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«Oh mein Gott, das ist das richtige Leben»: Wie ein Tennis-Spieler sein Glück während des Lockdowns in einem Steinbruch fand

© CH Media

Matt Reid gehört zu den hundert besten Doppel-Spielern der Welt, doch davon leben kann er nicht. Die Coronakrise hat den Austaralier seiner Lebensgrundlage beraubt. Es öffnete ihm die Augen.

Bengaluru, eine 11,4-Millionen-Stadt im Südwesten Indiens, Zentrum der Informatik-Industrie, dadurch eine der modernsten und am schnellsten wachsenden Städte des Subkontinents. Und trotzdem ist es einer dieser Orte, an die Tennisspieler nur reisen, um ein wenig Geld zu verdienen, sich in der Weltrangliste zu verbessern und hoffen, es sei ihr letzter Besuch. Matt Reid ist nicht zum ersten Mal in Bengaluru, aber vermutlich das letzte Mal. Mit dem Inder Saketh Myneni erreichte er die Halbfinals, was ihm 1620 Dollar Preisgeld einbrachte. Gerade einmal genug Geld, um die Reisekosten an die nächste Destination zu begleichen: Delray Beach, USA, Florida. Doch weil er sich am Knie verletzt hatte, konnte Reid gar nicht erst antreten. Reid flog weiter nach Acapulco, Mexiko, um einige seiner besser klassierten australischen Kollegen zu unterstützen. Von dort nach Los Angeles und weiter nach Indian Wells. Für ihn ist es die Endstation.

Reid sass mit seinen Freunden beim Nachtessen, als ihn die Nachricht ereilte, dass das Turnier wegen der Corona-Pandemie abgesagt werde – und das, obwohl damals in Kalifornien gerade der erste Fall diagnostiziert worden war. Sie lachten, glaubten an einen schlechten Witz. Und doch entschieden sie alle, so schnell wie möglich in die Heimat zu reisen. «Wenn am Flughafen jemand hustete, drehten alle fast durch», erinnert sich Reid. Als er Mitte März in seiner Heimat Sydney landet, fühlt er sich erleichtert. Nicht nur aus Angst vor einer Ansteckung. Sondern auch, weil er müde war vom Hamsterrad des Profisports. «Das erste Mal in meinem Leben kam ich nach Hause, und konnte Zeit mit meiner Familie verbringen - ohne den Gedanken, dass ich bald wieder gehen werde», sagt Reid. Seit 2009 ist er Profi und führte ein Leben aus dem Koffer, spielte Turniere in Polen, Korea, Serbien, Honolulu, Panama oder eben Indien

573'577 Dollar in elf Jahren

573'577 Dollar Preisgeld erspielte er sich in elf Jahren, noch vor Abzug der Steuern und Reisekosten. Ohne die grosszügige finanzielle Unterstützung des australischen Verbands wäre Reids Karriere nicht möglich gewesen. Auch seine besser klassierten Landsleute halfen immer wieder aus, indem sie bei gut dotierten Turnieren, zu denen Reid sonst keinen Zugang gehabt hätte, im Doppel antraten – und ihm das Preisgeld überliessen. Vom Tennis leben konnte Reid nie. Das ist grotesk, denn zwar blieb ihm im Einzel, wo er 2014 auf dem 183. Platz geführt wurde, der Durchbruch verwehrt, im Doppel aber hält er sich seit Jahren unter den Top 100. Kein Wunder also, dass Reid in der Corona-Krise, in der er kein Einkommen mehr erzielen konnte, weil zwischen März und Mitte August keine Turniere mehr gespielt worden sind, in finanzielle Schräglage geriet.

Im Juli feierte Reid seinen 30. Geburtstag, er hatte die Welt bereist, doch auf eigenen Beinen stand er noch nie. Nach einigen Wochen begannen die Eltern, Fragen zu stellen, wie er nun Geld verdienen werde. Insgeheim wusste er, dass seine Karriere zu Ende geht. Die Doppel-Felder bei den grossen Turnieren wurden verkleinert, viele Challenger-Turniere gingen bankrott, weil Sponsoren absprangen, und sowieso: Für wenig Geld noch einmal nach Indien, Polen oder Panama reisen, das wollte Reid nicht. «Die Menschen sagen ‹du lebst den Traum, du lebst den Traum›», sagt er. «Und ein Teil davon stimmt. Aber da sind auch einsame Zeiten. Du bist vierzig, fünfzig Wochen im Jahr weg. Ich hatte das Gefühl, ich würde meinen Bruder und meine Schwestern nicht kennen.» Reid begann, im Steinbruch seines Bruders zu arbeiten, fuhr Gabelstapler und schnitt Steine. Er stand um 05.00 Uhr auf, arbeitete bis 18.00 Uhr, unterbrochen nur von einer 45-minütigen Pause. «Ich dachte, oh mein Gott, das ist das richtige Leben.»

Weit weg von Djokovic, Nadal und Wawrinka

Zwischendurch konnte er in den sozialen Medien ein Leben mitverfolgen, das er nie kennenlernte, und das ihm vor Augen führte, dass er auch nie wirklich dazugehörte zum Kreis der Weltbesten. Novak Djokovic, wie er sich an seiner Adria-Tour vergnügte, oder Rafael Nadal, wie er mit Trainings auf seinem privaten Tennisplatz die Ausgangssperre in Spanien umgehen konnte, oder Stan Wawrinka, wie er sich jeden Tag stundenlang im eigenen Fitnesscenter in seinem Haus mit Blick auf den Genfersee auf den Tag vorbereitete, an dem die Tennis-Karawane wieder um die Welt ziehen würde. Von Gesprächen zwischen Spielern und Veranstaltern erfuhr er aus den Zeitungen oder aus den sozialen Medien. Was Reid sich dabei dachte? «Dass sie offensichtlich das Geld nicht brauchen.»

Matt Reid mit seiner Freundin Stella.

Matt Reid mit seiner Freundin Stella.

Reid sagt es ohne Groll. Er habe in der Zeit Zuhause gemerkt, dass er «verdammt gut» darin sei, absolut gar nichts zu tun. Mitte Juli feierten sein Vater und eine seiner Schwestern Geburtstag. Zum ersten Mal seit über zehn Jahren war Reid dabei, und versuchte nicht, sich in Wimbledon durch die Qualifikation zu kämpfen, um sein Leben finanzieren zu können. Inzwischen gibt er Tennisstunden und trainiert Studenten. Trainiert hat er seit Mitte März nicht mehr, im August spielte er an einem Schaukampf, «für ein wenig Spass, und ein bisschen Geld.» Manchmal hilft er auch noch im Steinbruch aus, auch wenn er sagt, es sei schwierig, vom kleineren Bruder Anweisungen zu bekommen. Ob er noch einmal in den Tennis-Zirkus zurückkehren will, lässt er offen, sagt: «Wer weiss, was die Zukunft bringt.» Doch weshalb so weit in die Zukunft blicken, wenn die Gegenwart so erfüllend ist? «Ich habe jetzt eine Freundin», sagt Reid lachend. «Wer hätte das gedacht?» Letzte Woche feierte sie Geburtstag. Mit Reid.

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