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Novak Djokovic löst Staatskrise in Kroatien aus – Test erst nach Rückkehr nach Belgrad

Tennis-Spieler Novak Djokovic hat mit seiner Adria-Tour in der Region um die kroatische Küstenstadt Zadar eine Krise ausgelöst.

Tennis-Spieler Novak Djokovic hat mit seiner Adria-Tour in der Region um die kroatische Küstenstadt Zadar eine Krise ausgelöst.

Mehrere Spieler und Betreuer, die an der von Novak Djokovic initiierten Adria-Tour spielten, wurden positiv auf das Coronavirus getestet. Nun weitet sich der Skandal zu einer Staatskrise in Kroatien aus.

Andrej Plenković ist ein viel beschäftigter Mann. Am Sonntag besuchte er in der kroatischen Küstenstadt Šibenik ein internationales Kinderfest. Am Tag darauf legte er zu Ehren des 1970 heilig gesprochenen Nikola Tavelić einen Kranz nieder, nahm wie Tausende Schaulustige an einer Prozession zu dessen Ehre und danach an einem Gottesdienst in der weltberühmten Kathedrale des Heiligen Jakob teil. Am Tag davor mischte sich der kroatische Premierminister unter die Bevölkerung, in Zadar, eine gute Autostunde von Sibenik entfernt, wo die von Novak Djokovic initiierte Adria-Tour Halt machte. Natürlich kam es zum Treffen zwischen dem Staatsmann und dem Tennis-Spieler. Natürlich posierte man für ein gemeinsames Bild. Nur Hände geschüttelt – das habe man nicht.

Ob Händedruck oder nicht, längst ist aus dem Treffen eine Staatsaffäre geworden. Denn mit Grigor Dimitrov und Borna Coric wurden zwei Spieler, die bei der Adria-Tour spielten, positiv auf das Coronavirus getestet. Ebenfalls betroffen sind der Trainer von Dimitrov sowie der Fitnesstrainer von Novak Djokovic. Es dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. Denn die Spieler kamen in den letzten Wochen mit Tausenden von Menschen in Kontakt – Kollegen, Helfern, Zuschauern, Politikern und Kindern. Djokovic liess erst ausrichten, er zeige keine Symptome und lasse sich deshalb nicht testen. Er reiste am Montag mit seiner Familie nach Belgrad – wo er sich dann doch einem Test unterzog. Das Ergebnis ist noch offen.

Kroatiens Premierminister Andrej Plenković an einer Feier für den Nikola Tavelić am Sonntag in der kroatischen Küstenstadt Šibenik.

Kroatiens Premierminister Andrej Plenković an einer Feier für den Nikola Tavelić am Sonntag in der kroatischen Küstenstadt Šibenik.

Bürgermeister und Kinder in Quarantäne

Djokovic ist ein Kind des Balkans, aufgewachsen in Kopaonik, einem Dorf an der serbisch-kosovarischen Grenze. Mit der Adria-Tour, geplant in seiner Heimat Serbien, Kroatien, Montenegro und Bosnien & Herzegowina wollte er der Region während der Corona-Pandemie ein Geschenk machen. Der Erlös floss karitativen Zwecken zu. Doch nun erntet Djokovic nur noch Kritik. Der Bürgermeister von Zadar, Branko Dukić, und Božidar Longin, Präfekt der Provinz, wurden in Quarantäne versetzt. Sie hatten dem positiv getesteten Borna Coric die Hand geschüttelt. Über 100 Menschen wurde Selbstisolation verordnet, darunter Kindern, die in der letzten Woche mit Novak Djokovic in Kroatien auf dem Platz gestanden waren.

Kroatien galt bisher dank frühen und sehr strengen Massnahmen sowie guter Früherkennung als Europas Musterschüler in der Eindämmung der Corona-Pandemie. Zu diesem Schluss kam die Oxford University Ende März. Nun wurden innerhalb eines Tages 19 neue positive Fälle registriert, so viele wie seit Ende April nicht mehr. Die Adria-Tour liess verlauten, man habe die epidemiologischen Empfehlungen und die Auflagen der Behörden immer befolgt. Das dem nicht so ist, beweisen die Bilder aus Belgrad und Zadar. Es wird umarmt, es wird geküsst, es werden Hände geschüttelt, es wird getanzt, getrunken, gefeiert. Seit Anfang Juni sind die Restriktionen für Veranstaltungen zwar aufgehoben, allerdings muss ein Schutzkonzept vorgelegt werden, das die Einhaltung der Abstandsregel beinhaltet.

Über 100 Menschen wurden in Quarantäne versetzt, darunter die Kinder, die in der letzten Woche mit Novak Djokovic auf dem Tennisplatz standen.

Über 100 Menschen wurden in Quarantäne versetzt, darunter die Kinder, die in der letzten Woche mit Novak Djokovic auf dem Tennisplatz standen.

Thiem spielt bereits wieder – in Frankreich

Die Teilnehmer der Adria-Tour hatten in den letzten Wochen Kontakt zu tausenden Menschen. Die Inkubationszeit, die Zeit zwischen Infektion und Ausbruch einer Krankheit, beträgt im Fall von Covid-19 bis zu 14 Tage. Ein negativer Test bei Novak Djokovic und seinen Kollegen wäre deshalb noch längst keine Garantie dafür, dass sie nicht bereits Träger des Virus und damit für ihre Mitmenschen ansteckend sind. Die Teilnehmer der Adria-Tour müssten theoretisch in eine 14-tägige Quarantäne versetzt werden. Doch auch hier werden die Regeln frei interpretiert. Dominic Thiem weilt bereits in Frankreich. Im Juli veranstaltet er in Kitzbühel ein Turnier mit acht Spielern. Gemeldet sind auch Grigor Dimitrov und Borna Coric.

In Belgrad kamen über 4000 Zuschauer, die von den Gesundheitsbehörden empfohlenen Abstandsregeln wurden dabei nicht eingehalten.

In Belgrad kamen über 4000 Zuschauer, die von den Gesundheitsbehörden empfohlenen Abstandsregeln wurden dabei nicht eingehalten.

Novak Djokovic, der sich auch dezidiert gegen eine mögliche Impfpflicht für Sportler ausgesprochen hat und damit die Kritik von Epidemiologen und Virologen in seiner Heimat Serbien provoziert hat, äusserte sich bisher noch nicht zu den positiven Befunden bei der Adria-Tour. Diese ist nun nicht wie erhofft zu einem leuchtenden Beispiel für die Schönheit und Innovationskraft der Balkanregion geworden, sondern zu einem Symbol für die Ignoranz einer Sportelite gegenüber einer globalen Krise und den Gefahren der Überhöhung von Volkshelden wie Djokovic, der die Kritik unter den Generalverdacht der Xenophobie stellte, in dem er insinuierte, sie sei «vor allem aus dem Westen» gekommen.

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