Optimistischer Marco Odermatt vor dem Saisonendspurt: «Ich glaube, es ist noch etwas möglich»

Marco Odermatt erlebt trotz Verletzung einen erfolgreichen Winter. In diesen Tagen finden in Hinterstoder Rennen in seinen favorisierten Disziplinen statt.

Claudio Zanini
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2. Platz in Japan: Marco Odermatt beim Riesenslalom von Yuzawa Naeba.

2. Platz in Japan: Marco Odermatt beim Riesenslalom von Yuzawa Naeba.

Bild: Christopher Jue/Keystone

Wie sehr Athleten- und Reportersicht auseinanderklaffen können, zeigt sich am Beispiel des Nationencups. Je nach Sichtweise verliert das Thema an Brisanz. Medial steht es seit Anfang Saison auf der Agenda, da die Österreicher in der Post-Hirscher-Ära schwächeln. Bei Marco Odermatt ist der Stellenwert geringer. Er sagt, ein Schweizer Sieg in der Nationenwertung wäre «eine coole Sache». Eine «coole Sache» eben. Er sagt es mit einer Begeisterung, wie wenn er zwei gleiche Socken aus dem Wäschekorb gefischt hätte. «Letztlich zählt für jeden Athleten das Einzelrennen, die Einzelwertung. Wenn Beat Feuz die Abfahrtskugel gewinnen würde, aber alle vom Sieg in der Nationenwertung reden würden, fände ich das schade.»

Unaufgeregt begegnete er in der letzten Woche auch dem Corona-Virus in Japan, wo die FIS in dieser Saison zwei Weltcup-Rennen in den Kalender aufnahm. Japan gehört aktuell zu den grössten Infektionsherden, Schulen bleiben geschlossen, wer sich mit Symptomen bei Behörden meldet, erhält eine Prämie. Odermatt erzählt: «Ich habe ein bisschen mehr die Hände desinfiziert als sonst.» Auch ein Mundschutz habe er getragen. Auf Instagram gibt es ein Bild dazu. Odermatt mit den Teamkollegen Gino Caviezel und Thomas Tumler in Tokio, alle drei tragen Mundschutz. Es sieht nach gewöhnlichem Städtetrip einer Männerclique aus, die Angst vor dem Virus müsste man den dreien andichten.

Der Ausflug nach Japan war in vielerlei Hinsicht speziell. Nach der wetterbedingten Absage des Slaloms gewann die Reise nochmals reichlich an Absurdität. Der gesamte Weltcup-Tross flog für einen einzelnen Riesenslalom nach Japan. «Einen solchen Aufwand für ein einziges Rennen zu betreiben, ist aus finanzieller und ökologischer Sicht fragwürdig. Aber es heisst ja ‹Weltcup› und nicht ‹Europacup›. Deshalb ist es normal, dass wir in allen Teilen der Welt fahren», sagt Odermatt.

Das Comeback nach einem Monat

Aussergewöhnlich war jedenfalls die Tatsache, dass Marco Odermatt in Yuzawa Naeba wieder aufs Podest fuhr. Er wurde Zweiter, hinter dem Kroaten Filip Zubcic, vor dem US-Amerikaner Tommy Ford. «Das Ergebnis gibt mir Sicherheit für die letzten Rennen. Ich glaube, es ist noch etwas möglich», sagt er. Es zeichnen sich vielversprechende letzte Wochen ab, zumal Odermatt Frühlingsschnee tendenziell besser liegt. In Hinterstoder stehen in diesen Tagen mit Super-G (heute) und Riesenslalom (Montag) seine favorisierten Disziplinen auf dem Programm.

Der Podestplatz von Japan, der vierte in seiner vierten Weltcup-Saison, ist insofern erstaunlich, weil es in diesem Winter eine Verletzungsgeschichte gab: Zwei Tage vor Weihnachten riss sich Odermatt den Meniskus im rechten Knie. In Alta Badia, auf einer Piste, die von vielen Fahrern kritisiert wurde, weil sie schon bei der Besichtigung gebrochen war und zu viele Schläge hatte. Ein Schlag nach einem Schwung reichte, um Odermatt auszubremsen.

Drei Wochen nach der Verletzung erstaunte er am Rande des Weltcups in Adelboden mit der Aussage, bereits in Kitzbühel wieder am Start stehen zu wollen. Das Ziel schien ambitioniert, auch wenn Odermatt signalisierte, kein unnötiges Risiko eingehen zu wollen. In Kitzbühel war er tatsächlich wieder dabei, seit Alta Badia war ein Monat vergangen.

«In dieser Zeit kann ich nicht so viel verlernen»

Seit Odermatt im Oktober 2016 im Weltcup debütierte, blieb er nur im Winter 2018 ohne Verletzung. Hadern will er wegen der Häufung nicht, im Alltag sei er aber vorsichtiger geworden. «Wenn die Teamkollegen Tennis spielen, verzichte ich. Wenn ich zu Hause bin, regeneriere ich mich und gehe nicht Tiefschneefahren», sagt er. «Aber das fällt mir leicht. Ich bin ja kaum zu Hause. Und Schnee hat es ebenfalls nicht.»

Am Ende liegen genau zwei Monate zwischen der Verletzung und dem Podestplatz in Japan. Das Comeback verlockt zum Vergleich mit Pirmin Zurbriggen. Der Walliser wurde 1985 in Bormio Doppelweltmeister, drei Wochen nach einer Meniskusoperation. Im «Blick» sagte Zurbriggen deshalb: «Marco erinnert mich oft an mich.» Weniger spektakulär klingt es, wenn Odermatt nach einer Erklärung für den Podestplatz von Japan sucht: «Ich war ja nur einen Monat weg gewesen. In dieser Zeit kann ich nicht so viel verlernen.»