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Ohne Glück ist in der Schweizer Eishockey-Liga selbst der Tüchtigste verloren

Hat den SCB stabilisiert: Goalie Tomi Karhunen.

Hat den SCB stabilisiert: Goalie Tomi Karhunen.

Die zwölf besten Schweizer Eishockey-Teams präsentieren sich so ausgeglichen wie noch nie. Die Sportchefs müssen ihre Fehler rechtzeitig erkennen.

Eine einzige Zahl verrät die Besonderheit dieser Saison: 27. Ambri hat als Tabellenletzter bei Halbzeit 27 Punkte auf dem Konto. Noch nie seit der Einführung der Meisterschaft im Herbst 1915 hatte ein Schlusslicht zu diesem Zeitpunkt der Saison so viele Punkte gesammelt. Es ist der statistische Beweis, dass die Liga so ausgeglichen ist wie noch nie.

Verschiedene Faktoren haben zu dieser Nivellierung nach oben geführt. Unter anderem professionelle Arbeitsbedingungen bei allen Klubs, mehr Spieler, die für das höchste Niveau taugen, und besseres Management der Klubs. Die National League ist eine der besten Ligen ausserhalb der NHL. Was sich auch daran zeigt, dass gleich drei Vertreter um den Einzug in den Halbfinal der Champions League spielen. Diese nie dagewesene Ausgeglichenheit führt zu einer Atemlosigkeit, der sich auch die vermeintlichen Spitzenklubs nicht mehr entziehen können. Was auch ein Grund für die neue Qualität der Liga ist. Jahrelang war die Qualifikation für die Titanen selbst dann ein Schaulaufen, wenn die Sportchefs Fehler machten. Hin und wieder geriet zwar einer in eine Krise. Aber erst 2013 verpasste der Meister (SC Bern) zum ersten Mal die Playoffs, 2019 hat es die ZSC Lions erwischt. Ausnahmen, die die Leichtigkeit des Seins der Grossen bestätigen.

Wer aber heute in einigermassen ruhigen Gewässern durch die Qualifikation segeln will, darf sich keine Fehler mehr leisten. Selbst eine erstklassige Besetzung ist keine Garantie mehr für eine Spitzenposition. Und Arroganz wird bestraft. Drei Titel in vier Jahren haben in Bern zu einer Selbstüberschätzung geführt. Die sportliche Führung beging die hockeytechnische Todsünde, viel zu lange an zwei billigen «Lottergoalies» festzuhalten. Dabei gilt seit Anbeginn der Zeiten: Die Torhüter machen mindestens 50 Prozent aus. Erst seit die Berner mit Tomi Karhunen einen finnischen Goalie eingeflogen haben, ist eine Stabilisierung gelungen.

Bei der Ausgeglichenheit spielt auch die Besetzung der Ausländerpositionen eine immer wichtigere Rolle. Ambri war letzte Saison mit Liga-Topskorer Dominik Kubalik das Überraschungsteam (5. Rang). Nun stürmt der Tscheche in der NHL, und Ambri ist Schlusslicht. Die Lakers hatten vor einem Jahr das schwächste ausländische Personal der Liga und kamen nicht über den letzten Platz hinaus. Mit viel besseren ausländischen Stürmern haben sie nun bei Halbzeit doppelt so viele Punkte wie vor einem Jahr. Und der Grund, warum der HC Lugano ausserhalb der Playoffs klassiert ist: Zusammen mit Ambri hat er die schwächsten ausländischen Dienstboten der Liga.

Neue Konzepte bringen Erfolg

Noch nie waren die Chancen für eine Kurskorrektur so gross wie heute. Die ZSC Lions, Davos und Servette haben diese Chance gepackt. Am spektakulärsten die Davoser, letzte Saison noch «Playoutisten». Nach Neubesetzungen auf den Positionen des Sportdirektors, des Trainers, der Assistenten, der Ausländer und der Goalie-Assistenten führen sie nach Verlustpunkten die Tabelle an. Vor den ZSC Lions, die es letzte Saison als Meister nicht in die Playoffs schafften und nun mit neuem, offensivem Konzept wieder ein Spitzenteam sind. Wie nie zuvor gilt die alte Weisheit: neue Saison, neues Glück. Die Sportchefs müssen bloss ihre Fehler rechtzeitig erkennen und im Sommer korrigieren. Und natürlich braucht es bei dieser Ausgeglichenheit auch etwas Glück. Ohne Beistand der Hockeygötter ist in der neuen, noch schöneren Schweizer Hockeywelt selbst der Tüchtigste verloren.

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