Australian Open
Novak Djokovic: Sein Versuch, als neuer Mensch an alte Erfolge anzuknüpfen, ist gescheitert

Am Ende sind das die Momente, die am meisten bedeuten», sagt Novak Djokovic. Er spricht nicht von einem Sieg auf einer der grossen Tennisbühnen, die ihm einst die Welt bedeutet haben. Sondern von einer Szene, die sich am Sonntag auf einem der Aussenplätze des Melbourne Park zugetragen hat.

Simon Häring
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Ein Sinnsuchender: Für den einst unschlagbaren Novak Djokovic hat alles im Leben seinen Grund.

Ein Sinnsuchender: Für den einst unschlagbaren Novak Djokovic hat alles im Leben seinen Grund.

KEYSTONE

Bei einem Training bat der Serbe einen 12-Jährigen auf den Platz und spielte mit diesem ein paar Ballwechsel. Am Tag darauf verliert der sechsfache Australian-Open-Sieger in den Achtelfinals gegen den Südkoreaner Hyeon Chung (21) nach hochklassiger Partie mit 6:7, 5:7, 6:7.

«Alles im Leben hat seinen Grund»

Was die Szene mit Djokovics Niederlage zu tun hat? Eigentlich nichts. Und doch ist sie ein Sinnbild für das, was in den letzten Monaten aus dem einst Unschlagbaren geworden ist: ein Sinnsuchender. «Alles im Leben hat seinen Grund», sagte Djokovic und machte dabei den Eindruck, als falle ihm schwer, zu akzeptieren, dass es nicht auf jede Frage eine Antwort gibt.

«Gewinnen oder verlieren – es ist nicht der entscheidende Faktor, ob ich glücklich bin.»

Novak Djokovic

Vor anderthalb Jahren, nach dem Sieg bei den French Open 2016, hat er begonnen, sich von seinem alten Selbst zu emanzipieren. Vom getriebenen Asketen, der fast ein Jahrzehnt lang im Schatten von Federer und Nadal gestanden war. Ein unerbittlicher Selbstoptimierer.

Es führte ihn ins Tennis-Nirwana. In nur fünfeinhalb Jahren gewann Djokovic elf Grand-Slam-Titel. Doch Erfüllung fand er dabei offenbar nicht. Also wandte er sich der Spiritualität zu. «Mein ganzes Glück pflegte davon abzuhängen, Tennismatches zu gewinnen. Vielen Athleten geht es heute so. Aber ich versuche, davon loszukommen. Das heisst nicht, dass es mir egal ist, ob ich gewinne oder verliere. Absolut nicht. Aber ich versuche, dies nicht als den entscheidenden Faktor dafür zu sehen, ob ich glücklich bin», sagte er im letzten Sommer.

Die Rückkehr von Novak Djokovic endet in den Achtelfinals.

Die Rückkehr von Novak Djokovic endet in den Achtelfinals.

KEYSTONE/EPA AAP/LUKAS COCH

Nach Wimbledon hatte er seine Saison beendet. Schmerzen am Ellenbogen des rechten Schlagarms hatten ihn zu diesem Schritt gezwungen. Erst auf die Australian Open hin kehrte er zurück. «Kein Sportler will verletzt sein. Andererseits gab mir die Zwangspause die Möglichkeit, endlich mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Denn es gibt auch ein Leben ausserhalb des Tenniscourts», hatte er zwei Tage vor dem Turnier gesagt. Sein Umfeld bestellte er während der Absenz neu; neuer Trainer, neuer Physio, neuer Fitnesstrainer, sogar den Ausrüster wechselte Djokovic.

In der Pause viel meditiert

Seinen Stab an Beratern blähte Djokovic immer weiter auf. Mit Craig O’Shannessy engagierte er sogar einen Datenanalysten. Mit Andre Agassi und dem als Guru verschrieenen Pepe Imaz blieben nur zwei Exponenten aus der alten Entourage an Bord. Novak Djokovic will nicht wieder zu dem werden, der er einmal war. Er will sich neu erfinden. Dazu passt, dass er seine Aufschlagbewegung angepasst hat – wohl auch wegen des Ellenbogens. Doch das sind technische Fragen.

Viel wichtiger ist, was in Djokovics Innerstem passiert. Nachdem er im vergangenen Jahr Eheprobleme gehabt haben soll, wurde der Serbe im September zum zweiten Mal Vater. «Tennis hat nicht mehr oberste Priorität. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich versuche, der beste Ehemann, der beste Vater und der beste Tennisspieler zu sein», sagte er im letzten Jahr, beseelt vom Gedanken, die beste Version seiner selbst zu werden. Ein unmöglicher Spagat.

«Am Ende sind das die Momente, die am meisten bedeuten» Novak Djokovic

«Am Ende sind das die Momente, die am meisten bedeuten» Novak Djokovic

Keystone

Djokovic sagt, er habe während seiner Pause viel meditiert: «Ich kann nicht sagen, was ich dabei gewinne, aber ich kann sagen, was ich verliere: Angst und Stress.» Sein inneres Gleichgewicht mag Djokovic damit gefunden haben, doch scheint er dabei den Biss verloren zu haben, der ihn zum Weltbesten gemacht hat.

Rückkehr endet in Achtelfinals

Während eines Grossteils der dreieinhalb Stunden Spielzeit gegen Chung machte er einen apathischen Eindruck. Er liess Bälle passieren, die er im Zenit seiner Schaffenskraft noch erreicht hätte. Er zeigte kaum Emotionen; stand auf dem Platz und liess mit sich geschehen, was nicht zu verhindern war. Am Ende schien es fast so, als wäre er froh, dass es vorüber war.

Im Dunstkreis der Tennisszene, wo viele mitreden und mitdeuten, wird aus einer Niederlage rasch mehr, als es wirklich ist. Djokovic hat zwölf Grand-Slam-Titel gewonnen. Im Mai wird er 31 Jahre alt. Kürzlich hatte er gesagt, er wolle bis 40 spielen. Er meinte es als Scherz.

Seine Rückkehr endet in den Achtelfinals. Doch es fällt schwer, das als Erfolg zu werten. Ob er schon wisse, wie es für ihn weitergehe, wollte noch jemand von ihm wissen. «Nein», lautete die Antwort; knapp, lapidar und vor allem: ratlos.