Kommentar

Novak Djokovic und die schäbige Hexenjagd auf die Linienrichterin

Die Schlagzeile der serbischen Boulevard-Zeitung «Blic». Die Redaktion von CH Media hat das Gesicht der Linienrichterin und die Quellenangabe, die auf ihr Instagram-Profil hinweist, verpixelt, serbische Medien taten das nicht.

Die Schlagzeile der serbischen Boulevard-Zeitung «Blic». Die Redaktion von CH Media hat das Gesicht der Linienrichterin und die Quellenangabe, die auf ihr Instagram-Profil hinweist, verpixelt, serbische Medien taten das nicht.

Novak Djokovic wurde bei den US Open disqualifiziert, nachdem er eine Linienrichterin mit einem Ball am Hals getroffen hatte, unabsichtlich. Gegen die Frau hat eine veritable Hexenjagd begonnen - befeuert durch britische und serbische Medien, die ihren Namen öffentlich machten.

Ein unglücklicher Zufall katapultierte eine Frau ins Schaufenster der Weltöffentlichkeit. Tennis-Spieler Novak Djokovic hatte bei den US Open im Frust einen Ball weggedroschen und die Linienrichterin so unglücklich am Hals getroffen, dass die Getroffene zu Boden ging und um Luft rang. Daraufhin kam der Turnierschiedsrichter auf den Platz und disqualifizierte Djokovic nach längerer Diskussion. Der Serbe hatte bereits im Game zuvor einen Ball weggeschlagen. Dass er beim Vorfall, der dann zum Ausschluss führte, nicht vorsätzlich handelte, ist unerheblich. Der Turnierleitung blieb keine andere Wahl. Dennoch hoffte er auf eine Sonderbehandlung, sagte: «Sie muss nicht ins Krankenhaus. Gehen Sie in dieser Situation nach Standard vor? Meine Karriere, Grand Slam, Centre Court?»

Djokovic handelte ohne Vorsatz, nach Ansicht des Schiedsrichters aber fahrlässig. Dass er die Frau tatsächlich traf, ist aber vor allem eines: maximal unglücklich. Djokovic selber hatte zwar auf einen Sonderbonus gehofft, sah aber von allem Anfang an ein, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er war der Täter, die Linienrichterin das Opfer. Anders handelten serbische Medien, die nicht nur von einem «Skandal» sprachen, sondern eine mediale Hexenjagd auf die Frau eröffneten. Sie zeigten Bilder aus ihrem Alltag, erzählen, weshalb sie Schiedsrichterin wurde, oder welche alkoholischen Getränke sie mag. Sie zeigten sie auf ihren Titelseiten und schrieben: «Wegen ihr wurde Novak aus den US Open geschmissen!»

Die Schlagzeile der serbischen Boulevard-Zeitung «Blic». Die Redaktion von CH Media hat das Gesicht der Linienrichterin und die Quellenangabe, die auf ihr Instagram-Profil hinweist, verpixelt, serbische Medien taten das nicht.

Die Schlagzeile der serbischen Boulevard-Zeitung «Blic». Die Redaktion von CH Media hat das Gesicht der Linienrichterin und die Quellenangabe, die auf ihr Instagram-Profil hinweist, verpixelt, serbische Medien taten das nicht.

Nun wird die Frau auch in den sozialen Medien massiv angefeindet. Man wünscht ihr, dass sie in der Hölle verrottet, fragt, weshalb sie nicht schon längst kremiert worden sei. Ausserdem gebe es im Sport keinen Platz für Menschen, die so viel Alkohol trinken. Das Karma werde zurückschlagen. Denn sie, so die Argumentation, sei der Grund, weshalb Novak Djokovic bei den US Open disqualifiziert worden sei. Wie bitte? Es ist ei Musterbeispiel für so genanntes Victim Blaming, die Täter-Opfer-Umkehrung. Dabei wird versucht, die Aufmerksamkeit auf das Opfer zu lenken. Dabei tut es nichts zur Sache, wer sie ist und wie sie lebt. Es ist ein schäbiger Versuch, in Form von Klicks aus dem Vorfall möglichst viel Kapital zu schlagen.

Die Linienrichterin ist das Opfer eines unglücklichen Vorfalls, das die Disqualifikation von Novak Djokovic zur Folge hatte. Man kann über Sinn und Unsinn dieser Entscheidung diskutieren. Man kann die Frage stellen, ob nicht ein klarer Vorsatz vorliegen müsste, um einen Spieler sofort zu disqualifizieren. Man kann darüber diskutieren, ob eine Verwarnung, ein Punktabzug oder ein Satzabzug, wie Djokovic selber ihn vorgeschlagen hatte, sinnvoller gewesen wären. Aber man sollte nicht die Tatsachen verdrehen und aus einem Opfer eine Täterin machen. Wenigstens einer sieht das auch so: Novak Djokovic. Er schreibt: «Sie hat nichts Falsches getan.» Er ruft dazu auf, sie zu unterstützen. Und nicht anzufeinden.

Der Vorfall aufgezeichnet:

Djokovic disqualifiziert: "Ob bewusst oder unbewusst geschlagen, spielt keine Rolle"

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