US Open

Novak Djokovic hoffte bei den US Open auf Sonderbonus und sagte: «Sie muss nicht ins Krankenhaus! Was ist mit meiner Karriere?»

Djokovic disqualifiziert: "Ob bewusst oder unbewusst geschlagen, spielt keine Rolle"

Djokovic disqualifiziert: "Ob bewusst oder unbewusst geschlagen, spielt keine Rolle"

Novak Djokovic schiesst am US Open versehentlich einer Linienrichterin den Ball gegen den Hals und wird disqualifiziert. Trotz klaren Regeln überrascht die Härte der Strafe Tennis-Journalist René Stauffer.

Novak Djokovic schadete dem Tennissport mit seiner Adria-Tour schon während der Corona-Pandemie. Seine Disqualifikation bei den US Open ist der traurige Tiefpunkt eines Dramas mit Vorankündigung. Ein Kommentar.

Nachdem Novak Djokovic in seinem Achtelfinal gegen den Spanier Pablo Carreño Busta drei Satzbälle nicht hatte nutzen können und seinen Aufschlag zum 5:6 abgegeben hatte, schmetterte er einen Ball frustriert weg und traf dabei eine Linienrichterin so unglücklich am Hals, dass diese zu Boden ging und um Luft rang. Daraufhin kam der Turnierschiedsrichter auf den Platz und disqualifizierte Djokovic nach längerer Diskussion.

Der Serbe hatte bereits im Game zuvor einen Ball weggeschlagen. Dass er beim Vorfall, der zum Ausschluss führte, nicht vorsätzlich handelte, ist unerheblich. Der Turnierleitung blieb keine andere Wahl. Dennoch hoffte er auf eine Sonderbehandlung, sagte, sagte: «Sie muss nicht ins Krankenhaus. Gehen Sie in dieser Situation nach Standard vor? Meine Karriere, Grand Slam, Centre Court?»

Djokovic wusste sofort, dass das Turnier für ihn zu Ende ist. Er sagte noch auf dem Platz: «Ich akzeptiere jede Entscheidung. Es ist mein Fehler.»

Novak Djokovic ist erst der sechste Spieler überhaupt, der bei einem Grand-Slam-Turnier im Einzel disqualifiziert wird, der erste seit 20 Jahren. Unvergessen ist, wie John McEnroe 1990 bei den Australian Open in der vierten Runde gegen Mikael Pernfors disqualifiziert wurde. Allerdings hatte sich das Drama damals angekündigt, McEnroe war zuvor bereits zwei Mal verwarnt worden. Djokovic wurde gleich das erste Vergehen zum Verhängnis. Allerdings war der 33-jährige Serbe schon bei früheren Gelegenheiten nur knapp einer Disqualifikation entgangen. Zum Beispiel in den Viertelfinals der French Open 2016, als er aus Frustration sein Racket geworfen und beinahe einen Linienrichter getroffen hätte.

Djokovic im Gespräch mit Schiedsrichter Sören Friemel, der keine andere Wahl hatte, als den Serben vom Turnier auszuschliessen.

Djokovic im Gespräch mit Schiedsrichter Sören Friemel, der keine andere Wahl hatte, als den Serben vom Turnier auszuschliessen.

Mit der Adria-Tour nahm das Debakel seinen Lauf

Es waren nur Sekundenbruchteile, die über sein Schicksal entschieden, doch sie stehen sinnbildlich für das letzte Halbjahr des Novak Djokovic, das mit der Adria-Tour begann. Niemand weiss mit abschliessender Sicherheit, was ihn getrieben hat, als er auf dem Höhepunkt der Pandemie auf dem Balkan ein Turnier veranstaltete. War es der Wunsch, Gutes zu tun und Menschen in Not zu helfen, wie er sagte? War es die Sehnsucht nach Anerkennung, die ihn seit seiner Jugend in der kriegsversehrten Heimat nicht loslässt? Oder waren es schlicht Dummheit und Ignoranz, wie ihm seine Kritiker vorwerfen? Was auch immer seine Motive waren: Das Debakel bei der Adria-Tour wird Novak Djokovic nicht mehr los.

Seither tobt über Djokovic ein heftiger Sturm, der völlig ausser Kontrolle geraten ist. Und Djokovic selber tat wenig, um diesen zu beruhigen. Das Gegenteil war der Fall. Er nutzte die Aufmerksamkeit, die sich während der US Open auf ihn konzentrierte, um bekannt zu machen, dass er eine Gewerkschaft gegründet hatte. Seine Forderungen geniessen zwar breite Akzeptanz. Doch sie kommen zur Unzeit und spalten die Spieler, statt sie zu vereinen. Entsprechend heftig waren die Reaktionen. Männer- und Frauentour (ATP, WTA), der Tennisweltverband (ITF) und die vier Grand-Slam-Turniere verurteilten das Vorgehen in einer gemeinsamen Erklärung. Auch Roger Federer und Rafael Nadal kritisierten das Vorgehen scharf.

Die Linienrichterin ringt nach dem Djokovic-Ballwurf um Atem.

Die Linienrichterin ringt nach dem Djokovic-Ballwurf um Atem.

Das alles mag zwar wenig mit der Disqualifikation bei den US Open zu tun haben, doch diese markiert den Tiefpunkt eines Dramas, das sich schon über Monate abgezeichnet hatte. In Abwesenheit von Titelverteidiger Rafael Nadal, Roger Federer und Stan Wawrinka, der Djokovic in zwei Grand-Slam-Finals bezwungen hatte (darunter 2016 bei den US Open), konnte er in New York nur verlieren – weil es ein Erfolg mit Sternchen gewesen wäre. Nun ist Djokovic nicht nur der sportliche Verlierer, sondern Sinnbild eines Turniers, das in der ersten Woche weniger durch den Sport als die groteske Umsetzung der Quarantäne-Regeln für Aufsehen sorgte.

Djokovics Abgang durch die Hintertür

Benoit Paire war vor dem Turnier positiv auf das Coronavirus getestet und folgerichtig in Isolation versetzt worden. Elf Spieler, die in engem Kontakt zu ihm gestanden waren, mussten daraufhin in Quarantäne, wurden aber nicht vom Turnier ausgeschlossen, wie es das Protokoll vorgesehen hätte. Einige beklagten sich dennoch, sie würden wie «Kriminelle» behandelt. Und dann änderten sich auch noch die Spielregeln, als der Staat New York eingriff, die Stadt überging und Adrian Mannarino das Spielen verbot. Als Djokovic davon erfahren hatte, versuchte er, Gouverneur Andrew Cuomo zu kontaktieren. Doch der hatte offenbar keine Zeit oder Lust, sich mit dem Serben zu unterhalten. Auch hier machte Djokovic keine gute Figur.

Novak Djokovic verlässt die US Open als Sinnbild für alles, was im Tennis in den letzten Monaten schief gelaufen ist.

Novak Djokovic verlässt die US Open als Sinnbild für alles, was im Tennis in den letzten Monaten schief gelaufen ist.

Weil er disqualifiziert wurde, wird Novak Djokovic weder Preisgeld noch Weltranglistenpunkte erhalten. Die obligatorische Medienkonferenz verweigerte er und verliess die Anlage des Billie Jean King National Tennis Centers umgehend. Auch das wird eine Busse zur Folge haben. Später entschuldigte sich Djokovic in aller Form. Er wollte die Linienrichterin nicht verletzen, er wollte sie nicht einmal treffen. Dass er es tat, in einem fast leeren Stadion, war einfach nur Pech. Doch die Disqualifikation war danach unumgänglich. Novak Djokovic verlässt New York nicht nur als Verlierer. Sondern als Sinnbild dafür, was im Tennis in den letzten Monaten alles schief gelaufen ist. Nicht nur, aber vor allem wegen ihm.

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