Novak Djokovic schulterte seine Taschen, sie schienen tonnenschwer. Der Abgang schmerzte. Er zwang sich zu einem Lächeln und nahm den Arm noch einmal hoch, als er sich unter warmem Applaus von den 15 000 Fans in der Rod-Laver-Arena verabschiedete. Nach vier Stunden und 48 Minuten war sein Traum vom 7. Titel bei den Australian Open zerplatzt, und das bereits in der 2. Runde.

Niemand hatte damit gerechnet, dass Djokovic gegen Denis Istomin verlieren würde. Sogar TV-Experte John McEnroe war sprachlos, wohl zum ersten Mal in seinem Leben: «In meinen wildesten Träumen hätte ich nicht gedacht, dass das passieren würde.» Doch dem 30 Jahre alten Usbeken, die Weltnummer 117, gelang der sensationelle 7:6, 5:7; 2:6, 7:6 und 6:4-Sieg. «Tut mir leid, Novak», entschuldigte sich Istomin und strahlte dann: «Aber ich war so gut heute.» Zweifellos, es war der Tag des Mannes, der stets bunte Brillen passend zum Stirnband trägt.

Doch Djokovic hatte eben auch schon bessere Tage erlebt. «Es war einer dieser Tage, an dem man sich auf dem Platz nicht so gut fühlt - und dein Gegner trifft alles», gestand der 29-jährige Serbe ein. Istomin habe verdient gewonnen. Und Djokovic hatte vor Turnierbeginn wohl die richtige Vorahnung gehabt. «Ich bin nicht unbesiegbar», sagte er, «niemand ist das. Doch in den letzten zehn Jahren waren die Australian Open eben mein erfolgreichstes Turnier.» Sechs Mal gewann er den Titel, umso tiefer sitzt nun die Enttäuschung. Djokovic steckt in einer prekären Phase seiner Karriere.

Die Suche nach dem Seelenfrieden

Irgendwo in den Katakomben der Arena hatte auch Boris Becker im Spielerbereich das Match verfolgt. «Wir waren alle ganz perplex, wie abwesend Novak war», sagte Becker später bei Eurosport. Denn er hat ja inzwischen wieder die Fronten gewechselt, von der Coachingzone zurück in die Kommentatorenbox. «Novak hat viel zu defensiv gespielt und nicht die Initiative übernommen», monierte Becker, «ich bin noch geschockt und muss das erst verdauen. Ich bin immer noch ’Team Djokovic’.»

Doch das ist er eben nicht. Und es wäre nur allzu leicht gewesen, dem ersten Impuls reflexartig nachzugeben und festzustellen: Ohne Becker läuft es bei Djokovic eben nicht mehr. Becker selbst hatte geradezu weise auf ’Ich habe es ja gesagt’-Kommentare verzichtet. Doch es wäre ohnehin nur ein Teil der Wahrheit.

Denn auch mit Becker war Djokovic im Sommer in der dritten Runde von Wimbledon und gleich zum Auftakt der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro gescheitert. Becker warf seinen Schützling danach öffentlich vor, er habe den Sieg bei den French Open zu sehr genossen. Vielmehr hatte der lang ersehnte Triumph Djokovic in eine Sinnkrise gestürzt. Zwölf Major-Titel, die Nummer eins – was konnte ihn jetzt noch reizen?

Offenbar private Eskapaden, die jedoch eine handfeste Ehekrise nach sich zogen. Auf dem Tennisplatz lief nichts mehr zusammen. Manche munkelten, Djokovic leide an Burnout. Er selbst nannte es die Suche nach Seelenfrieden.

Er meditierte viel, sein Guru Pepe Imaz gewann mehr Einfluss, als Becker schmeckte. Dessen Mantra dagegen hiess: hartes Training. Djokovic aber brauchte etwas anderes für sein Seelenheil. Er schien es gefunden, denn beim Turnier in Doha überzeugte der Serbe. Es war wohl bloss Strohfeuer, sein eigenes Feuer aber hat Djokovic noch nicht wiedergefunden.

Kein Anfeuern, keine Kampfschreie wie sonst, wenn er sich aus unwägbaren Situationen befreit - nichts davon zeigte er gegen Istomin. Still und leer wirkte er. Hing ihm Paris noch nach? «Nein, das beeinflusst mich nicht mehr.» Doch irgendwo unterwegs ist sie ihm verloren gegangen, diese Bedingungslosigkeit, mit der er sich jedem Gegner entgegengestellt hatte.

Dieser fast schon pennälerhafte Perfektionswille. «Das wird jetzt eine neue Weichenstellung für ihn», glaubt Becker. In welche Richtung der Weg führen wird, ist noch nicht abzusehen. Andy Murray wird als neue Nummer eins versuchen, aus der Krise des Serben weiter Kapital zu schlagen. Auch die Rückkehrer Federer und Nadal lauern auf ihre Chance. Sie alle haben selbst Schwächephasen überwunden, sich teils danach neu erfunden. Djokovic kann das auch gelingen. Doch am Ende dieses Tages reichte es nur noch zu Sarkasmus. Was er aus Melbourne mitnehmen werde? «Meine Taschen.»