Super League
Nicht einmal Geld für ein Trainingslager: Bibbern mit dem FC Thun

Kein Geld, kein Trainingslager. Einzige Abwechslung: ein Freundschaftsspiel in Mainz – bezahlt von den Gastgebern. Trotz der Abwendung des drohenden Konkurses sieht es bei den Berner Oberländern momentan düster aus.

Sébastian Lavoyer
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Als einziger Super-League-Klub absolviert der FC Thun die Rückrundenvorbereitung ohne Trainingslager in der Wärme.

Als einziger Super-League-Klub absolviert der FC Thun die Rückrundenvorbereitung ohne Trainingslager in der Wärme.

Keystone

Während die anderen Super-League-Klubs bald Richtung Süden jetten, wird der FC Thun in der heimischen Stockhorn Arena bibbern. Momentan bei Minus-Temperaturen und Schnee und wenn der Winter hält, was er verspricht, wird es so weitergehen, bis die Meisterschaft beginnt.

Ein Trainingslager gibt es nicht. Zu knapp ist das Geld im Berner Oberland. Dass überhaupt noch Fussball gespielt wird in Thun, grenzt an ein kleines Wunder.

Es war Anfang November, als Thun-Präsident Markus Lüthi öffentlich um Hilfe schrie. Eine Million fehlte damals, um nur schon bis Ende 2016 durchzukommen. Rund anderthalb, um die Saison beenden zu können.

Thun-Präsident Markus Lüthi

Thun-Präsident Markus Lüthi

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Lüthi bettelte um Spenden. Ziel: zwei Millionen Franken. So hätte man gar ein kleines Polster. Bis heute sind etwas mehr als eine Million zusammengekommen – 275 000 Franken sammelte der Verein «Härzbluet für üse FC Thun», 784 000 Franken gingen direkt an den FC. Zudem hat die Stadt ein Darlehen von 500 000 Franken gesprochen. Der drohende Konkurs scheint vorerst abgewendet.

Hoffnung dank neuem TV-Vertrag

Es ist das dritte Mal in Folge, dass der FC Thun auf externe Hilfe angewiesen ist. Lüthi sagte Anfang September: «Wir sehen die Insel – aber wir sind in grosser Gefahr, direkt davor abzusaufen.» Er hätte gar nichts mehr unternommen, wenn auf nächste Saison nicht mehr Gelder aus den TV-Rechten an Klubs ausgeschüttet würden. Lüthi rechnet mit 700 000 bis eine Million Franken. Damit verbunden ist die Hoffnung, künftig nicht mehr auf Spenden angewiesen zu sein.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Gewichtig ist der Zuschauerrückgang.Erstmals überhaupt blieben rund 60 Plätze in der VIP-Lounge leer. «Das sind 400 000 Franken, die uns fehlen», so Lüthi. Zudem ging der Zuschauerschnitt pro Spiel von 6200 (2015/2016) auf 5200 (Vorrunde 2016/2017) zurück.

Aufs Jahr hinaus macht das rund eine Million, die den Thunern entgeht. Die tieferen Zuschauerzahlen wiederum lassen die Einnahmen aus dem Catering schrumpfen. Ein Teufelskreis.

Bereits nach der Cup-Niederlage gegen Promotion-League-Vertreter Kriens mussten Thuns Spieler sich einiges anhören. Sicherlich mitunter ein Grund für die wenigen Fans, die jeweils den Weg ins Stadion finden.

Bereits nach der Cup-Niederlage gegen Promotion-League-Vertreter Kriens mussten Thuns Spieler sich einiges anhören. Sicherlich mitunter ein Grund für die wenigen Fans, die jeweils den Weg ins Stadion finden.

Keystone

Alles soll besser werden nächste Saison – auch die Zuschauerzahlen. Vor allem weil die Anspielzeiten angepasst werden. Ab kommendem Sommer werden die Samstagsspiele um 19 Uhr ausgetragen, am Sonntag wird um 16 Uhr angestossen. Auch will Thun die Ticketpreise attraktiver gestalten und das Stadion besser vermarkten. Warum man das nicht schon diese Saison geschafft hat, dafür fehlt eine Erklärung.

Trotzdem wurde der Hilferuf erhört. Nicht nur Kinder, Firmen und Fans aus der ganzen Schweiz spendeten, auch die erste Mannschaft beteiligte sich. «Im Dezember haben wir und der Staff auf 10 Prozent unseres Lohns verzichtet», sagt Captain Dennis Hediger.

Und natürlich auf das Trainingslager. Sportchef Andres Gerber war im September kurz davor in Spanien zu buchen, als klar wurde, dass es eng wird. «Der Verzicht bringt uns nun Ersparnisse von rund 60 000 Franken», sagt Gerber.

Mit den bisher eingegangenen Geldern hätte man sich sogar ein Trainingslager im Süden leisten können. Doch Gerber sagt: «Es wäre inkonsequent, wenn wir jetzt in den Süden geflogen wären.» Und so bibbern Hediger & Co unter Leitung von Trainer Jeff Saibene auf dem Kunstrasen am Fusse des Stockhorns. Schneeflocken und Thermo-Wäsche statt Sand und Flipflops.

Ein Nachteil? Nein, findet Hediger. «Als wir letztes Jahr in die Türkei flogen, windete es die ersten drei Tage so stark, dass wir kaum trainieren konnten», sagt er. Einzig den gemeinsamen Stunden nach den Trainings trauert er nach. Den Kartenspielen, den Gesprächen – Kitt für die Mannschaft.

Doch auch hier scheint eine Lösung gefunden. Am 15. Januar spielen dieThuner auswärts gegen den Bundesligisten Mainz 05. Auf Einladung des Vereins von Martin Schmidt, ehemaliger U21-Trainer beim FC Thun. Mainz übernimmt die Kostenfür Reise und Unterkunft. Davor gibts einenTeam-Ausflug in den Europa-Park. Ein wenig Abwechslung im eisigen Thuner Alltag.

Martin Schmidt und seine Mainzer empfangen Thun zu einem, Freundschaftsspiel in Deutschland.

Martin Schmidt und seine Mainzer empfangen Thun zu einem, Freundschaftsspiel in Deutschland.

KEYSTONE/EPA dpa/FRANK RUMPENHORST

Der Verzicht auf das Trainingslager ist das eine. Weit wichtiger aber ist der Beitrag, den die Spieler auf dem Platz bringen, so Hediger. Denn ein Abstieg wäre das sichereEnde für Thun. Davor fürchten sich auch die Stadionbauer. Investor Ferdinand Locher sagt: «Darüber denken wir gar nicht nach. Wir sind schon froh, dass bis jetzt die Mieten immer pünktlich bezahlt wurden.»

54 000 Franken zahlen die Thuner pro Monat. Ein Betrag, den sie in der ChallengeLeague nicht mehr zu stemmen in der Lage wären. Das Bibbern dürfte also weitergehen, auch wenn die Temperaturen längst wieder im Plusbereich liegen.

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