Ski alpin

Nie mehr: «Ich will, ich kann, ich muss!»

Corinne Suter ist eine der Zukunftshoffnungen im Schweizer Speedteam.

Corinne Suter ist eine der Zukunftshoffnungen im Schweizer Speedteam.

Die 21-jährige Corinne Suter ist ehrgeizig – manchmal so sehr, dass es sie bremst. Nun ist bei ihr vieles anders geworden.

Ehrgeizig ist ein gefährliches Gefühl. Er steht am Anfang des Erfolgs. Doch schnell einmal verwandelt sich das Wollen in ein nicht mehr Können. Wie bei Corinne Suter. Vor einem Jahr stand sie in Tränen aufgelöst im Zielraum von Val d’Isère: Rang 35 in der Abfahrt, ausgeschieden im Super-G. Dabei wäre sie bereit gewesen für mehr. Dachte sie. «Ich habe mir gesagt, jetzt will ich in die ersten 30 fahren. Jetzt muss ich sogar!»

Im Europacup fiel ihr das Siegen leicht. Im Februar 2014 wurde Suter Juniorinnenweltmeisterin in den Speeddisziplinen Abfahrt und Super-G. Am Ende der Saison 2013/14 stand die Schwyzerin als Siegerin der Europacupwertungen in diesen zwei Disziplinen da, war Zweite in der Gesamtwertung. Mit 19 Jahren standen die Türen weit offen. Alles war bereit für den Durchbruch im Weltcup zu Beginn des Winters 2014/15. Dachte sie. Doch der Hoffnung folgte die Ernüchterung. Im Dezember in Val d’Isère entlud sich die Spannung in Tränen.

Der Schweizer Frauencheftrainer Hans Flatscher erklärt die Gefahr, die sich vor allem bei jungen Athletinnen hinter dem Ehrgeiz versteckt, so: «Ich kann. Ich will. Ich muss!» Spätestens beim Müssen wird der Eifer zu Gift, das bremst. Nichts geht mehr.

Mit der Hilfe des Mentaltrainers

Corinne Suter hat das erkannt. «Ich versuche, mich nicht mehr selbst so enorm unter Druck zu setzen», sagt die 21-Jährige. Immer noch sehr jung ist sie reifer geworden. Der Erfolg kam diesen Winter. In der zweiten Abfahrt in Lake Louise fuhr sie sensationell auf Rang sechs, mitten in die Weltspitze. Dazu kommt ein 20. Rang in der ersten Abfahrt und ein 22. Rang im Super-G. Und dies, obwohl sie die letzte, so unglücklich verlaufene Saison im Januar mit einer Knieverletzung frühzeitig abbrechen musste.

Corinne Suter wurde 2014 für den mit 12'000 Franken dotierten Sporthilfe Nachwuchs-Preis nominiert, welchen sie auch gewinnen konnte. Der Sporthilfe Nachwuchs-Preis ist die bedeutendste Auszeichnung Schweizer Nachwuchssport.

Corinne Suter wurde 2014 für den Sporthilfe Nachwuchs-Preis nominiert, welchen sie auch gewinnen konnte. Die mit 12'000 Franken dotierte Auszeichnung ist die bedeutendste im Schweizer Nachwuchssport.

Nun ist Suter zurück in Val d’Isère. Gesund und wieder zufrieden mit der Welt. Sie hat im Sommer skitechnisch nochmals einen grossen Schritt nach vorne getan. Der Ehrgeiz ist noch da. Doch die Geduld ist grösser geworden. Sie sagt: «Ich will langsam im Weltcup fussfassen. Es geht Schritt für Schritt vorwärts.» Die Ungeduld ist gewichen.

Es ist ein erstaunlicher Reifeprozess, den die 21-Jährige durchgemacht hat. Wie ist das möglich? «Ich arbeite jetzt hin und da mit einem Mentaltrainer zusammen, habe gelernt, mich besser zu spüren», sagt sie. Zudem bremst sie sich selbst. Wollen und Können – nicht Müssen. «Man muss sich selbst immer wieder bewusst machen, was man möchte und was möglich ist», sagt sie. «Erzwingen lässt sich im Skisport nichts.»

Sich Zeit geben

Einfach ist dieser Spagat zwischen Ehrgeiz und Übereifer, zwischen Wunsch und Realität nicht. «Athletinnen müssen ehrgeizig sein und stur ihren Weg gehen. Aber in gewissen Situation ist es hinderlich. Diesen Slalom zwischen den Gefühlen müssen die Athletinnen bewältigen», sagt Flatscher.

Es ist ein stetiger Prozess. Erfahrungen helfen. Corinne Suter hat diese gemacht. Auf schmerzliche Weise. Mit Tränen und Wut. Sie sagt rückblickend: «Man will oft zu früh zu viel. Man denkt, im Europacup ist es gegangen, dann geht es jetzt auch im Weltcup. Aber es ist noch mal eine andere Liga.»

Dies einzusehen, braucht Zeit. «Es war für Corinne nicht einfach, die Situation zu Beginn richtig einzuschätzen, sagt Flatscher. «Grundsätzlich ist es nicht schlecht, wenn eine Sportlerin enttäuscht und traurig ist, wenn die Ergebnisse nicht so sind wie erhofft. Nur müssen die Mädchen lernen, die Gefühle richtig einzuordnen. Das ist ein Reifeprozess.»
Corinne Suter hat gelernt. Sie gibt sich selbst mehr Zeit. Im Weltcup setzt sie auf die Speeddisziplinen. Im Europacup fährt sie auch Riesenslalom. «Diese Disziplin einmal im Weltcup zu fahren, ist ein Traum», sagt sie. Ein Traum, der nicht sofort in Erfüllung gehen muss. Das hat sie in diesem Jahr gelernt. Ehrgeizig kombiniert sich am besten mit Geduld. Am Samstag findet in Val d’Isère wieder eine Weltcupabfahrt statt. Dieses Jahr ist eine andere Corinne Suter am Start.

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