NHL-Draft
Nico Hischier: das Gesicht einer neuen Ära

Nico Hischier wurde als erster Schweizer überhaupt beim NHL-Draft an erster Stelle gezogen. Eine Analyse zum Nummer-1-Draft von Hischier.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Nico Hischier zieht sich das Trikot der New Jersey Devils über.

Nico Hischier zieht sich das Trikot der New Jersey Devils über.

Keystone

Bringen wir es auf den Punkt: Nico Hischiers Nummer-1-Draft ist der grösste Erfolg in der Geschichte unseres Eishockeys. Mit einer viel stärkeren Ausstrahlung in die NHL, in die wichtigste, reichste, mächtigste und beste Liga der Welt als das WM-Finale von 2013. Oder die guten Leistungen von Roman Josi in Nashville.

Denn diese Wahl zur Nummer 1 ist das Ergebnis der Analysen, Nachforschungen und Einschätzungen der besten Hockey-Manager und Experten der Welt. Diese Nummer 1 hat also einen immensen Wert für unser gesamtes Hockey. Unsere Hockeykultur ist dazu in der Lage, einen Nummer-1-Draft auszubilden. Das ist der Ritterschlag. Nun sind wir für die NHL-Generäle salonfähig geworden.

Nico Hischier wird an erster Stelle gezogen:

Der NHL-Draft ist das grösste, wichtigste und prestigeträchtigste Hockey-Ereignis ohne Eis. Bei diesem durch und durch nordamerikanischen Sportspektakel die Nummer 1 zu werden, ist die grösste Ehre für einen jungen Spieler. In keiner anderen (Sport-)Kultur zählt die Nummer 1 so viel wie in Nordamerika. Ich bin Nummer 1, also bin ich.

Nicht ein Kanadier, Amerikaner, Russe, Schwede oder Finne ist zum weltweit wichtigsten Spieler seiner Generation erkoren worden. Sondern ein Schweizer. Nico Hischier ist erst der vierte Nummer-1-Draft, der nicht in Nordamerika oder Russland gross geworden ist. Bis heute gibt es keine Nummer 1 aus Finnland. Zum ersten Mal ist das Prestige der Nummer 1 an einen Spieler aus einem Land gegangen, das noch nie Weltmeister und Olympiasieger war.

In guteidgenössischer Bescheidenheit fragen wir in einem solchen sporthistorischen Augenblick auch bange: Ist diese Nummer 1 am Ende eine zu grosse Belastung? Wird der Erwartungsdruck zu hoch sein? Die Antwort an alle Zweifler: Nein. New Jersey ist der perfekte Klub für Nico Hischier.

Nummer-1-NHL-Draftpicks seit 1984:

1984: Mario Lemieux, Stürmer, Pittsburgh Penguins
34 Bilder
1985: Wendel Clark, Stürmer, Toronto Maple Leafs
1986: Joe Murphy, Stürmer, Detroit Red Wings
1987: Pierre Turgeon, Stürmer, Buffalo Sabres
1988: Mike Modano, Stürmer, Minnesota North Stars
1989: Mats Sundin, Stürmer, Québec Nordiques
1990: Owen Nolan, Stürmer, Québec Nordiques
1991: Eric Lindros, Stürmer, Québec Nordiques
1992: Roman Hamrlík, Verteidiger, Tampa Bay Lightning
1993: Alexandre Daigle, Stürmer, Ottawa Senators
1994: Ed Jovanovski, Verteidiger, Florida Panthers
1995: Bryan Berard, Verteidiger, Ottawa Senators
1996: Chris Phillips, Verteidiger, Ottawa Senators
1997: Joe Thornton, Stürmer, Boston Bruins
1998: Vincent Lecavallier, Stürmer, Tampa Bay Lightning
1999: Patrik Stefan, Stürmer, Atlanta Trashers
2000: Rick DiPietro, Goalie, New York Islanders
2001: Ilja Kowaltschuck, Stürmer, Atlanta Trashers
2002: Rick Nash, Stürmer, Columbus Blue Jackets
2003: Marc-André Fleury, Goalie, Pittsburgh Penguins
2004: Alexander Owetschkin, Stürmer, Washington Capitals
2005: Sidney Crosby, Stürmer, Pittsburgh Penguins
2006: Erik Johnson, Verteidiger, St. Louis Blues
2007: Patrick Kane, Stürmer, Chicago Blackhawks
2008: Steven Stamkos, Stürmer, Tampa Bay Lightning
2009: John Tavares, Stürmer, New York Islanders
2010: Taylor Hall, Stürmer, Edmonton Oilers
2011: Ryan Nugent-Hopkins, Stürmer, Edmonton Oilers
2012: Nail Jakupow, Stümer, Edmonton Oilers
2013: Nathan MacKinnon, Stürmer, Colorado Avalanche
2014: Aaron Ekblad, Verteidiger, Florida Panthers
2015: Connor McDavid, Stürmer, Edmonton Oilers
2016: Auston Matthews, Stürmer, Toronto Maple Leafs
2017: Nico Hischier, Stürmer, New Jersey Devils

1984: Mario Lemieux, Stürmer, Pittsburgh Penguins

Keystone

Diese Organisation ist gerade daran, sich neu zu positionieren. Die Ära von General Manager Lou Lamoriello ist im Mai 2015 nach 28 Jahren und drei Stanley Cups zu Ende gegangen. Er hatte seinen ganz eigenen Stil. Mit seinen strikten Verhaltensregeln vermittelte er seiner Organisation den Hauch einer Militärakademie.

Nun erfindet General Ray Shero die Devils sozusagen neu. Perestroika. Die Abnabelung von der ruhmreichen Vergangenheit, vom Stil seines Vorgängers ist im Gange, aber nicht einfach und noch nicht abgeschlossen. Eine neue Ära beginnt. Eine neue Ära braucht neue Männer. Nico Hischier soll dieses Gesicht der neuen Devils, der «Poster Boy» dieser neuen Ära werden. Zum ersten Mal rückt ein Schweizer in diese zentrale Rolle einer NHL-Organisation. So gesehen hat er eine noch wichtigere Position als Roman Josi in Nashville.

Schon im Herbst in der NHL – oder doch beim SC Bern?

Im neuen Dress: Nico Hischier spielt nächste Saison für die New Jersey Devils.

Im neuen Dress: Nico Hischier spielt nächste Saison für die New Jersey Devils.

KEYSTONE

Nico Hischier wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens die neun ersten NHL-Partien der Saison bestreiten. Nach neun Spielen muss Ray Shero entscheiden, ob der Schweizer bleibt. Oder ob er ihn für eine weitere Saison zur Weiterentwicklung zu den Junioren oder zum SC Bern schicken will.

Die NHL ist nicht mehr die raue «Rumpel-Liga» des letzten Jahrhunderts. Noch vor 20 Jahren hätte ein Künstler wie Nico Hischier allergrösste Mühe gehabt. In der modernen NHL mit der Regelauslegung «Null Toleranz» haben spielstarke Center inzwischen viel mehr Raum und Sauerstoff, um sich zu entfalten. Talent wird besser geschützt. Die NHL ist jünger, moderner, besser, spektakulärer geworden. Es ist nicht einmal ganz auszuschliessen, dass Nico Hischier bereits die ganze nächste NHL-Saison bestreitet.

New Jersey ist eine riesige Chance für einen jungen Spieler wie Nico Hischier. Hier wird alles getan, damit er diese Chance nützen kann, und die Geduld wird grösser sein als in einer völlig eishockey-verrückten Stadt wie Montréal, Philadelphia oder Toronto. Er wird die bestmögliche Betreuung und jede erdenkliche Unterstützung geniessen. Und «sieben Leben» haben: er wird nicht nur eine, er wird, so nötig, mehrere Chancen erhalten. Denn sein Scheitern wäre auch ein Scheitern für General Manager Ray Shero. Wer sich bei der Wahl eines Nummer-1-Drafts irrt, riskiert seine Karriere.