7 Mal Weltmeister, 32 Weltcup-Siege, 6 Erfolge im Gesamtweltcup, dazu ein kompletter Olympia-Medaillen-Satz aus Bronze, Silber und zuletzt 2016 Gold in Rio de Janeiro. Keiner hat den Mountainbike-Zirkus im letzten Jahrzehnt so geprägt wie Nino Schurter. Wie begegnet der 33-jährige Bündner vor seinem Heimrennen in Lenzerheide seinem neuen Herausforderer, dem Holländer Mathieu van der Poel?

Nino Schurter, in Lenzerheide wurden Sie im letzten Jahr zum siebten Mal Weltmeister. Nun bestreiten Sie hier im Rahmen des Weltcups Ihr Heimrennen. Wie empfinden Sie den Rummel um Sie?

Nino Schurter: Die Vorfreude ist riesig, gerade mit den schönen Gedanken an das letzte Jahr. Aber ein Heimrennen ist immer auch mit mehr Verpflichtungen verbunden - gerade für die Schweizer. Es sind viele Freunde und Fans speziell wegen mir da. Einerseits geniesse ich das sehr, andererseits muss ich auch schauen, dass es nicht zu viel wird und mich etwas schützen. Generell ist es aber sehr motivierend. Ich kann dadurch im Rennen noch mehr aus mir herauspressen.

Bei ihrem Heimrennen in Lenzerheide fiebern alle auf Ihr Duell mit Mathieu van der Poel hin. Sie auch?

Mathieu ist sicher einer meiner Hauptkonkurrenten, aber es ist immer gefährlich, nur auf einen Gegner zu schauen. Für mich ist es wichtig, bei jedem die Stärken und Schwächen zu kennen und diese Karten dann im Rennen situativ zu spielen.

Welche Schwächen hat Van der Poel, die Sie ausnutzen könnten?

Er hatte in den letzten Jahren Mühe mit der Höhe, das spielt mir in die Karten. Dazu ist er am Start nicht immer bei den Schnellsten. Da will ich ihn gleich unter Druck setzen.

Sie haben im Cross Country schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Wie wichtig ist ein Gegner wie Van der Poel für die Motivation?

Um gegen solche Talente bestehen zu können, muss ich das Letzte aus mir herausholen, das gefällt mir und es ist in den harten Trainings eine zusätzliche Motivation, weil ich ein Ziel vor Augen habe – ihn schlagen. Es ist ein gutes Battle, das wir haben. Aber das hatte ich immer schon in meiner Karriere – zuvor war es mit Julien Absalon und Jaroslav Kulhavý, nun eben mit Mathieu van der Poel.

Van der Poel gewann in diesem Jahr Rennen im Querfeldein, auf der Strasse und im Cross Country, wie ist das möglich?

Er hat einfach einen extremen Lauf. Er ist richtig beflügelt. Wenn man sich mal selber übertrifft, reitet man auf dieser Welle. Mathieu ist ein kompletter Fahrer. Er hat extrem schnelle Muskelfasern und ist dadurch auch nach anderthalb Stunden im Sprint noch sehr schnell. Diese Kombination aus Schnellkraft und Ausdauer macht ihn aus meiner Sicht zum besten Velofahrer der Welt – und das über alle Disziplinen gesehen.

Birgt das Programm mit den drei Disziplinen nicht auch Gefahren?

Doch, sicher birgt das Gefahren. Ich habe mich selber auch schon gefragt: Wie kann er das alles unter einen Hut bringen? Ich könnte das nicht. Mich würde es aber erstaunen, wenn er das über mehrere Jahre so macht. Momentan hat man das Gefühl, dass für ihn andere Regeln gelten. Für eine gewisse Zeit geht das vielleicht, aber auch für ihn wird es schwieriger, wenn der Druck und die Erwartungen und der Rummel um ihn zunehmen. Bisher konnte er unbeschwert fahren, nun werden solche Resultate erwartet. Aber Mathieu ist auch keine Maschine. Ich glaube, dass irgendwann die Retourkutsche kommt, und der Höhenflug vorbei ist. Natürlich hoffe ich, dass das noch vor den Olympischen Spielen passiert (lacht). Aber klar: Ich kann nicht immer oben stehen, und der Moment, in dem einer schneller ist als ich, wird kommen.

Ein Hansdampf in allen Gassen: Mathieu van der Poel.

Ein Hansdampf in allen Gassen: Mathieu van der Poel.

Auf die Weltmeisterschaften in Mont Saint-Anne, Kanada, verzichtet Van der Poel, weil gleichzeitig auch die Strassen-WM in Yorkshire, Grossbritannien, stattfindet. Was ändert das für Sie?

Nichts. Ob er mitfährt oder nicht, ändert nicht viel. Mein grosses Ziel sind und bleiben die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Neben Van der Poel, der dort starten will, stellen die Bedingungen mit den hohen Temperaturen eine grosse Herausforderung dar. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Es wird extrem heiss und extrem feucht. Der Körper verbraucht die meiste Energie für den Wärmehaushalt. Um in Tokio zu brillieren, ist es elementar, zu wissen, wie der Körper bei solchen Bedingungen reagiert. Darum trainiere ich auch in einer Hitzekammer, um das zu simulieren. Es gibt verschiedene Methoden und Hilfsmittel, wie man den Körper vor und während dem Rennen runterkühlen kann. Aber das ist bei uns schon lange ein Thema, weil wir immer wieder an Orten Rennen haben, wo es heiss ist. Die Streckenpläne und Höhenprofile haben wir schon und im Herbst fahren wir in Tokio einen Testevent, bei dem wir sehen, wie es aussieht. Persönlich habe ich gute Erfahrungen gemacht mit der Hitze. Hier kommt mir sicher auch meine Erfahrung zugute.