettkampf, in welchem die technischen Herausforderungen auf der Karte für die Athleten besonders gross sind.

Es ist für den 31-Jährigen zugleich die erste Einzel-Medaille an einer WM nach einer Durststrecke von fünf Jahren. Dazu macht seine Aufholjagd in einer denkwürdigen Staffel die Schweizer Bronzemedaille erst möglich.

Der Held relativiert die Ausstrahlung seiner Tat

Und dann beendet Kyburz quasi als Tüpfchen auf dem i noch seinen WM-Fluch und gewinnt mit Silber nach sieben vergeblichen Anläufen endlich die allererste Medaille in der Königsdisziplin «Langdistanz». Doch überschwänglich wirkt der nunmehr sechsfache Weltmeister am Abend des WM-Abschlusses trotzdem nicht. Er sagt zum so langersehnten Edelmetall über die Langdistanz: «Es ist nicht die ruhmreichste Medaille meiner Karriere».

Matthias Kyburz ist ein Gentleman-Sportler. Er will kein verklärter Held sein, denn der Fricktaler spricht mit seiner Aussage auf die Tatsache an, dass er vom entfesselt startenden Kasper Harlem Fosser bereits auf dem Weg zum fünften Posten eingeholt wurde und er danach vor allem damit beschäftigt war, dem bärenstarken norwegischen Jungstar zu folgen.

«Ich habe viel von ihm profitiert. Er war eine riesige Lokomotive. Sein Rennen war in einer anderen Liga», gibt Kyburz zu, der mit 1:39.00 auf die Sekunde genau die prognostizierte Siegerzeit lief. Da war aber eben noch Fosser. «Ich habe zwar bei Posten 4 einen rund einminütigen Fehler begangen. Wo er aber so schnell die anderen zwei Minuten herausgelaufen hat, ist mir ein Rätsel. Sein Start war tempomässig jenseits!»

Gelegenheit zur Revanche 2023 in der Schweiz

Bereits vor dem Aufeinandertreffen der zwei meistgenannten Titelfavoriten im Wald holte Kyburz seinerseits bei Posten 3 den Norweger Magne Daehli ein. Weil auch dieser in Folge enorm von der Lokomotive Fosser profitierte, liefen letztlich die drei Medaillengewinner gemeinsam ins Ziel. Mit der Konsequenz, dass der Schweizer Daniel Hubmann im letzten Teil des Rennens noch um 19 Sekunden vom Podest gestossen wurde.

«Ich hätte meine erste Langdistanz-Medaille lieber auf eine andere Weise gewonnen», sagt Matthias Kyburz offen. Nun ist es an ihm, bei der nächsten Gelegenheit 2023 an der Heim-WM in der Schweiz ein Rezept gegen die Rakete aus Norwegen zu finden. «Es ist so kurz nach diesem Rennen zu früh, um ein solches aus dem Hut zu zaubern. Im alpinen Gelände von Flims mit den vielen steilen Berghängen fühle ich mich aber traditionell stark. Schliesslich bin ich mit solchen Wettkämpfen aufgewachsen.» Wenn das keine Kampfansage ist, die norwegische Langdistanz-Dominanz mit fünf Titeln in Folge zu durchbrechen.

Alle drei WM-Medaillen in dieser Woche erzählen eine spezielle Geschichte. Ein perfektes Rennen wie Kyburz über die Mitteldistanz erlebt man selten – gerade in dieser Disziplin, wo feingliedriges Gelände und schwierige Postenstandorte die Chance von technischen Fehlern massiv erhöhen. Der Aargauer meisterte die Herausforderungen souverän, fand genau das richtige Tempo, um im Wald mit den vielen Sandsteinfelsen alles unter Kontrolle zu haben. «Es war von A bis Z ein Traumtag», sagt Kyburz.

Eine Stirnlampe als WM-Premiere in der Staffel

Ein ganz spezielles Rennen war auch die Staffel. Weil der Wettkampf erst nach 20 Uhr zu Ende ging und ein regelrechter Wolkenbruch über dem Wald niederging, wähnte sich Kyburz unterwegs beinahe an einem Nacht-OL. Im Gegensatz zu anderen Läufern wählte der Schweizer Schlussläufer eine Stirnlampe als Hilfsmittel. Mit ein Grund, dass er – aus Position 5 ins Rennen geschickt – den ukrainischen und finnischen Konkurrenten noch überholte und der Schweiz Bronze sicherte.

Der Lauf war aber auch für Kyburz ein auf und ab. «Es war ein Riesenkampf, überhaupt die Karte lesen zu können und die Routenwahlen zu sehen», sagt er. Zwischenzeitlich sah es so aus, als könnte der Schweizer auch noch die führenden Norweger und Schweden attackieren. Doch dann schlichen sich im Schlussteil auch bei ihm Fehler ein, so dass er seinerseits wieder ins Blickfeld des Finnen gelangte.

«Als ich nach dem drittletzten Posten auch noch bei einem Felsencouloir in eine Sackgasse runter lief und wieder den Hang raufkraxeln musste, dachte ich, dass der Finne an mir vorbei sei», erzählt Kyburz. Aber glücklicherweise fand im Kampf um das verbleibende Edelmetall auch der Gegner nicht den schnellsten Weg durch den stockdunkeln Wald.

So bleibt neben dem kompletten Medaillensatz für Matthias Kyburz als Erkenntnis der WM die Tatsache: Einmal mehr ein Wettkampf, über den es viele Geschichten zu erzählen gibt. Denn OL ist und bleibt stets ein Stück weit Abenteuer. Selbst für einen nunmehr fünffachen Weltmeister.