Wie 2011 in Basel gewann Kei Nishikori auch am US Open im Halbfinal gegen die Weltnummer 1 Novak Djokovic. Der 24-jährige Japaner qualifizierte sich mit einem 6:4, 1:6, 7:6 (7:4), 6:3 als erster Asiate überhaupt für einen Grand-Slam-Final.

Sollte Roger Federer seinen Halbfinal gegen Marin Cilic (ATP 16) in der Nacht auf heute gewonnen haben, trifft er nicht wie erwartet auf Novak Djokovic, sondern auf den Japaner Kei Nishikori. Die Weltnummer 11 vermieste dem Serben den fünften US-Open-Finaleinzug in Folge und knüpfte nahtlos an die Leistung bei seinem Viertelfinal-Sieg über Stan Wawrinka an - und das, obwohl er gegen Milos Raonic und Wawrinka zwei über vierstündige Fünfsatz-Matches hinter sich hatte.

Bei 36 Grad auf dem Court und einer Luftfeuchtigkeit von gut 70 Prozent agierte der 24-jährige Japaner in seinem ersten Grand-Slam-Halbfinal äusserst clever und erstaunlich dynamisch, während Djokovic nicht zum ersten Mal bei hohen Temperaturen nicht seine beste Leistung abrufen konnte. Im ersten Satz schenkte Nishikori ein erstes Break gleich wieder her, nur um zum 4:3 erneut zuzuschlagen. Im zweiten Durchgang geriet er schnell 1:3 in Rückstand und konzentrierte sich früh auf den dritten Satz, um Energie zu sparen.

Auch hier entglitt ihm eine 5:3-Führung, doch der Japaner demonstrierte grosse Moral und Widerstandskraft. Zudem missriet Djokovic das folgende Tiebreak völlig. Der Wimbledon-Champion gewann nur gerade einen von sechs Punkten bei eigenem Aufschlag und verlor folgerichtig die Kurzentscheidung 4:7. Nach zweieinviertel Stunden stand Nishikori einen Satz vor dem ersten Finaleinzug an einem Grand-Slam-Event.

Trotzdem zeigte er keinerlei Anzeichen von Nervosität - oder Müdigkeit. Er nahm Djokovic gleich zu Beginn des vierten Satzes nochmals den Service ab und liess danach keinen Breakball des Serben mehr zu. Es war im Gegenteil die Weltnummer 1, die bei 3:5 erneut in Schwierigkeiten geriet und schliesslich nach 2:52 Stunden beim zweiten Matchball eine Vorhand ins Aus schlug. Nur Minuten später begann es in New York zu regnen.

Nishikori konnte sein Glück kaum glauben. "Ich weiss nicht, was los ist", brachte er im Platzinterview knapp heraus. Er sei nämlich wirklich nervös gewesen vor diesem ersten Grand-Slam-Halbfinal. Ein wichtiger Faktor für seine Fortschritte sei Coach Michael Chang. Der Amerikaner chinesischer Abstammung hatte 1989 als 17-Jähriger sensationell das French Open gewonnen und war nun einer von vier ehemaligen Grand-Slam-Siegern, welche die vier Halbfinalisten trainieren (neben Djokovic/Becker, Federer/Edberg und Cilic/Ivanisevic).

Chang führte die aktuelle Weltnummer 11 im Frühling als ersten Japaner in die Top Ten, am nächsten Montag wird Nishikori mindestens Achter sein. Und er brachte ihm bei, von einem ähnlichen Coup zu träumen, wie er ihm vor 25 Jahren in Paris gelang. Dabei war vor einigen Wochen noch nicht einmal klar, ob Nishikori am US Open antreten kann. Er musste die Turniere in Toronto und Cincinnati wegen einer Zehenverletzung absagen. Die Frische kam ihm nun vielleicht zugute.

Für Djokovic endete hingegen ein privat erfreulicher (Hochzeit, im Herbst folgt das erste Kind), sportlich aber wenig erfolgreicher Sommer abrupt und überraschend. Damit ist auch klar, dass 2014 sowohl bei den Frauen wie bei den Männern vier verschiedene Spieler die vier Grand-Slam-Turniere gewinnen werden.

Auch Roger Federer hätte mit Nishikori noch eine Rechnung offen. Er verlor im vergangenen Jahr in Madrid und diesen Frühling in Miami zweimal gegen den Japaner. Insgesamt steht es dank Siegen Federers im Final der Swiss Indoors 2011 und im Halbfinal des Rasenturniers in Halle vor zweieinhalb Monaten 2:2.