Kunstturner stehen 30 Stunden in der Woche in der Halle. Selten nur bekommen sie eine derartige Bühne wie an diesen Heim-Europameisterschaften in Bern, wo sie und ihre Künste für einmal im Rampenlicht stehen. Für dreifache Überschläge am Sprung oder waghalsige Flugelemente am Reck braucht es nicht nur das tägliche Training, sondern auch körperliche Voraussetzungen wie Beweglichkeit, Kraft oder gute Hebelverhältnisse. Das Allerwichtigste, sagt Bernhard Fluck, der Cheftrainer der Schweizer Nationalmannschaft, «ist jedoch der Wille, möglichst lange durchzuhalten. Dann kommt man irgendwann oben an».


Wenn Sie als Nationaltrainer die Athleten übernehmen, sind diese in jeder Beziehung schon auf einem sehr hohen Level. Die Arbeit in diesem Stadium ist eine ganz andere als jene an der Basis in den Vereinen.
Ganz sicher. Wobei: Auch diese Athleten können noch nicht alles. Meine Trainer und ich versuchen, die Schwierigkeiten laufend zu steigern, basierend auf den Grundlagen, welche sie sich in den Regionen antrainiert haben. Diese Athleten wissen genau, wo sie hinwollen und was für Ziele sie sich selber gesteckt haben. Wir befinden uns mit ihnen aber in einem ständigen Dialog.

Das Bild des knallharten Trainers scheint so recht nicht zu passen: Sind Sie eher Motivator denn Drillmeister?
Es geht in diese Richtung – früher war das noch ein wenig anders. Besonders im Seniorenbereich ist der Körper anfälliger, es warten andere Anforderungen, hoch komplizierte Bewegungen, bei welchen auch einmal etwas passieren kann. Mit Drill und Erzwingen geht da gar nichts mehr. Es geht mehr ums Spüren des Athleten, was drinliegt. Immer natürlich mit Blick auf das Wochenziel, welches jeder Athlet verfolgt.

Ist es trotzdem manchmal schwierig, nicht zu viel zu wollen, den Athleten aber dennoch zu fordern? Hilft hier Ihre Erfahrung aus 40 Jahren im Trainerbusiness?
Das ganz sicher. An und für sich ist es ja eine geniale Sache: Die Athleten wollen alle vorwärtskommen. Sie wissen selber, was es braucht. Vielleicht muss man sie in gewissen Phasen zu etwas intensiverem Training animieren, ihnen bewusst machen, dass der Grundstein für Erfolge an wichtigen Wettkämpfen unter Umständen ein halbes Jahr im Voraus gelegt wird.

Im Kunstturnen gibt es relativ viele Wechsel, das Gesicht der Mannschaft ändert ständig. Macht das das Arbeiten für Sie schwieriger?
Wir haben die Athleten zwar noch nicht so lange wie zum Teil im Fussball oder Eishockey, aber bedeutend länger als noch früher. Und zwar deshalb, weil sie später mit dem hoch intensiven Training beginnen. Nehmen wir Claudio Capelli: Er wird in diesem Jahr 30. Oder auch Pascal Bucher. Das hängt auch mit der Karriereplanung in Magglingen zusammen, wo Ausbildung und Sport optimal miteinander verbunden werden können.

Hat es nicht auch mit der Regeneration zu tun, welcher eine grössere Wichtigkeit beigemessen wird als noch früher?
Auf jeden Fall, darauf wird sehr viel Gewicht gelegt. Die Belastung ist für die Athleten heutzutage eher grösser als früher. Und zwar, weil die Übungen heute länger dauern und auch komplizierter geworden sind. Deshalb müssen wir auch mehr machen für die Regeneration. Das ist in anderen Bereichen in der Berufswelt nicht anders; alles entwickelt sich und wird komplexer.

Bevor Sie Nationaltrainer wurden, wurden die Schweizer Kunstturner von drei Trainern aus Osteuropa trainiert. Jetzt haben Sie zwei Franzosen an Ihrer Seite, und auch bei den Frauen wird nach den Olympischen Spielen ein Franzose als Cheftrainer übernehmen. Ein Zufall?
Ein bisschen sicher. Ein enorm wichtiger Punkt bei der Besetzung dieser Posten war die Teamfähigkeit. Alle müssen zusammenpassen, einander respektieren, täglich zusammenarbeiten. Wir haben eine wunderbare Trainercrew beisammen, die perfekt harmoniert.

Sind Westeuropäer grundsätzlich teamfähiger?
Nein, ich glaube nicht. Ich kenne offene, teamfähige und allesamt hochbegabte Trainer aus dem Osten. Ich könnte mir gut vorstellen, mit einem Japaner oder Chinesen zusammenzuarbeiten.

Irgendwie hält sich das Bild des knallharten Trainers aus dem Ostblock, aus Russland oder China. Ist da noch etwas dran?
Mein Eindruck ist: Im Profisport läuft es überall ähnlich ab. Da geht es in erster Linie um die Kommunikation, für jeden täglich das Bestmögliche herauszuholen, Gespräche zu führen mit Physiotherapeuten, dem Sportarzt, Sportpsychologen, dem Leistungsdiagnostiker – das ist ein richtiges Netzwerk.

Teilen Sie die Meinung, dass das Verhältnis zwischen Trainern und Athleten kollegialer geworden ist in den letzten Jahren, auch, dass sich Athleten eher getrauen, einmal die eigene Meinung zu sagen?
Es muss kollegial zu- und hergehen; ja man muss sich fast ein wenig mögen. Und doch: Jene, die vorne hinstehen, müssen den Ton angeben können. Wir befinden uns nun mal in einer Gesellschaft, in welcher es allen sehr gut geht, da hinterfragt man alles. «Weshalb muss ich das machen, oder das, oder das?» In diesem Fall muss man eine gute Antwort parat haben.