Slowenischer Favorit
Wer kann Leader Pogacar noch gefährden? Die wichtigsten Fragen und Antworten vor der Schlusswoche der Tour de France

Nach dem Ruhetag beginnt an der Tour de France 2021 die entscheidende Phase. Von Dienstag bis Donnerstag finden in den Pyrenäen drei anspruchsvolle Etappen auf dem Programm.

Tom Mustroph
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Wer kann Tadej Pogacar (in Gelb) noch überholen?

Wer kann Tadej Pogacar (in Gelb) noch überholen?

Bild: Daniel Cole/AP (Andorra la Vella, 11. Juli 2021)

Wer kann den slowenischen Leader Tadej Pogacar noch gefährden?

Am ehesten er sich selbst. Wenn er stürzt, wenn er einen Defekt in einem sehr ungünstigen Moment hat oder einen schlechten Tag erwischt, könnte er sich schnell einen Rückstand von mehreren Minuten holen, und die Tour wäre wieder offen. So etwas fürchtet der Slowene am meisten, deshalb weist er auch immer darauf hin, dass die Tour noch lang ist und viele Kilometer anstehen.

Jene, die im Klassement unmittelbar hinter ihm stehen, kann man kaum als seine Verfolger bezeichnen. Sie kämpfen vor allem gegeneinander um die Podiumsplätze. Das konnte man an der Nachführarbeit sehen, die die Rennställe Movistar und Ineos Grenadiers in jenem Moment führten, als der Ausreisser Guillaume Martin zwischenzeitlich auf Platz 2 vorstürmte. Pogacar kann sich auch auf den anstehenden Etappen der dritten Woche auf Schützenhilfe anderer Equipes verlassen.

Attackierlust zeigte bisher vor allem der aktuelle Gesamtdritte Jonas Vingegaard. Der Däne, vor vier Jahren noch im Teilzeitjob Fischskelettierer in der Fabrik eines Co-Sponsors, demons­trierte seine Fähigkeiten auf dem Mont Ventoux, als er Pogacar sogar stehen liess. Bewahrt sich der als Helfer für Primoz Roglic zur Tour gekommene Aufsteiger die Mentalität, dass er nichts zu verlieren, sondern alles zu gewinnen hat, könnte es tatsächlich noch spannend werden. Für ihn spricht, dass er bei der bisher einzigen Grand Tour, die er vor der Tour de France bestritt, der Vuelta 2020, in der dritten Woche am stärksten wirkte. Er erholt sich also gut. Offen bleibt, wie gut er sich bei dem Stress als junger Captain regenerieren kann.

Ineos-Grenadiers-Captain Richard Carapaz zeigte jenen Mut, den ein Kompaniechef auch von seinen Grenadieren einfordern würde. Nur reichten die Beschleunigungsfähigkeiten des Gesamtvierten bislang nicht aus, um den Gesamtführenden ernsthaft in Schwierigkeiten zu bringen. Alle anderen wären mit der Verteidigung ihrer Position schon hoch zufrieden.

Ist Tadej Pogacar überhaupt verwundbar?

In Drachenblut gebadet hat der Mann aus den slowenischen Bergen nicht. Er ist auch kein Halbgott, bleibt also weiter verwundbar. Ein paar Punkte auf seiner eigenen Gefährdungsliste konnte er allerdings als erledigt abhaken. Er wusste nicht, wie gut er auf der Höhe von 2400 m mit den diversen Andenbewohnern im Peloton konkurrieren kann. Auf dem 2408 m hohen Port d’Envalira geriet er bei den zaghaften Versuchen von Carapaz & Co. aber nicht in Atemnot. Auch vor der Hitze, genauer gesagt vor den extremen Temperaturunterschieden, hatte er Respekt. «Jetzt weiss ich aber, mein Körper verkraftet dies», sagte er nach den Hitzeschlachten in Südfrankreich und Andorra. Auch die Windkantengefahr meisterten er und seine Equipe in diesem Jahr besser als noch im letzten. Die 19. Etappe von Mourenx nach Libourne hält hier aber neue Herausforderungen parat. Selbst wenn Pogacar eine gute Technik auf dem Velo hat und selten zu Boden geht: Vor Stürzen bleibt auch er nicht gefeit.

Wann wird die Tour definitiv entschieden?

Traditionell vor dem letzten Tag. Auf der letzten Etappe wird wie immer unterwegs mit Champagner angestossen, bevor dann die Sprinter noch einmal die Muskeln spielen lassen können. Das Klassement steht also am Samstag, nach dem Zeitfahren. Dort können jene, die auf den drei Pyrenäenetappen zuvor noch Zeit eingebüsst haben, die Rangliste korrigieren. Stärkster Zeitfahrer der Spitzenfahrer ist allerdings Tadej Pogacar.

Welches sind die Höhepunkte der letzten Tour-Woche?

Natürlich der Pyrenäendreier vom Dienstag bis zum Donnerstag. Heute geht es erst mit einer Abfahrt von Pas de la Case in Andorra los. Das ist von den Organisatoren athletenfreundlich gedacht. Nach dem Ruhetag können sich die Beine einrollen. Danach müssen drei Berge erklommen werden, bevor es wieder ins Tal geht. Der anspruchsvollste ist der Col de la Core. Hier stürmte bei der Tour de France 1998 der Zürcher Roland Meier als einsamer Ausreisser hoch. Er stürzte dann auf der Abfahrt, kam am Plateau de Beille aber immerhin als Tageszweiter hinter dem unaufhaltsamen, 2004 verstorbenen Marco Pantani an.

Tags darauf folgt eine Bergankunft am Col du Portet und am Donnerstag der mythische Col du Tourmalet. Das Ziel dieser 18. Etappe ist die kaum weniger anspruchsvolle Auffahrt nach Luz Ardiden. An diesen drei Tagen winken den Zuschauern vor Ort spektakuläre Bergpanoramen. Dem Peloton drohen Schmerzen in Beinen und Lungen. Aufgrund seiner enormen Erholungsfähigkeiten ist Pogacar aber auch hier der Favorit.

Sollte man noch auf andere Fahrer achten als auf Pogacar?

Neben den Schweizern Marc Hirschi, Reto Hollenstein, Stefan Bissegger, Sylvan Dillier, Michael Schär und Stefan Küng– der beim Zeitfahren am Samstag sicherlich einer der Favoriten ist – natürlich auf Mark Cavendish. Das ist der Bursche im froschgrünen Trikot, der nach langer Krankheit imposant zurückkam und bereits vier Etappensiege holte. Er stellte damit den Uralt-Rekord von Eddy Merckx mit monumentalen 34 Tagessiegen bei der Tour ein. Und weil der 76-jährige Belgier nicht mehr kontern und seine Bilanz verbessern kann, könnte Cavendish sogar an ihm vorbeiziehen. Am Freitag und am Sonntag hat er dazu Gelegenheit, wenn er die Pyrenäenetappen innerhalb des Zeitlimits übersteht.