Ende April wird Justin Gimelstob von einem Gericht in Los Angeles zu drei Jahren Haft auf Bewährung, 60 Tagen gemeinnütziger Arbeit und einer Therapie zur Aggressionsbewältigung verurteilt. Der ehemalige Tennis-Spieler hatte im November 2018 einen Nachbarn auf offener Strasse attackiert und mehr als 50 Mal auf ihn eingeschlagen. Das Gericht betrachtete es auch als erwiesen, dass die Verlobte des Opfers als Folge des erlittenen Traumas in der Folgewoche eine Fehlgeburt erlitt. Gimelstob legte Anfang Mai sein Amt als Spielervertreter im Direktoren-Board der ATP nieder und zog sich vorerst zurück.

Gleichwohl pflegt Novak Djokovic als Präsident des Spielerrats weiter einen engen Kontakt zum Amerikaner, wie er in Wimbledon erklärte. So kam es vor dem Turnier in London auch zu einem Treffen. «Wir pflegen eine freundschaftliche Beziehung und bleiben telefonisch in Kontakt», gab der Serbe zu Protokoll. Das Treffen gilt inzwischen als Auslöser für den Massen-Exodus aus dem Spielerrat. Mit Sergei Stachowski, Robin Haase, Jamie Murray und Dani Vallverdu demissionierten am Samstag, einen Tag nach einem siebenstündigen Treffen, gleich vier der zwölf Ratsmitglieder. Sie machten allesamt fehlenden Einfluss gelten.

Novak Djokovic sagte, auch er habe mit dem Gedanken gespielt, sein Amt niederzulegen. «Mein Team würde sich zwar wünschen, dass ich zurücktrete. Aber ich habe das Gefühl, dass wir Teil einer grossen Veränderung im Tennis sind.» Seiner öffentlich zur Schau getragenen Nähe zu Gimelstob wegen steht der 32-Jährige immer heftiger im Kreuzfeuer der Kritik. Nun offenbarte er Mängel in der Beurteilung von Gimelstobs Verfehlungen. «Ich kenne nur seine Seite», sagte Djokovic. Und gab zu, die Gerichtsakten nie gelesen zu haben. Demnach hält er den wegen Körperverletzung Verurteilten Gimelstob immer noch für vermittelbar und hofft auf dessen Rückkehr. Nach seinem zweiten Spiel in Wimbledon kam es zu einem Wortgefecht mit einem Journalisten.

Novak Djokovic, wie kann es sein, dass Sie jemanden wie Justin Gimelstob für geeignet halten, eine Führungsposition im Tennis zu besetzen, nachdem er wegen Körperverletzung verurteilt worden ist?

Djokovic: Wurde er für schuldig befunden?

Er plädierte auf ‹No Contest›. Der Richter sagte daraufhin, dass dies einer Schuldanerkennung entspreche und fragte, ob ihm das klar sei. Er bejahte. Ich frage Sie: Haben Sie die Gerichtsakten gelesen?

Ich habe es nicht gelesen, aber mit Justin gesprochen. Er hat mir erklärt, dass der Prozess noch immer läuft. Ich kenne nur seine Seite. Ich habe eine gute Beziehung zu Justin. Wenn er am Ende für schuldig befunden wird,kann er nicht mehr mit meiner Unterstützung rechnen.

Gimelstob hat keinen Widerspruch erhoben.

Okay.

Wenn man auf ‹No Contest› plädiert, entspricht das nach amerikanischer Rechtssprechung einer Schuldanerkennung.

Okay. Schauen Sie, ich werde mir die Unterlagen durchsehen.

Danke, das schätze ich sehr.

Hören Sie, es gibt keinen Grund, mich auf diese Art zu attackieren.

Ich attackiere Sie nicht.

So fühle ich mich aber.

Weshalb sprechen Sie davon, dass Sie sich noch keine Gedanken dazu gemacht haben, ob und in welcher Form Gimelstob zurückkehren soll?

Ich habe gesagt, dass wir die Sache langsam angehen sollten. Es gibt keinen Grund, mit dem Finger auf mich zu zeigen für etwas, das er getan hat oder eben nicht. Ich sagte doch gerade eben: Ich schaue mir die Unterlagen an, dann können wir weiterdiskutieren.

Erneut betonte Djokovic, dass er eine sehr gute Beziehung zu Gimelstob pflege und strich dessen Verdienste der letzten Jahre hervor. «Er hat die Spieler und ihre Interessen in den letzten Jahren lautstark vertreten. «Falls er nicht schuldig gesprochen wird, ist er für uns von grossem Wert.»

Ich beschuldige Sie nicht, ein Verbrechen begangen zu haben.

Das weiss ich. Aber ich fühle mich so, als würden Sie mich für etwas in den Mittelpunkt rücken, das er getan oder eben nicht getan hat. Sie sind der Meinung, dass ich in meiner Funktion als Präsident des Spielerrats nicht genügend aktiv gewesen bin.

Weil Sie sich nicht vertieft mit dem Fall befasst haben.

Das werde ich tun.

Der Vertrag von Chris Kermode als ATP-Präsident läuft Ende Jahr aus

Der Vertrag von Chris Kermode als ATP-Präsident läuft Ende Jahr aus

Als Präsident des Spielerrats steht Novak Djokovic im Zentrum eines Führungsstreits im Männertennis. Entzündet hatte dieser sich an der Personalie Chris Kermode und der Frage, ob der Vertrag des Briten als Präsident der ATP verlängert werden soll. Im März entschied der Vorstand, den Vertrag mit dem erfolgreichen CEO auslaufen zu lassen. Novak Djokovic gehörte zu den Drahtziehern, der Spielervertreter Justin Gimelstob war sein wichtigster Verbündeter und wurde als Nachfolger in Position gebracht. Roger Federer, Rafael Nadal oder Stan Wawrinka hatten sich für eine Zukunft mit Kermode ausgesprochen. Indem das Trio für Kermode Partei ergriff, stellte es sich indirekt gegen Djokovic.

Wie sehr die Kritik und die ständigen Indiskretionen aus dem Spielerrat Novak Djokovic nagen, offenbart sich dieser Tage in Wimbledon. Keine Auswirkungen hatte das indes bisher auf die Leistungen auf dem Platz. Der Titelverteidiger steht souverän in der dritten Runde. Er ist als Politiker, wie er es als Spieler ist: verbissen bis zum letzten Punkt.