Mountainbike
Nun soll Gold folgen

Der Bündner Mountainbiker Nino Schurter kann heute mit Gold seine Medaillensammlung an Olympischen Spielen vervollständigen. Zehn Gründe, weshalb er das schafft

Kristian Kapp, Rio de Janeiro
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Im Fokus der Medien: Goldhoffnung Nino Schurter.

Im Fokus der Medien: Goldhoffnung Nino Schurter.

Keystone

Die Geschichte ist zu schön ist, um nicht wahr zu werden: Schurter holte 2008 Bronze und gewann in London nach einem epischen Fight mit Jaroslav Kulhavy Silber. Nach den Plätzen 3 und 2 kann in Rio nur die 1 folgen.

> Schurter ist mehr als nur ein Bikeprofi: Der Spanier José Hermida nennt ihn einen «Créateur», einen Sportler Michael Jordan beim Basketball: Athleten, die in ihrer Sportart Neues erschaffen. Julien Absalon, seit neun Jahren französischer Dauerrivale Schurters und Bikelegende, adelt den Bündner als grössten Motivator: «Nino ist es, der mich stets pusht, noch härter zu arbeiten.»

> Schurter ist der beste Allrounder: Der Bündner hat keine wirklichen Schwächen, kommt mit jedem Parcours zurecht. Er gehört zu den besten Kletterern, ist downhill kaum zu bezwingen, bleibt cool, wenn andere von der Hitze erschlagen werden, ist taktisch variabel, lässt auch mal andere für sich arbeiten, um gnadenlos im richtigen Moment zuzuschlagen, und muss sich auch im Sprint vor keinem Konkurrenten verstecken. Bisher schien Schurter höchstens verwundbar, wenn Rennen bei extrem schlechtem Wetter zu einer Schlammschlacht, dem Radquer gleich, ausarteten. Das droht in Rio nicht.

> Schurter ist lernfähig: Den «Fehler» wie vor vier Jahren in London wird er nicht begehen: «Ich dachte, ich müsse das Rennen zu sehr kontrollieren, ich war Favorit, wollte alles in die Hand nehmen. Es braucht aber auch Gelassenheit, du musst auch cool bleiben in einem Rennen.»

> Die Ausgangslage ist klarer: Kulhavy überraschte vor vier Jahren viele – auch die Schweizer. Zwei Tage vor dem Rennen hatten Schurter und Co. den Tschechen nicht auf der Liste, zu durchzogen war seine Saison vor Olympia gewesen. Danach gab dieser zu: «In diesem Jahr ging es mir nur um dieses eine Rennen.» 2016 ist alles klar, sind alle Favoriten formstark.

> Schurters Selbstvertrauen stimmt: Es sei ihm egal, gegen wen er um den Sieg fighte, solange er auch wirklich vorne dabei sei. Zweifel hat er keine: «Wenn man die letzten fünf oder sechs Jahre anschaut, kamen an Weltcuprennen immer nur Absalon, Kulhavy oder ich als Sieger infrage. Auch hier in Rio wird der Sieg über uns drei führen.»

> Die Routine erlaubt Gelassenheit: «2008 kam ich als jüngster Fahrer ins Team, es lastete kein Druck auf mir, ich konnte Olympia geniessen. 2012 war ganz anders, so wie jetzt.» Der Unterschied: «Ich kann viel gelassener in die Spiele gehen, da ich unterdessen schon ganz vieles erreichen durfte. Ich habe die Reife dafür. Dies erlaubt mir, das Beste aus mir rauszuholen und die fehlende Medaille zu gewinnen.»

> Schurter weiss, was er will: «Ich will nicht noch eine bronzene oder silberne Medaille. Ich bin nach Rio gekommen, um zu gewinnen.» Mit diesem extremen Einengen der Bedeutung von «Erfolg» setzt sich Schurter unter Druck. Doch nie zerbrach er daran. Im Gegenteil. Dieser pushte ihn zu Höchstleistungen. Nur an einem WM- oder Olympiarennen in seiner ganzen Karriere stand Schurter nicht auf dem Podest.

> Er hat alles für den Erfolg getan: Als junger Biker hatte Schurter noch nicht den Ruf des «Tüftlers». Unter Teamchef Thomas Frischknecht entwickelte er stetig mehr Verständnis und Interesse an der Technik des Mountainbikes. Mittlerweile achtet kaum ein Konkurrent so auf alle möglichen Details wie Schurter: «Ich habe alles gemacht, was ich konnte. Ich habe nichts ausgelassen. Was ich nicht kontrollieren kann, kann ich nicht kontrollieren. Ich brauche also auch das nötige Glück.» Wenn das nicht zum Gewinnen reiche, sei es Schicksal: «Wenn einer klar stärker sein sollte, obwohl ich mein Bestes abrufen konnte, bin ich nicht enttäuscht, wenn es nicht reicht. Es geht um diesen einen Tag, an dem du alles abrufen musst.»

> Schurter ist nicht alleine: «Es ist kein Strassenrennen», sagt Schurter über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit seinen Schweizer Kollegen Mathias Flückiger und Lars Forster. Aber er weiss: Die künstlich errichtete Strecke ohne natürliche Wurzeln, dafür mit viel Steinen und einem Parcours, der einem Kiesweg ähnelt und entsprechend schnell ist, wird für ein spezielles Bikerennen sorgen. Der Faktor Team sei nicht zu unterschätzen: «Wir haben einen guten Spirit entwickelt in den letzten Tagen. Wir wollen zwar das Rennen nicht nur kontrollieren und unnötige Körner verpuffen. Aber mit unserem starken Team können wir vor dem Rennen hinstehen und den anderen etwas Furcht einjagen.»