Martina Hingis
Offene Rechnungen: Martina Hingis und die Versöhnung mit der Schweiz

Martina Hingis hat sich mit der Schweiz ausgesöhnt und zum Tennis zurückgefunden. Doch zwei Rechnungen hat sie noch offen.

Simon Häring
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1999: Pfiffe, Tränen und Karriereknick Vor dem Paris-Final 1999 sagt Martina Hingis über Steffi Graf: «Die Zeiten haben sich geändert. Nur die Deutschen können das offenbar nicht akzeptieren.» Hingis ist 18 Jahre alt, aber die French Open das einzige Grand-Slam-Turnier, das sie noch nicht gewonnen hat. Bei der Niederlage zieht sie mit Aufschlägen aus der Hüfte den Unmut des Publikums auf sich. Unter Pfiffen und weinend verlässt sie das Stadion vor der Siegerehrung.
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2003: Rücktritt und 40-Millionen-Dollar-Klage Mit 22 Jahren beendet Martina Hingis wegen chronischer Fussbeschwerden ihre Karriere ein erstes Mal. Schuld gibt sie ihrem vormaligen italienischen Ausrüster Tacchini. Dieser hatte 1996 einen Vertrag über fünf Jahre mit Hingis abgeschlossen, aber im April 1999 wieder aufgelöst. Hingis klagt vor dem Supreme Court in New York auf 40 Millionen Dollar Schadenersatz. Tacchini: «Hingis hat mehrfach vertragliche Verpflichtungen gebrochen.»
Martina Hingis' Werdegang
2016: Olympia-Silber in Rio de Janeiro Eigentlich hätte das gemischte Doppel mit Roger Federer ihr Höhepunkt werden sollen. Doch erst musste der Baselbieter wegen einer Verletzung passen, dann auch die designierte Doppel-Partnerin Belinda Bencic. Das Notdoppel mit Timea Bacsinszky, mit der sie zuvor noch nie gespielt hatte, gewinnt Silber. Es waren nach Atlanta 1996 erst Hingis zweite Olympische Spiele und eine Art Versöhnung mit der Schweiz.

1999: Pfiffe, Tränen und Karriereknick Vor dem Paris-Final 1999 sagt Martina Hingis über Steffi Graf: «Die Zeiten haben sich geändert. Nur die Deutschen können das offenbar nicht akzeptieren.» Hingis ist 18 Jahre alt, aber die French Open das einzige Grand-Slam-Turnier, das sie noch nicht gewonnen hat. Bei der Niederlage zieht sie mit Aufschlägen aus der Hüfte den Unmut des Publikums auf sich. Unter Pfiffen und weinend verlässt sie das Stadion vor der Siegerehrung.

Keystone

Sie ist die Letzte, die am Freitag im Museum des Roten Kreuzes in Genf ihren Platz einnimmt. Ihr Haar hat sie mit einem roten und einem weissen Gummiband zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Es sind kleine Zeichen, aber sichtbare, mit denen Martina Hingis (36) ihre Verbundenheit zur Schweiz ausdrückt.

Als die Auslosung vollzogen ist, parliert sie erst in Französisch, dann in Deutsch. Dazu steht sie Belinda Bencic und Viktorija Golubic als Übersetzerin und moralische Unterstützung zur Seite.

Letztmals sitzt sie vor fast 19 Jahren hier. Damals empfängt das Fed-Cup-Team im Final Spanien. Es ist die grösste Stunde des Frauen-Nationalteams, und auch die bitterste. 12'000 Zuschauer pilgern an diesem September-Wochenende täglich in die Palexpo-Halle.

«Die Atmosphäre war berauschend. Die Erinnerungen sind noch sehr präsent», sagt Hingis. Damals steht sie im Zenit ihrer Einzel-Karriere. Am Wochenende zuvor hatte die 17-Jährige bei den US-Open ihren sechsten Grand-Slam-Final erreicht und mit Jana Novotna das Doppel gewonnen. Um früher beim Team zu sein, fliegt sie mit der Concorde ein.

Wespenstich, Pfiffe, Verbalattacke und Tränen

Erstmals seit fast fünf Jahren gewinnt Timea Bacsinszky (27, WTA 16) im Fed Cup wieder auf Schweizer Boden. Nach dem 7:5, 6:4 gegen Alizé Cornet (27, WTA 43) fliessen Tränen der Erleichterung: «Ich hatte Angst wegen dem, was im letzten Jahr passiert ist.» Damals hatte ihr Vater Igor trotz Hausverbot versucht, sich in Luzern Zutritt zur Halle zu verschaffen.

Auch in Genf gibt es Schreckmomente. Im ersten Satz wird Bacsinszky von einer Wespe (!) gestochen. «Ich hatte Panik», sagt Bacsinszky, die nach der Pause mit zwei Punkten in Folge ein Break realisiert. Dass sie sich im zweiten Satz wegen eines Krampfs im Oberschenkel behandeln lässt, kommt bei ihrer Gegnerin Cornet nicht gut an:

«Ich war bereit für einen dritten Satz, sie nicht.» Bereits zuvor hatte das Publikum Yannick Noahs Verbalattacke gegen Martina Hingis («Ich hoffe, wir massakrieren sie») mit Pfiffen quittiert.

Weniger gut als Bacsinszky läuft es Belinda Bencic (19, WTA 81), die Kristina Mladenovic (23, WTA 31) in zwei Sätzen mit 3:6, 4:6 unterliegt. «Sie war schlicht besser», sagt Bencic über ihre Freundin. So steht es nach dem ersten Tag des Duells zwischen der Schweiz und Frankreich 1:1 und Heinz Günthardt nutzt die Chance zu einer taktischen Spielerei. «Wir haben zwei gute Optionen. Vielleicht gibt es ja eine Überraschung.»
Das dritte Einzel bestreitet heute ab 13.00 Uhr Bacsinszky gegen Mladenovic. Bis zehn Minuten nach dem Matchball könnte Günthardt für das vierte Einzel Bencic durch Viktorija Golubic (24, WTA 63) ersetzen. Gleich verhält es sich beim Doppel, für das Martina Hingis und Golubic sowie bei Frankreich Pauline Parmentier und Amandine Hesse nominiert sind.

Skepsis in der Heimat

Mit zwei Einzel-Siegen gegen Conchita Martinez und Arantxa Sanchez Vicario erfüllt Hingis die Erwartungen. Aber im entscheidenden Doppel schwinden bei Patty Schnyder und bei Hingis die Kräfte.

anach kommt es zum Zerwürfnis, Mutter Melanie Molitor wird als Captain abgesetzt, Hingis spielt fast 17 Jahre nicht mehr für das Fed-Cup-Team, verzichtet 2000 auch auf die Olympischen Spiele. Entscheidungen, die ihrem Ansehen schaden. Zuerst ist sie zu jung, um es zu realisieren, später misst sie ihrer Wahrnehmung keine Bedeutung zu.

Hingis, geboren als Martina Hingisova in Kosice, in der Tschechoslowakei, aufgewachsen in Trübbach, im St. Galler Rheintal, wendet sich von ihrer Heimat ab. Sie bemüht sich nie ernsthaft darum, ihr Image zu verbessern.

1997, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, landet sie bei einer Umfrage des inzwischen eingestellten Nachrichtenmagazins «Facts» nach den populärsten Schweizer Sportlern auf Rang 13. Die 2002 in einer Lawine tödlich verunfallte Marathonläuferin Franziska Rochat-Moser gewinnt vor Skifahrer Michael von Grünigen.

«Habe meine Lektionen gelernt»

Hingis entfremdet sich von der Schweiz. Immer öfter hält sie sich in Saddlebrook, Florida, auf. Bei grossen Turnieren weigert sie sich zuweilen, Deutsch zu sprechen. Während sie in Fernost und in den USA verehrt wird, stösst sie in der Schweiz auf Skepsis.

Das hat viel mit ihrem beispiellosen Erfolg zu tun. Mit 16 ist sie die jüngste Nummer 1 der Welt. Sie spielt filigran und intelligent, tappt aber immer wieder in Fettnäpfchen. Das ist Gift, wenn man wie sie im medialen Fokus aufwächst. Später reissen private Eskapaden noch tiefere Risse.

2003 beendet sie ihre Karriere mit nur 22 Jahren wegen chronischer Fussbeschwerden. Schuld soll Schuhhersteller Tacchini sein, der verklagt wird. 2004 kehrt sie zurück, um drei Jahre später wegen einer positiven Dopingprobe erneut das Handtuch zu werfen. Sie versucht sich im Springreiten, heiratet, trennt sich wieder.

Aber das Tennis lässt sie nie wirklich los. Darum kehrt sie 2013 erneut zurück, diesmal nur im Doppel. «Ich bin froh, kann ich Tennis spielen. Weit weg von allem. Ich habe meine zwei Lektionen gelernt im Leben – einmal im Doping, einmal im Privatleben», sagt sie Anfang 2015 zum «Tages-Anzeiger».

Olympia-Silber als Wendepunkt

Den Wendepunkt ihrer öffentlichen Wahrnehmung in der Schweiz bildet die Rückkehr in den Fed Cup im Frühling 2015 in Polen. Wegen der dünnen Personaldecke spielt Hingis dort im Einzel und kommt zur Erkenntnis, dass sie sich künftig aufs Doppel konzentrieren will.

Heute ist ihr Palmarès mit 22 Grand-Slam-Siegen geschmückt, 5 im Einzel, 12 im Doppel, 5 im Mixed. Im letzten August gewinnt sie bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit Timea Bacsinszky Silber im Doppel. Hingis hat sich mit der Schweiz ausgesöhnt.

Dass sie wieder Tennis spielt, gefällt dennoch nicht allen. «Man sollte sie fragen, warum sie nicht aufhört. Mir reichts. Ich hoffe, dass wir sie massakrieren werden», sagt Yannick Noah am Freitag. Mit Hingis hat der 56-Jährige noch eine Rechnung offen. 1998 kam er als Fed-Cup-Captain im Halbfinal in Sitten gegen die Schweiz mit 0:5 unter die Räder. Zuvor hatte Hingis ihre Kontrahentin Amélie Mauresmo als «halben Mann» bezeichnet. Noah ist Mauresmos Nachfolger als Fed-Cup-Captain und mit dieser befreundet.

Zwei letzte Rechnungen hat aber auch Martina Hingis noch offen. Den Fed Cup hat sie nie gewinnen können. Und im Doppel hat sie vor fast 20 Jahren erst eine Partie auf Schweizer Boden gewinnen können. Im letzten April verlor sie mit Viktorija Golubic in Luzern im Halbfinal gegen Tschechien das entscheidende Duell. Im Halbfinal gegen Noahs Frankreich 1998 kam sie nur im Einzel zum Einsatz.