Martina Hingis

Offene Rechnungen: Martina Hingis und die Versöhnung mit der Schweiz

Martina Hingis hat sich mit der Schweiz ausgesöhnt und zum Tennis zurückgefunden. Doch zwei Rechnungen hat sie noch offen.

Sie ist die Letzte, die am Freitag im Museum des Roten Kreuzes in Genf ihren Platz einnimmt. Ihr Haar hat sie mit einem roten und einem weissen Gummiband zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Es sind kleine Zeichen, aber sichtbare, mit denen Martina Hingis (36) ihre Verbundenheit zur Schweiz ausdrückt.

Als die Auslosung vollzogen ist, parliert sie erst in Französisch, dann in Deutsch. Dazu steht sie Belinda Bencic und Viktorija Golubic als Übersetzerin und moralische Unterstützung zur Seite.

Letztmals sitzt sie vor fast 19 Jahren hier. Damals empfängt das Fed-Cup-Team im Final Spanien. Es ist die grösste Stunde des Frauen-Nationalteams, und auch die bitterste. 12'000 Zuschauer pilgern an diesem September-Wochenende täglich in die Palexpo-Halle.

«Die Atmosphäre war berauschend. Die Erinnerungen sind noch sehr präsent», sagt Hingis. Damals steht sie im Zenit ihrer Einzel-Karriere. Am Wochenende zuvor hatte die 17-Jährige bei den US-Open ihren sechsten Grand-Slam-Final erreicht und mit Jana Novotna das Doppel gewonnen. Um früher beim Team zu sein, fliegt sie mit der Concorde ein.

Skepsis in der Heimat

Mit zwei Einzel-Siegen gegen Conchita Martinez und Arantxa Sanchez Vicario erfüllt Hingis die Erwartungen. Aber im entscheidenden Doppel schwinden bei Patty Schnyder und bei Hingis die Kräfte.

anach kommt es zum Zerwürfnis, Mutter Melanie Molitor wird als Captain abgesetzt, Hingis spielt fast 17 Jahre nicht mehr für das Fed-Cup-Team, verzichtet 2000 auch auf die Olympischen Spiele. Entscheidungen, die ihrem Ansehen schaden. Zuerst ist sie zu jung, um es zu realisieren, später misst sie ihrer Wahrnehmung keine Bedeutung zu.

Hingis, geboren als Martina Hingisova in Kosice, in der Tschechoslowakei, aufgewachsen in Trübbach, im St. Galler Rheintal, wendet sich von ihrer Heimat ab. Sie bemüht sich nie ernsthaft darum, ihr Image zu verbessern.

1997, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, landet sie bei einer Umfrage des inzwischen eingestellten Nachrichtenmagazins «Facts» nach den populärsten Schweizer Sportlern auf Rang 13. Die 2002 in einer Lawine tödlich verunfallte Marathonläuferin Franziska Rochat-Moser gewinnt vor Skifahrer Michael von Grünigen.

«Habe meine Lektionen gelernt»

Hingis entfremdet sich von der Schweiz. Immer öfter hält sie sich in Saddlebrook, Florida, auf. Bei grossen Turnieren weigert sie sich zuweilen, Deutsch zu sprechen. Während sie in Fernost und in den USA verehrt wird, stösst sie in der Schweiz auf Skepsis.

Das hat viel mit ihrem beispiellosen Erfolg zu tun. Mit 16 ist sie die jüngste Nummer 1 der Welt. Sie spielt filigran und intelligent, tappt aber immer wieder in Fettnäpfchen. Das ist Gift, wenn man wie sie im medialen Fokus aufwächst. Später reissen private Eskapaden noch tiefere Risse.

2003 beendet sie ihre Karriere mit nur 22 Jahren wegen chronischer Fussbeschwerden. Schuld soll Schuhhersteller Tacchini sein, der verklagt wird. 2004 kehrt sie zurück, um drei Jahre später wegen einer positiven Dopingprobe erneut das Handtuch zu werfen. Sie versucht sich im Springreiten, heiratet, trennt sich wieder.

Aber das Tennis lässt sie nie wirklich los. Darum kehrt sie 2013 erneut zurück, diesmal nur im Doppel. «Ich bin froh, kann ich Tennis spielen. Weit weg von allem. Ich habe meine zwei Lektionen gelernt im Leben – einmal im Doping, einmal im Privatleben», sagt sie Anfang 2015 zum «Tages-Anzeiger».

Olympia-Silber als Wendepunkt

Den Wendepunkt ihrer öffentlichen Wahrnehmung in der Schweiz bildet die Rückkehr in den Fed Cup im Frühling 2015 in Polen. Wegen der dünnen Personaldecke spielt Hingis dort im Einzel und kommt zur Erkenntnis, dass sie sich künftig aufs Doppel konzentrieren will.

Heute ist ihr Palmarès mit 22 Grand-Slam-Siegen geschmückt, 5 im Einzel, 12 im Doppel, 5 im Mixed. Im letzten August gewinnt sie bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit Timea Bacsinszky Silber im Doppel. Hingis hat sich mit der Schweiz ausgesöhnt.

Dass sie wieder Tennis spielt, gefällt dennoch nicht allen. «Man sollte sie fragen, warum sie nicht aufhört. Mir reichts. Ich hoffe, dass wir sie massakrieren werden», sagt Yannick Noah am Freitag. Mit Hingis hat der 56-Jährige noch eine Rechnung offen. 1998 kam er als Fed-Cup-Captain im Halbfinal in Sitten gegen die Schweiz mit 0:5 unter die Räder. Zuvor hatte Hingis ihre Kontrahentin Amélie Mauresmo als «halben Mann» bezeichnet. Noah ist Mauresmos Nachfolger als Fed-Cup-Captain und mit dieser befreundet.

Zwei letzte Rechnungen hat aber auch Martina Hingis noch offen. Den Fed Cup hat sie nie gewinnen können. Und im Doppel hat sie vor fast 20 Jahren erst eine Partie auf Schweizer Boden gewinnen können. Im letzten April verlor sie mit Viktorija Golubic in Luzern im Halbfinal gegen Tschechien das entscheidende Duell. Im Halbfinal gegen Noahs Frankreich 1998 kam sie nur im Einzel zum Einsatz.

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