Notengebung im Schwingen erhitzt die Gemüter

Der Eidgenössische Verband überarbeitet sein Reglement: Für gewonnene, gestellte und verlorene Gänge soll es künftig nur noch je zwei Noten geben. Das Vorhaben sorgt für Kritik.

Claudio Zanini
Merken
Drucken
Teilen
Wie soll passive Schwingweise sanktioniert werden? Christian Stucki und Joel Wicki im ereignisarmen Schlussgang am Innerschweizerischen 2018. (Bild: Philipp Schmidli (Ruswil, 1. Juli 2018))

Wie soll passive Schwingweise sanktioniert werden? Christian Stucki und Joel Wicki im ereignisarmen Schlussgang am Innerschweizerischen 2018. (Bild: Philipp Schmidli (Ruswil, 1. Juli 2018))

Das technische Regulativ ist das wichtigste Regelwerk im Schwingsport. Es regelt alles, was den eigentlichen Wettkampf betrifft: Vom Durchmesser des Sägemehlrings bis hin zur Bekleidung der Athleten. Das aktuelle Reglement stammt aus dem Jahr 2008. Rund zehn Jahre später wird es nun leicht angepasst.

Die bedeutendste Erneuerung betrifft die Notengebung. Bei der Bewertung eines gewonnenen, eines gestellten oder eines verlorenen Gangs sollen die Kampfrichter künftig nur noch je zwei Noten zur Auswahl haben, statt wie bisher drei (siehe Grafik). Für einen Sieg gäbe es beispielsweise eine 9,75 oder eine 10,00 (Plattwurf). Wegfallen würde die 9,50. Sie kam bei besonders erknorzten Siegen zum Einsatz, ist aber zusehends von den Notenblättern verschwunden. Verschiedene Akteure bestätigen, dass eine 9,50 in den letzten 25 Jahren nicht mehr vergeben wurde. Das neue Reglement verschriftlicht demnach einen längst vorherrschenden Status Quo. Trotzdem regen sich Widerstände in Schwingerkreisen.

Josef Anderrütti aus Schattdorf ist Ehrenmitglied des Innerschweizer Schwingerverbands, einst war er technischer Leiter des Urner Schwingerverbands. Der 72-Jährige kritisiert den Ist-Zustand, der nun Eingang ins Reglement finden soll. Mit weniger Noten werde der Wettkampf grundsätzlich ungerechter, sagt Anderrütti. «Die Abstufung braucht es, um die Leistungen der Schwinger besser zu differenzieren. In der abgelaufenen Saison hatten wir oft Schwinger im selben Rang, die aber unterschiedliche Leistungen zeigten.»

Schwingerkönig ist nicht einverstanden

Als Beispiel nennt Anderrütti das Innerschweizerische Verbandsfest in Ruswil von Anfang Juli. Im Schlussgang trennten sich Joel Wicki und Christian Stucki Unentschieden. Wicki bekam die Note 9,00 – Stucki wurde wegen Passivität eine 8,75 geschrieben. Für Anderrütti hatten beide Schwinger nicht besonders aktiv geschwungen, deshalb seien beide Bewertungen einen Viertelpunkt zu hoch ausgefallen. Er sagt: «Schwinger, die sich aus taktischen Gründen defensiv verhalten, müssten zwingend die Note 8,50 erhalten.» Man hätte so auch vermeiden können, dass es in Ruswil mit Wicki, Stucki und Christian Schuler drei Festsieger gab. «Die gezeigte Leistung muss streng und korrekt bewertet werden. Das hat mit Bestrafung nichts zu tun», sagt Anderrütti.

Der Urner ist mit seiner Ansicht nicht allein. Auch der Schwingerkönig von 1977, Noldi Ehrensberger, äussert sich skeptisch. In einem Brief, der unserer Zeitung vorliegt, schreibt Ehrensberger: «Die heutigen Funktionäre fahren teilweise in die falsche Richtung.»

Mehr Sanktionen sollen kommen

Auf Seiten des Eidgenössischen Schwingerverbands (ESV) betont man, dass es sich lediglich um eine «sanfte Revision» handle. Samuel Feller, der technische Leiter des ESV, liess sich jüngst in der Schwingerzeitung «Schlussgang» so zitieren: «Wir wollen bewusst keine rigorosen Änderungen vornehmen und das Schwingen nicht umkrempeln. Das können andere Leute nach unserer Amtsperiode einleiten, wenn dazu die Zeit reif ist.» Hinsichtlich der Notengebung sagt Feller: «Die Bewertung mit drei Noten ist sehr anspruchsvoll.» Statt drei Standardnoten, wolle man deshalb vermehrt auf Sanktionen setzen. Das bedeutet: Wenn die Athleten künftig besonders passiv ans Werk gehen, könnten sie in Einzelfällen mit einem Viertelpunkt Abzug bestraft werden. Allerdings dürfte diese Massnahme nur angewendet werden, wenn vorher eine Ermahnung und eine Verwarnung durch den Kampfrichter ausgesprochen wurde.

Josef Anderrütti hält gegen eine solche Bestrafungskultur. Er bezweifelt, dass vermehrte Sanktionen der richtige Weg sind. «Dadurch wird alles noch komplizierter und vielleicht sogar gehässiger.»

Vernehmlassung bis hinunter zu den Klubs

Man ist sich bezüglich der Revision uneinig. Beschlossen ist derweil noch nichts. Bis am 15. November läuft das Vernehmlassungsverfahren. Den Kantonal- und Gauverbänden sowie den Eidgenössischen Ehrenmitgliedern wurde die Vorlage unterbreitet. Die Verbände beraten das neue Reglement bis auf die Klubstufe runter, die Ehrenmitglieder tagen am 20. Oktober. Ende November arbeitet der Zentralvorstand aufgrund der Stellungnahmen eine Endversion des technischen Regulativs aus. Diese wird der Vollversammlung des ESV Anfang März zur Genehmigung vorgelegt.

Immer weniger Noten

Im März 2019 stimmt die Vollversammlung des Eidgenössischen Schwingerverbands über die Genehmigung des neuen technischen Regulativs ab. Bei der Bewertung von Sieg, Unentschieden und Niederlage würde jeweils eine Note wegfallen. Wie ein Blick in frühere Reglemente zeigt, wird damit ein Trend fortgesetzt. Im aktuellen Regulativ (seit 2008 gültig) gibt es je drei Noten. Das Reglement von 1995 hatte vier verschiedene Benotungen. Gleichviel waren es auch in den Reglementen von 1982 und 1969. Noch mehr Möglichkeiten hatten die Kampfrichter in früheren Zeiten: Gemäss dem Lehrbuch «Das Schwingen» mit Jahrgang 1930 konnten etwa gewonnene Gänge mit sieben verschiedenen Noten bewertet werden, wobei 8,50 die tiefste Note für einen Sieg war. (cza)