Eishockey
Neu-Nati-Trainer Patrick Fischer: «Ich weiss, dass ich ein Glückspilz bin»

Am Donnerstag wurde Patrick Fischer als Schweizer Eishockey-Nationaltrainer vorgestellt. Der 40-Jährige erklärt im Interview, warum er trotz bescheidenem Leistungsausweis als Trainer der richtige Mann an der Bande der «Eisgenossen» ist.

Marcel Kuchta
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Fokussiert auf seine neue Aufgabe: Nationaltrainer Patrick Fischer.

Fokussiert auf seine neue Aufgabe: Nationaltrainer Patrick Fischer.

Keystone

Wenn ein Film gedreht würde über die letzten drei Monate Ihres Trainerlebens – angefangen bei der vorzeitigen Vertragsverlängerung in Lugano über die Entlassung im Oktober bis hin zur Ernennung als Nationaltrainer – welchen Titel würden Sie ihm geben?
Patrick Fischer (überlegt lange): «Die abenteuerliche Reise eines Fischers» oder so ähnlich. Manchmal fängt man einen Fisch, manchmal verliert man ihn aber auch gleich wieder. (lacht)

Welches Genre hätte der Film?
Es wäre ein Lernfilm.

Wieso?
Weil man im Leben erst lernen muss, zu verlieren, bevor man gewinnen kann. Ich habe nach dem harten Ende in Lugano viel überlegt und meine Fehler, die ich gemacht habe, eingesehen. Ich bin hart und ehrlich mit mir ins Gericht gegangen, aber trotz allem positiv geblieben. Ich denke, dass ich rückblickend mit dieser Niederlage gut umgegangen bin. Darum war ich auch schnell bereit für neue Aufgaben.

Welche Fehler haben Sie gemacht?
Vielleicht bin ich etwas zu ungestüm vorgegangen. Ich habe in einer Phase, als es der Mannschaft nicht gut gelaufen ist, wohl zu viel von meinen Leadern verlangt, sie überfordert. Ich wollte, dass sie dieses kämpferische Manko, das uns zweimal in den Playoffs zum Verhängnis geworden war, wettmachen. Ich wollte ihnen helfen, zum totalen Führungsspieler zu werden.

So, wie sich die Dinge jetzt für Sie entwickelt haben, sieht das fast ein wenig nach Hollywood-Drehbuch aus. Innert weniger Wochen vom entlassenen Trainer an die Spitze des Nationalteams.
Das ist so. Aber eigentlich ist mein ganzes Leben nach ähnlichem Muster abgelaufen. Ich weiss, dass ich ein Glückspilz bin. Ich durfte meinen Traum vom Eishockey-Profi verwirklichen. Ich durfte mit 30 Jahren noch das Abenteuer NHL erleben. Irgendwann wurde mir aber auch bewusst, dass das Ganze nicht nur mit Glück zu tun hat, sondern auch eine Frage der Einstellung ist.

Erzählen Sie.
Es geht darum, wie man an eine Aufgabe herangeht. Ich schätze mich als sehr bescheiden ein und bin dankbar für die Chancen, die sich mir eröffnet haben. Deshalb sehe ich auch dann etwas Positives, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Natürlich hätte ich lieber Erfolg gehabt in Lugano, aber gleichzeitig bin ich auch unglaublich glücklich, dass ich nun diese Chance erhalte und man mir das Vertrauen erteilt, die Nationalmannschaft zu führen.

Es gibt Leute, die behaupten, Ihr Leistungsausweis als Trainer sei zu bescheiden, um so einen wichtigen Posten auszufüllen. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?
Es ist mir klar, dass ich nicht nur Freunde habe, die meine Ernennung sensationell finden. Wenn der Leistungsausweis daraus besteht, dass man so und so viele Titel vorweisen muss, dann kann ich die nicht bieten. Aber mein Leben besteht aus Eishockey. Ich war über 30 Jahre lang Spieler und habe dabei die ganze Welt gesehen. Ich bin seit fünf Jahren im Trainerbusiness und hatte sehr gute Lehrer. Ich habe mit der Nationalmannschaft Weltmeisterschaften miterlebt – sowohl als Spieler als auch als Trainer. Ich weiss, wie das läuft. Und ich habe auch Lugano mit hoch erhobenem Kopf verlassen. Ich weiss, was ich dort bewegt habe.

Muss man als Nationaltrainer eher Taktiker sein oder Motivator?
Grundsätzlich ist es eine ganz andere Rolle als diejenige des Klubtrainers, der tagtäglich mit seiner Mannschaft zusammenarbeitet. Die Motivation ist auf Stufe Nationalteam sehr wichtig. Man muss die Spieler an einer WM innert kürzester Frist auf ein gemeinsames Ziel einschwören. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch strategisch stark unterwegs sein. Man muss schnell reagieren können und sich immer alle Optionen offen halten. Die Mannschaft braucht eine Taktik, eine Identität, an der sie sich festhalten kann.

In letzter Zeit wurde es immer schwieriger, die Spieler für das Nationalteam zu begeistern. Was tun Sie, damit die besten Cracks wieder gerne kommen?
Der erste Punkt, den man klären muss, ist die Frage: «Warum wollen diese Spieler nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen?» Ich werde sicher mit allen Kandidaten reden. Aber letztlich brauchen wir Spieler in unserem Team, die wirklich dabei sein wollen. Uns nützt kein Mann etwas, der sich im entscheidenden Moment nicht in einen gegnerischen Schuss wirft.

Die Schlagworte «Swissness» und «Identität» sind im Zusammenhang mit Ihrer Verpflichtung oft gefallen. Wie interpretieren Sie diese Attribute bezüglich des Nationalteams?
In den letzten 20 Jahren hat unser Eishockey enorme Fortschritte gemacht und sich dank ausländischer Hilfe in der erweiterten Weltspitze etabliert. Aber der letzte Schritt nach oben muss von uns selber kommen. Deshalb ist der Schritt, den die Verbandsspitze gemacht hat, sehr wichtig. Sie gibt mir, Fige Hollenstein und Reto von Arx Vertrauen. Das ist eine Grundvoraussetzung, damit Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entstehen können. Unser Problem gegen stärkere Gegner ist traditionell, dass wir uns gerne ein wenig kleiner machen, als wir sind. Aber wir müssen von unseren Stärken überzeugt sein. Das ist für mich «Swissness». Das Feuer zu entfachen bei den Spielern, dass man miteinander rausgeht und für sein Land kämpft, das kann ich reinbringen zusammen mit meinen beiden Assistenten.

Steht das neue Regisseur-Trio eher für Action-Filme oder Doku-Soaps?
(lacht) Natürlich Action! Wir waren schon als Spieler Typen, die mutig sind. Das wird sich auch in unserer Rolle als Trainer nicht ändern.

Die meisten Filme enden mit einem Happy End. Wie sieht Ihres aus?
Ich träume davon, dass alle Schweizer Eishockey-Nationalteams in drei bis vier Jahren ihre eigene Identität entwickelt haben – mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die Resultate.

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