Rio 2016
Nur noch wir zwei: Bacsinszky und Hingis vertreten die Tennisnation Schweiz

Timea Bacsinszky und Martina Hingis halten in Rio für die Schweiz die Stellung, nachdem der Reihe nach Roger Federer, Belinda Bencic und Stan Wawrinka für Olympia Forfait gaben.

Marcel Kuchta
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Vertreten die Tennis-Schweiz in Rio: Martina Hingis und Timea Bacsinszky.

Vertreten die Tennis-Schweiz in Rio: Martina Hingis und Timea Bacsinszky.

Keystone

Irgendwann musste der Medienchef der Schweizer Olympia-Delegation eingreifen: «Jetzt aber bitte keine Fragen mehr zu Roger Federer», befahl Christof Kaufmann den Journalisten halb ernst, halb augenzwinkernd. Dabei wusste er selber genau, dass sich beim offiziellen Pressetermin mit den beiden letzten verbliebenen Mitgliedern der Schweizer Tennis-Delegation, Martina Hingis und Timea Bacsinszky, letztlich doch sehr viel um die grossen Abwesenden drehen würde.

Und so verliehen die brasilianischen Journalisten ihrer Enttäuschung über die Olympia-Absage von Weltstar Federer recht unverblümt Ausdruck («wir haben uns alle darauf gefreut, ihn hier zu sehen») und fragten dann die beiden Athletinnen noch, wie sich das eigentlich für sie so anfühle, wenn die grosse Ikone fehle. Martina Hingis und Timea Bacsinszky machten das Spiel geduldig und höflich mit. Hingis sagte: «Roger und ich hätten im Mixed sicher gute Medaillen-Chancen gehabt.»

Noch in Wimbledon habe sie gescherzt, dass sie für Rio gleich zwei gute Ersatzvarianten hätte, falls sich Spieler verletzen oder zurückziehen würden. Nach den Absagen von Belinda Bencic und von Stan Wawrinka, der schon vorher hatte durchblicken lassen, dass er auf den Mixed-Bewerb verzichten wolle, muss Martina Hingis jetzt sogar froh sein, dass sie mit Timea Bacsinszky überhaupt noch eine Partnerin an ihrer Seite hat.

Aus 9 mach 2

Ja, aus dem ehemals stolzen Schweizer Tennistrupp, der bestenfalls sechs Mitglieder stark gewesen wäre (Viktorija Golubic hätte auch Doppel gespielt, wenn sich Belinda Bencic nicht verletzt hätte) und der maximal neun Startgelegenheiten gehabt hätte (2 Männer-Einzel, 2 Frauen-Einzel, 2 FrauenDoppel, 1 Männer-Doppel und 2 Mixed-Doppel) ist ein Rumpfteam geworden. «#justthetwoofus» lautete ein Hashtag, den Timea Bacsinszky auf Twitter veröffentlichte in Anlehnung an den 1980er-Jahre-Hit des US-Songwriters Bill Withers – «Nur noch wir zwei».

Hingis und Bacsinszky halten also das Fähnchen der Tennis-Schweiz in Rio aufrecht. Beide treten heute Samstag zum ersten Mal an: Die Lausannerin trifft in der ersten Runde des Einzels auf die Chinesin Zhang. Später am Abend werden die beiden Schweizerinnen im Doppel gegen das australische Duo Gavrilova/Stosur antreten. Bacsinszky sagt: «Ich setze mir nie Ziele. Ich träume aber von einer Medaille.»

Kurios ist die Situation rund um das geschrumpfte Schweizer Tennisteam auch für Severin Lüthi, der hier in Rio als Teamchef amtet. Er, der zum Trainerstab von Roger Federer gehört und als Davis-Cup-Captain auch mit Stan Wawrinka zusammenarbeitet, hat in der letzten Woche seine beiden Zugpferde verloren. «Die letzten Tage waren unglücklich. Aber so funktioniert es manchmal im Sport», sagt Lüthi. Stan Wawrinkas sehr späte Absage, von der er kurz nach seiner Landung in Rio am Dienstag erfuhr, mochte er nicht gross kommentieren. Er sagte lediglich: «Wenn Stan sagt, es geht nicht, dann geht es nicht.»

Kaum definierbare Rolle

Lüthi muss an den Olympischen Spielen jetzt eine Rolle ausfüllen, die eigentlich gar nicht definierbar ist. Er selbst beschreibt sie folgendermassen: «Ich versuche zu helfen, wo ich kann, übernehme die Koordination der Trainingsplätze und sorge dafür, dass alles klappt.» Sein Input bezüglich Technik und Taktik wird minim bleiben. Wenn überhaupt, dann wird er im psychologischen Bereich etwas Einfluss nehmen, wenn es nötig ist.

Der Teamchef ist sich im Klaren, dass er Martina Hingis nicht mehr erklären muss, wie man Doppel spielt: «Sie hat so viel Erfahrung. Ich bin diesbezüglich sogar weniger versiert als sie.» Bacsinszky hat ihren eigenen Coach, Dimitri Zavialoff, dabei. Es war eine der Forderungen Lüthis gewesen, dass jeder Spieler und jede Spielerin den gewohnten Staff mitnehmen durfte – auch, damit er selbst sich auf Federer hätte konzentrieren können.