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Novak Djokovic ist ein Reformer mit dem Sargnagel – Seine Gewerkschaft könnte das Tennis in eine tiefe Krise stürzen

Novak Djokovic hält den Weg der Gründung einer Gewerkschaft für den richtigen Weg, um unbestrittene Forderungen durchzusetzen.

Novak Djokovic hält den Weg der Gründung einer Gewerkschaft für den richtigen Weg, um unbestrittene Forderungen durchzusetzen.

Mit der Gründung einer Gewerkschaft bekräftigt Novak Djokovic seinen Reformwillen. Seine Forderungen geniessen eine breite Akzeptanz. Doch sie kommen zur Unzeit und spalten, statt zu vereinen. Eine Analyse.

Auf dem Platz bietet sich Novak Djokovic bei den US Open die Chance, mit seinem 18. Grand-Slam-Titel die Lücke zu Roger Federer (20) und Rafael Nadal (19) zu schliessen. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er erst dann mit dem Tennis aufhören will, wenn er alle Rekorde gebrochen hat. Aber auch neben dem Platz ist Djokovic bestrebt, Spuren zu hinterlassen. Deswegen trat er als Präsident des ATP-Spielerrats zurück, und gründete eine Gewerkschaft, die Professional Tennis Players Association (PTPA). Die Ankündigung provozierte heftige Reaktionen. Männer- und Frauentour (ATP, WTA), der Tennisweltverband (ITF) und die vier Grand-Slam-Turniere verurteilten das Vorgehen in einer gemeinsamen Erklärung und betonten, jetzt sei es Zeit für eine «weiterreichende Zusammenarbeit».

Djokovic und seine beiden Mitstreiter, der Kanadier Vasek Pospisil und der Amerikaner John Isner, die ebenfalls aus dem Spielerrat demissionierten, verlassen damit den Weg des Dialogs und gehen mit den Veranstaltern auf Konfrontationskurs. Sie brüskieren damit auch Roger Federer und Rafael Nadal, die im August 2019 in jenes Gremium zurückgekehrt waren, um ihm im Nachgang des Sturzes des ehemaligen ATP-Chefs Chris Kermode auf die Finger zu schauen. Anfang Jahr hatte man sich auf einen Burgfrieden geeinigt. Der Deal: Man wollte Kermodes Nachfolger, dem Italiener Andrea Gaudenzi, ein Jahr Zeit lassen, seine Ideen umzusetzen. Das war noch, bevor ein Virus die Spielregeln in Gesellschaft und Sport diktierte.

Rafael Nadal und Roger Federer heissen Novak Djokovics Gründung einer Gewerkschaft nicht gut und distanzieren sich von der Idee.

Rafael Nadal und Roger Federer heissen Novak Djokovics Gründung einer Gewerkschaft nicht gut und distanzieren sich von der Idee.

Das Perfide: Djokovics Ideen sind weder neu, noch besonders radikal. Im Gegenteil: Unter den Spielern geniessen sie eine grosse Akzeptanz. Über 60 Spieler sollen der Gewerkschaft bereits beigetreten sein. Die Spieler vertreten den Standpunkt, ihre Interessen würden nicht ausreichend repräsentiert. Das ist unbestritten und liegt an der Struktur der ATP. Diese wird vom Board of Directors geführt. Das Gremium besteht aus sieben Mitgliedern: dem Präsidenten, drei Turniervertretern und drei Spielervertretern, die vom ATP-Spielerrat berufen werden. Dessen Entscheidungen haben für die Spielervertreter aber nur konsultativen Charakter. Das letzte Wort hat immer der Präsident: Andrea Gaudenzi.

US-Ligen NHL, NBA und MLB als Vorbild

Das Männertennis erlebte im letzten Jahrzehnt einen beispiellosen Boom, von dem auch die Spieler profitierten. Bei den US Open 2011 zum Beispiel wurden 23,7 Millionen Dollar Preisgeld ausgeschüttet. Wer in der ersten Runde verlor, erhielt 19'000 Dollar. Seither hat sich das Preisgeld mehr als verdoppelt, auf 57,24 Millionen. Wer in der ersten Runde verlor, erhielt sogar das dreifache von dem, was 2011 ausgeschüttet wurde - nämlich 61'000 Dollar. Geht es nach den Spielern, ist das immer noch zu wenig. Was auf den ersten Blick raffgierig erscheint, ist durchaus berechtigt. Denn die US Open setzen in einem normalen Jahr 400 Millionen Dollar um. Nur etwa 14 Prozent davon werden an die Spieler weitergegeben.

Djokovic argumentiert mit dem Vergleich zu Sportligen in den USA. Die Eishockey-Liga NHL und die Basketball-Liga NBA teilen den Umsatz zu gleichen Teilen mit den Spielern. Im Baseball erhalten die Sportler sogar 54 Prozent des Umsatzes. Die Rechnung mag für die vier Grand-Slam-Turniere zutreffen, mit Abstrichen auch für die Turniere der Masters-Serie. Auf tieferer Stufe, bei den Swiss Indoors Basel zum Beispiel, ist der Kostendruck durch die Explosion der Preisgelder indes bereits jetzt spürbar. Der Weg des Dialogs mit der ATP hat sich in den letzten Jahren bewährt. Die Spieler konnten ihre Bedingungen graduell verbessern. Etwa, was ihre Pensionskasse angeht. Zudem sind die Preisgelder gestiegen.

ATP-Präsident Andrea Gaudenzi steht im ersten Amtsjahr unter Druck.

ATP-Präsident Andrea Gaudenzi steht im ersten Amtsjahr unter Druck.

Allerdings wurde es bisher versäumt, dieses Geld gerechter zu verteilen. Im Unterbau ist die wirtschaftliche Not oft so gross, dass die Spieler empfänglich dafür sind, Partien zu manipulieren. Ein Problem, das sich nie gänzlich auflösen lässt. Denn anders als in Teamsportarten wie dem Fussball fokussiert sich das Interesse der Öffentlichkeit im Tennis auf wenige Einzelne. Sie absorbieren nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Geldflüsse. Das Prinzip: Viel für die Besten, wenig für den Rest. Die Pandemie akzentuiert das Problem noch zusätzlich. Bestes Beispiel sind die US Open. Eine Qualifikation fand nicht statt, die Teilnehmerzahl wurde gesenkt, der Zirkel der Privilegierten noch exklusiver.

Das Beispiel Boxen als Mahnmal

Statt den Dialog zu pflegen, und die Zukunft des Tennis von Grund auf neu zu diskutieren, geht Djokovic in die Opposition. Es dürfte kein Zufall sein, dass er die US Open als Bühne gewählt, wo er in Abwesenheit von Roger Federer und Rafael Nadal seine Pläne verkündete. Zwar sagt Djokovic, er habe mehrfach mit den beiden darüber diskutiert, und sie seien informiert gewesen, dass die Gründung der Gewerkschaft in New York offizialisiert werde. Deren Reaktion unterstreicht, wie sehr das Vorgehen die Spieler spaltet. Möglicherweise sind Federer und Nadal nicht die Richtigen, um das Tennis in die Zukunft zu führen. Denn sie beide verfolgen auch wirtschaftliche Eigeninteressen. Doch Djokovic ist es auch nicht.

Weil er das unsichere Umfeld als Gelegenheit nutzt, die angeschlagene ATP damit schwächt und in Kauf nimmt, dass diese daran zerbricht. Für sie könnte die Gründung der Spielergewerkschaft ein Sargnagel sein. Welche Gefahren eine Zersplitterung birgt, zeigt das Beispiel Boxen. Dort gibt es vier bedeutende Weltverbände, dazu eine Handvoll weniger bedeutende. Den Unterbau bilden Kontinentalverbände. Die Folge: Nur Eingefleischte wissen, wer gerade Weltmeister nach welcher Version ist. Kein Verband schafft es, die Besten unter einem Dach zu vereinen. Verlierer ist das Publikum. Ein Szenario, das auch dem Tennis droht. Wenn sich Spieler und Veranstalter nicht an einen Tisch setzen und einen Konsens finden.

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