Heimspringen in Engelberg
Schweizer Skispringer ohne Applaus und ohne das richtige Gefühl

Der Luzerner Gregor Deschwanden holt beim doppelten Heimauftritt in Engelberg zweimal Weltcuppunkte – mehr aber nicht.

Rainer Sommerhalder
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Gregor Deschwanden hat von sich selbst mehr erwartet als die Ränge 25 und 27.

Gregor Deschwanden hat von sich selbst mehr erwartet als die Ränge 25 und 27.

Bild: Keystone

Die Kurzanalyse des Schweizer Trainers Martin Künzle bringt es auf den Punkt: «Wir sind mit grösseren Erwartungen nach Engelberg gereist». Die Ränge 25 und 27 des derzeitigen Teamleaders Gregor Deschwanden reissen niemanden zu Begeisterungsstürmen hin. Wobei solches angesichts fehlender Zuschauer am Fuss des Titlis per se schwierig gewesen wäre.

«Geister-Skispringen» bei hereinbrechender Dunkelheit gehören tatsächlich zur trostloseren Gattung Wettkampfsport in Zeiten von Corona. Zehn Sekunden Einsatz ohne Zwei- oder Positionskämpfe und Endspurts fesseln definitiv wenig. Auch OK-Präsidentin Martha Bächler taten die Springer leid. «Ich hätte den Athleten den Applaus von Herzen gegönnt», sagte sie, «nun hoffen wir auf eine volle und laute Arena in einem Jahr».

Eine persönliche Belastung auch für die OK-Chefin

Von einer Strafaufgabe als Organisator eines solchen Anlasses wollte Bächler dennoch nichts wissen. Schliesslich mache man es für die Sportler. Selbst wenn die Verantwortung für die Gesundheit von 120 Athleten und Betreuer sowie 300 Helfer für sie belastend gewesen sei. Umso glücklicher ist die OK-Chefin, «dass alle extrem mitgezogen haben», obwohl das strikte Schutzkonzept mit obligatorischen Tests und konsequentem Maskentragen in erster Linie «Knochenarbeit» gewesen sei.

Zurück zum sportlichen Treiben. Obwohl Gregor Deschwanden auch beim sechsten und siebten Weltcupspringen der Saison den Final der besten 30 erreicht und damit seine längste Erfolgsserie seit Februar 2015 abliefert, sind seine Ansprüche inzwischen gestiegen. «Wenn ich sehr gut springe, erwarte ich mich in den Top 10», sagte der 29-Jährige.

In Engelberg kam er zwar nach dem Schanzentisch jeweils hoch hinaus, dann fehlte für eine grössere Weite aber das Tempo. «Es war irgendwie seltsam. Die Sprünge fühlten sich besser an, als dass sie effektiv waren», sagte Deschwanden. So sei er definitiv ein paar Plätze zu weit hinten rangiert.

Simon Ammanns letzte Hoffnung ist der Schuh

Erneut ein Wochenende zum Vergessen bescherte der Heim-Weltcup Simon Ammann. Der 39-Jährige sprang der Konkurrenz nach seiner Rückkehr zu konventionellem Schuhmaterial weit hinterher. Am Samstag reichte es zumindest für einen Auftritt im eigentlichen Wettkampf (39.). 24 Stunden später verabschiedete sich der vierfache Olympiasieger hingegen bereits nach der Qualifikation (53.). Solche Leistungen entsprechen in keiner Weise Ammanns Ansprüchen, aber leider der derzeitigen Realität.

Im Skispringen hat der Faktor Material einen entscheidenden Einfluss. Seit etwa der Japaner Ryoyu Kobayashi nach einer Reglementsänderung nicht mehr auf seine speziellen Keile zurückgreifen darf, ist es vorbei mit der einstigen Dominanz. Umgekehrt sind die Hoffnungen von Ammann auf den neuen Karbonschuh beinahe schon beängstigend. Kann ein solcher Schuhwechsel den Toggenburger wirklich wieder zu einem Top-10-Springer machen?

Der ultimative Test für den Olympiasieger

Der Druck auf Ammann wird auch von Trainerseite nicht kleiner. Am Dienstag kommt der Schuh, am Mittwoch muss der erfolgreichste Schweizer Skispringer der Geschichte bei Trainingssprüngen in Engelberg den Unterschied unter Beweis stellen. «Wenn es nicht besser wird, macht es keinen Sinn», sagt Künzle unmissverständlich, «und es muss bei Simon gewaltig vorwärts gehen».

Während Ammann mit einer Mischung aus gespielter Ruhe und Galgenhumor auf den sportlichen Kriechgang reagierte, machte Youngster Dominik Peter aus seinem Herzen keine Mördergrube. Die Enttäuschung über die Ränge 42 und 44 war dem 19-Jährigen ins Gesicht geschrieben.

Der Zürcher Oberländer sprach beinahe schon trotzig von soliden Sprüngen und dem Rückenwind als Spielverderber. Offensichtlich gibt es Athleten, welche mit solchen Verhältnissen (noch) besser umgehen können.

Von keinerlei äusseren Einflüssen bremsen lässt sich derzeit hingegen der Norweger Halvar Granerud. Der 24-Jährige verlängerte seine Erfolgsserie in diesem Winter um die Siege vier und fünf. Vor der aktuellen Saison stand Granerud in einem Einzelspringen überhaupt noch nie auf einem Weltup-Podest.