Motorrad

Noch herrscht Ruhe auf dem Planeten Töff

Tom Lüthi will in Malaysia einen kühlen Kopf bewahren und Vollgas geben.

Tom Lüthi will in Malaysia einen kühlen Kopf bewahren und Vollgas geben.

Am kommenden Wochenende duellieren sich die Töff-Stars am GP von Malaysia. Mittendrin ist auch der Emmentaler Tom Lüthi, der trotz dem möglichen Gewinn des Weltmeistertitels kühlen Kopf behält.

Tropische Hitze zwischen heftigen Regenschauern. Die Luftfeuchtigkeit bei fast 80 Prozent und 30 Grad im Schatten. So wie es eben ist beim GP von Malaysia vor den Toren von Kuala Lumpur. Hier war Dschungel, bevor die Rennstrecke gebaut wurde.

Das Emmental, die Schweiz, die Pflichten, der Rummel, die Termine sind weit, weit weg, wenn der Töffzirkus im Herbst auf die grosse Reise geht. Am Ende der Saison wird nacheinander im Abstand von einer Woche in Japan, Australien und – an diesem Wochenende – in Malaysia gefahren. Erst dann steigt das grosse Finale im spanischen Valencia.

In einer anderen Welt

Mehr als die Hälfte seiner neun Siege in der Moto2-Klasse hat Tom Lüthi in dieser Schlussphase geholt. Nun hat er erstmals in seiner Karriere gar zweimal hintereinander gewonnen. In Japan und zuletzt in Australien. Zwei Siege, die ihm unverhofft die Chance auf den WM-Titel beschert haben: Der Rückstand auf den französischen Weltmeister und WM-Leader Johann Zarco ist zwei Rennen vor Schluss auf 22 Punkte geschrumpft.

Tom Lühti fährt mit Vollgas Richtung Saisonfinale.

Tom Lühti fährt mit Vollgas Richtung Saisonfinale.

Nun erleben wir in Malaysia einen entspannten Tom Lüthi. Anständig, höflich war er schon immer. Aber so entspannt, so locker und so selbstsicher wie jetzt war er mit ziemlicher Sicherheit noch nie. «Ja, ich fühle mich sehr gut», sagt er. Er steht vor den zwei wichtigsten Rennen seit seinem WM-Titel von 2005 – damals noch eine Stufe tiefer.

Nervosität? Anspannung? Druck? Schlaflosigkeit? Nichts von alldem. Es ist, als lebe Tom Lüthi in einer anderen Welt. Und in einer gewissen Weise tut er das auch. In und um seine Box gibt es keine Hektik. Keine Gäste sind da und der Medientermin nach dem Training ist ein lockeres Gespräch unter vier Augen in der Box. Nur zwei Chronisten sind da.

Daheim ist Tom Lüthis Saisonfinale ein grosses Medienthema, das Rennen wird am Sonntag direkt am Fernsehen übertragen – und davon bekommt Tom Lüthi fast nichts mit. Diese Ruhe ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. «Wenn wir für diese drei Grand Prix weit weg unterwegs sind, kann ich mich hundertprozentig auf die Rennen konzentrieren. Ich habe während dieser Zeit keine anderen Pflichten und keine Termine. Es geht nur um den Rennsport, und darauf kann ich meine ganze Energie konzentrieren.» Tom Lüthi erklärt und geniesst es.

WM-Favorit 2017

Drei Wochen lang nur Rennsport. Sozusagen Leben auf dem Planeten Töff. Alles Irdische ist weit weg, wie entrückt. Nicht einmal das Theater um den Rausschmiss seines Teamkollegen Dominique Aegerter hat Lüthi aufgeschreckt. «Ich wusste um die Spannungen, die Trennung hat mich dann aber doch überrascht, und ich habe davon aus den Medien erfahren. Ich habe mit Domi über die Sache gesprochen. Wir hatten es gut, und das wird so bleiben. Er hat mir auch zu meinen letzten zwei Siegen gratuliert.»

Und nun also das Finale. «Meine Aufgabe ist ja einfach», sagt Tom Lüthi. «Ich muss nicht rechnen, ich muss einfach so schnell wie möglich fahren.» Es hilft ihm auch, dass er den Frieden mit der Vergangenheit gemacht hat. Die drei «Nuller» im Sommer in Assen, auf dem Sachsenring und in Brünn haben Lüthi wohl am Ende eben doch den Titel gekostet. Aber er hadert nicht mit dem Schicksal. «Ich bin selber schuld und es macht keinen Sinn, mich darüber aufzuregen.»

Dass jetzt alles in so ruhigen, geordneten Bahnen läuft, hat auch mit WM-Leader und Weltmeister Johann Zarco zu tun. Der 26-jährige Franzose ist alles andere als ein Mann der grossen Worte. Und er ist kein charismatischer Polemiker wie Valentino Rossi. Der introvertierte Franzose zieht sich in dieser Schlussphase noch mehr ins Schneckenhaus zurück, und er hütet sich vor provozierenden Sprüchen gegen Tom Lüthi wie der Teufel vor dem geweihten Wasser.

Und es gibt noch einen Grund für Lüthi, dieses Saisonfinale mit staatsmännischer Gelassenheit zu bestreiten. Wir kennen bereits jetzt den grossen Favoriten für die WM 2017: Tom Lüthi. Seine ärgsten Rivalen – Johann Zarco, Alex Rins, Sam Lowes und Jonas Folger – steigen alle in die «Königsklasse» MotoGP auf.

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