Nordische WM

Noch nicht ausgedient: Der Erwartungsdruck auf Dario Cologna und Simon Ammann bleibt hoch

© imago/Eibner Europa

Am Samstag starten die zwei grossen Schweizer Namen des nordischen Skisports in die WM: Auch wenn die Form von Dario Cologna und Simon Ammann den Erwartungen hinterherhinkt: Swiss Ski profitiert noch immer von deren Strahlkraft. Wie lange noch?

Mit dem Skiathlon über 30 km in Seefeld und dem Springen auf der Grossschanze in Innsbruck geht die WM am Samstag auch für die beiden Schweizer Altmeister los. Der Bündner Dario Cologna startet in seine sechste WM, der Toggenburger Simon Ammann sogar in die zehnte.

Doch altgedient heisst nicht ausgedient. Cologna, der in drei Wochen 33-jährig wird, gilt vielen als Medaillenhoffnung – wenn nicht am Samstag im Skiathlon, dann allenfalls über die 50 km vom Sonntag in einer Woche.

Ganz deutlich aber schwingt in diesen Tagen eines mit: Das Duo Cologna und Ammann, wie es die Schweiz in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geprägt hat, ist ein Auslaufmodell. Und wie schwer es die Schweiz treffen könnte, wenn Ammanns und Colognas Aktivzeit einmal zu Ende geht, zeigt der schlichte Blick auf den Medaillenspiegel an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

5 und damit fast die Hälfte aller Medaillen, welche die Schweiz seit den 1920er-Jahren an Grossanlässen gewinnen konnte, gehen auf die Rechnung von Ammann und Cologna.

Ohne die Medaillen von Ammann und Cologna sähe die Lage düster aus.

Ohne die Medaillen von Ammann und Cologna sähe die Lage düster aus.

Die Schweiz hat in den Ski-nordisch-Disziplinen zwar immer wieder herausragende Athleten und Medaillengewinner gestellt. Alois Kälin, Evi Kratzer oder Andi Grünenfelder im Langlauf, Walter Steiner, Andreas Küttel und Sylvain Freiholz im Skispringen sowie Hippolyt Kempf in der Nordischen Kombination. Keine anderen Schweizer schafften es aber, international über so lange Zeit und in diesem Ausmass vorne mitzutun wie Cologna und Ammann.

Hinter Dario Cologna klafft im Schweizer Team eine grosse Lücke.

Hinter Dario Cologna klafft im Schweizer Team eine grosse Lücke.

Gegenseitiger Ansporn

Kein Wunder, hat der Erwartungsdruck auf die beiden Ausnahmeathleten in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung nicht sonderlich abgenommen, auch wenn die beiden den Herbst ihrer Karrieren erreicht haben.

Damit sind die beiden zuletzt ganz unterschiedlich umgegangen. Ammann – in diesem Jahr wird der Toggenburger 38-jährig – hat die Erwartungen oft auf glaubwürdige Art gedämpft, hat seine Zielsetzungen auf einzelne Schritte reduziert. Auf die Umstellung der Telemarklandung, auf die Suche nach dem Fluggefühl, auf die Arbeit mit dem Karbonschuh.

All das hält seine Leidenschaft für den Sport aufrecht. «Solange ich nach einem gelungenen Sprung die Arme hochreisse, auch wenn es nur einen zehnten Platz gibt, bin ich sicher noch am richtigen Ort», sagte er zu Beginn der Saison.

Immerhin ein Top-10Ergebnis gelang ihm in diesem Winter. Ein solches gibt er auch als Ziel für die WM-Springen an. Dass mit Killian Peier inzwischen ein anderer Schweizer Athlet regelmässig in die Weltspitze springt und nach seinem dritten Platz in der Qualifikation vom Freitag nun sogar als WM-Medaillenkandidat gilt, scheint Ammann ehrlich zu freuen. «Die beiden spornen sich an», sagt der Schweizer Skisprung-Trainer Ronny Hornschuh.

Anders ist die Situation bei Cologna. Er ist der unumstrittene Teamleader im Langlauf, gehört an guten Tagen weiterhin zur Weltspitze. Und er fühlt sich weiter für WM-Medaillen gut, hat sich eine solche vor der WM sogar explizit zum Ziel gesetzt – auch wenn sein bestesWeltcup-Ergebnis in dieser Saison nur ein vierter Platz war. Dass die Erwartungen in der Öffentlichkeit gleich gross sind wie seine eigenen, scheint ihm nicht immer zu behagen.

Dass einer mit seinen Meriten, der seit bald 15 Jahren auf hohem Niveau mithält und gleichaltrige Läufer wie Petter Northug längst überdauert hat, sich nach schwächeren Saisons erklären muss, nagt zuweilen zweifellos an ihm.

Man muss sich vor Augen führen, was Giachem Guidon, seinerseits erfolgreicher Langläufer in den 1980erJahren, kürzlich sagte: «In Norwegen sind stets vier Colognas am Start.» Nicht, weil Swiss Ski schlechte Arbeit leistet, sondern weil schlicht die Breite fehlt. Für den Schweizer Cologna wird es mit den Jahren immer schwieriger, gegen stets neue norwegische Colognas zu bestehen.

Wie emanzipiert man sich?

Swiss Ski ist nicht untätig. Der Verband hat die schwere Aufgabe, weiter auf ihre Aushängeschilder zu setzen und sichgleichzeitig von ihnen zu emanzipieren. Will heissen: Nicht alleine auf den Windschatten der Altgedienten hoffen, sondern die anderen Athleten, vor allem die Jugend, systematisch voranbringen.

Ein erster Schritt diesbezüglich wurde im Skisprungteam gemacht, wo Ammann seit dieser Saison mit Trainer Roger Kamber seine eigene «Trainingsgruppe» bildet. Hornschuh kann sich so intensiver um die anderen Athleten kümmern. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Peier dadurch in dieser Saison seinen Weg zu mehr Selbstvertrauen fand.

Erfolge im gleichen Ausmass lassen im Langlauf noch auf sich warten, auch wenn Nadine Fähndrich zuletzt grosse Schritte nach vorne machte. Intensiviert wurde die Langlaufförderung unter Disziplinenchef Hippolyt Kempf in den vergangenen Jahren zweifellos.

Nur wird sich Swiss Ski damit abfinden müssen, dass sich nicht so schnell neue Colognas und Ammanns finden lassen. Zunächst aber einmal gemach: Von Rücktritt spricht derzeit keiner der beiden. Noch haben sie nicht ausgedient.

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