Interview

Nati-Trainer Vladimir Petkovic: «Die Fussballer haben begriffen, dass sie derzeit nicht die Stars sind»

Petkovic hatte Zeit für viele Gedanken. «Dieses kleine Virus hat gezeigt, wie verwundbar wir alle sind. Und die Krise hat gezeigt, dass unsere Gesellschaft doch nicht so schlecht ist. Wir waren solidarisch, respektvoll, diszipliniert.»

Petkovic hatte Zeit für viele Gedanken. «Dieses kleine Virus hat gezeigt, wie verwundbar wir alle sind. Und die Krise hat gezeigt, dass unsere Gesellschaft doch nicht so schlecht ist. Wir waren solidarisch, respektvoll, diszipliniert.»

Heute hätte die Fussball Europameisterschaft begonnen. Der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic, 56, erzählt im Gespräch, wie er im Tessin die Coronakrise erlebt hat, wie die virtuellen Meetings mit den Nati-Spielern verliefen. Petkovic ist sich sicher: Die Gesellschaft ist dank Corona näher zusammengerückt.

Morgen Samstag wäre die Schweiz gegen Wales in die EM gestartet. Ist diese Partie noch in ihrem Kopf drin?

Nein. Als die EM definitiv verschoben wurde, habe ich ganz schnell umgeschaltet. Sportler lernen, flexibel zu sein. Deshalb ist es mir nicht schwer gefallen, mich gedanklich von der EM zu lösen. Trotz der langen Fussball-Abstinenz ist es mir gelungen, positiv zu bleiben. Und jetzt, wo auch in der Schweiz der Fussballbetrieb wieder hochgefahren wird, sehe ich wieder Licht am Ende des Tunnels. Es bleibt jedenfalls noch viel Zeit, um über unsere EM-Gegner nachzudenken. Aber nicht jetzt.

Spüren Sie Wehmut, weil die EM verschoben werden musste?

Nein. Für mich ist das Glas immer halbvoll. Ich bin es gewohnt, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind und kann mich auch schnell auf Unvorhergesehenes einstellen.

Sie haben das Bild vom Licht am Ende des Tunnels bemüht. Wie hat es sich für Sie in diesem Tunnel angefühlt? Und hatten Sie Bedenken, ob Sie dieses Licht jemals wieder sehen werden?

Das nicht. Aber wie lange dieser Tunnel ist, wussten wir im Frühjahr alle nicht. Selbst die Experten, die im Corona-Thema drin waren, konnten keine verlässlichen Prognosen abgeben. Aber das war auch nicht wirklich entscheidend. Denn über allem steht die Gesundheit. Und alles, was mit dem Fussball passiert ist, war bloss die logische Konsequenz. Ich finde es bewundernswert, wie die gesamte Gesellschaft mit Leistung und Disziplin diese Krise gemeistert hat.

Die Bilder vom Interview-Termin mit Vladimir Petkovic und seine wichtigsten Aussagen:

Wie war für Sie das Leben im Tessin, das stark von der Corona-Welle getroffen wurde?

Durch die Nähe zur Lombardei waren wir besonders exponiert. Mit dem ersten Ansteckungsfall im Tessin hat sich das Leben verändert. Ich habe alles verfolgt, mich ständig informiert. Nicht nur über die Zustände im Tessin, sondern auch im Rest der Schweiz, in Italien, in ganz Europa. Es war am Anfang auch sehr viel Angst zu spüren im Tessin. In Locarno, nahe meiner Wohnung, wurde das Krankenhaus in ein Corona-Spital umgewandelt. Das gibt schon zu denken. Aber es hat mir auch Sicherheit vermittelt, weil man die Pandemie in der Schweiz sehr ernst genommen hat.

Und dann, als die ersten Todesfälle gemeldet wurden?

Ja, das wir nicht einfach. Auch, weil man am Anfang nicht wusste, ob es in den Spitälern genug Intensivbetten gibt. Wir haben im Tessin mitgelebt, mitgefühlt, mitgelitten. Es war eine sehr grosse Solidarität zu spüren. Auch ich habe versucht, mit kleinen Gesten die Betroffenen moralisch zu unterstützen. Denn einige, die ich kenne, wurden positiv auf Covid-19 getestet. Und ich habe häufig versucht, zu rekonstruieren, mit wem ich wo war. Wen ich getroffen habe. Es ging mir darum, meine Familie und mich zu schützen.

Verbandspräsident Dominique Blanc kehrt nach einer gemeinsamen Reise nach Amsterdam krank zurück.

Ja, und dann wurde geschrieben, ich lebte in Quarantäne. Aber ich war nie in Quarantäne. Gut, ich war im April selten draussen. Mit meiner Tochter vielleicht zwei, dreimal etwas einkaufen. Ich war also die ganze Zeit zu Hause und glücklich. Respektive, das Glück zu Hause hat sich entwickelt und bestätigt.

Also keine Ehekrise?

Nein, wir sind schon 33 Jahre verheiratet und haben so viel Zeit miteinander verbracht, dass Corona keine Prüfung für unsere Beziehung war. Aber klar, vieles war gewöhnungsbedürftig. Geburtstage über Videochat zu feiern. Oder sich virtuell mit Freunden zum Nachtessen zu treffen. Aber ich habe dadurch neue Dinge gelernt und Fortschritte in der digitalen Welt gemacht. Wie die Schulkinder, die neue Systeme adaptieren mussten. Die Krise brachte viel Leid. Aber unsere Gesellschaft hat durch die Krise auch für die Zukunft profitiert.

Sie standen in Kontakt mit dem coronakranken Präsident Blanc. Sie waren am 19. Februar auch beim Champions-League-Spiel in Mailand zwischen Bergamo und Sevilla, welches als Spiel Null bezeichnet wurde, weil es nach Ansicht italienischer Gesundheitsexperten ein Grund gewesen ist für das starke Verbreitung des Coronavirus in der Region. Befürchteten Sie nie, sich angesteckt zu haben?

Ich flog zu jener Zeit auch von Mailand nach Düsseldorf, um ein Spiel zu beobachten. Es hätte passieren können, dass ich mich infiziere. Es ist wie beim Trainerberuf: Man muss antizipieren. Aber zu jener Zeit wusste man noch viel zu wenig. Im Rückblick kann man meine Reisen analysieren und kritisieren. So, wie ihr Journalisten das häufig macht. Angst hatte ich jedenfalls nie. Aber ich habe keine Gewissheit darüber, dass ich mich nicht angesteckt habe. Ich hatte ein, zwei Symptome. Aber die könnten auch psychisch bedingt sein. Sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich nun positiv war oder nicht? Nein! Wir hatten während der Coronawelle fast durchwegs gutes Wetter im Tessin. Das war sehr viel Wert, vor allem auch für die Psyche.

Was hat der Stillstand mit Ihnen gemacht?

Ich wurde darin bestätigt, was ich schon früher immer gesagt habe: Das Wichtigste ist die Gesundheit. Das tönt vielleicht banal. Dieses kleine Virus hat gezeigt, wie verwundbar wir alle sind. Und die Krise hat gezeigt, dass unsere Gesellschaft doch nicht so schlecht ist. Wir waren solidarisch, respektvoll, diszipliniert. Einiges lässt sich auf den Fussball übertragen. Individuelle Leistung und individuelle Verantwortung stärken eine Mannschaft oder wie während Corona die Gesellschaft.

Denken Sie, dass Disziplin und Solidarität nachhaltig sind?

Das ist eine der grossen Fragen. Deshalb rate ich allen, auch meinen Spielern, sich an die Coronazeit zu erinnern, wenn man unzufrieden ist oder hadert. Man soll sich fragen: Wie war das? Konnte ich meine Eltern besuchen? Konnte ich Gäste empfangen? Scheinbar Kleinigkeiten. Aber in einer Krise erhalten sie sehr viel Gewicht.

Vladimir Petkovic, Fussball Nationaltrainer der Schweiz.

Vladimir Petkovic, Fussball Nationaltrainer der Schweiz.

Was sagen Sie den Spielern? Inwiefern soll die Coronakrise für sie eine Chance sein?

Die Spieler haben gesehen, wie viel Bereitschaft, wie viel Disziplin von jedem einzelnen gefordert ist. Und sie haben gesehen, dass mit persönlichem Engagement das Kollektiv profitiert. Vielleicht werden sie es im Alltag wieder vergessen. Umso wichtiger wird sein, dass nicht nur ich, sondern auch die Medien, das private Umfeld, die Spieler immer wieder daran erinnert.

Die Trainerkarriere von Vladimir Petkovic in Bildern:

Am Ende des Tages steht sich doch jeder selbst am nächsten.

Vielleicht. Ich bin nicht gegen den Individualismus. Im Gegenteil. Ein verantwortungsvoller Individualismus ist nützlich für das Kollektiv. Viele von unseren Spielern waren sehr solidarisch. Nicht nur in finanzieller Hinsicht. Sie haben sich Gedanken darüber gemacht, wie sie den Menschen «Danke» sagen können, die in den Spitälern arbeiten. Oder dem Busfahrer. Die Spieler haben kapiert, dass in diesem Moment nicht sie die Stars sind, sondern jene, die für viel weniger Geld eine systemrelevante Arbeit verrichten. Die Spieler waren sehr demütig.

Hat es den Spielern gutgetan, zu realisieren, dass der Star den Bus steuert?

Ich hoffe es. Aber auch diese Erkenntnis muss man immer wieder ansprechen, als Input nutzen, die Spieler regelmässig daran erinnern. Es wäre toll, wenn sich diese Erkenntnisse bei uns allen im Hirn einnisten. Es war jedenfalls beindruckend, zu erleben, nach welchen Idealen ganz viele Leute leben, es geht schlicht und einfach darum, einander zu helfen - und sich dafür sogar selbst einigen Risiken auszusetzen, ganz besonders in den Spitälern.

Haben Sie den Fussball vermisst in den letzten Monaten?

Am Anfang war der Fussball trotz allem sehr präsent in den Gedanken. Auch ich habe mir immer wieder überlegt, welche Möglichkeiten oder Lösungen es nun gäbe. Bis ich gemerkt habe, dass jede Woche alles wieder anders aussieht. Seit wir die Katar-Reise mit dem Nationalteam abgesagt haben, lag mein Fokus total auf dem Virus. Es war in der Hauptrolle meines Lebens - ja, die ganze Welt musste sich anpassen. Und ich habe auch viel Neues gelernt wegen des Virus. Aber klar, es hat mir gefehlt, auf dem Platz zu stehen. Und sicher hat es mir gefehlt, Fussballspiele anschauen zu können.

So haben die Nati-Spieler in dieser Saison in ihren Klubs gespielt: die Noten

Hatten Sie manchmal das Gefühl, als Trainer fast arbeitslos zu sein? Die Hälfte des Jahres ist bald vorüber - und Sie hatten noch kein einziges Spiel an der Seitenlinie.

Ja. Fast.

Fast?

Meine Arbeit ist schon nicht dieselbe wie bei einem Klubtrainer. Ich bin viel mehr hinter der Kulisse tätig, die Gespräche musste ich jetzt aber tatsächlich vollständig ins digitale verlegen.

Haben Sie virtuelle Nati-Meetings veranstaltet?

Nicht nur mit den Spielern. Auch mit dem Staff. Wir haben Gedanken gewälzt, wieder verworfen, wieder neu gedacht. Oder einmal einen Apéro-Abend veranstaltet, uns zugeprostet mit einem Glas Wein oder Prosecco und gute Gesundheit gewünscht.

Die Schweizer Nati-Spieler und Trainer Vladimir Petkovic im virtuellen Gespräch.

Die Schweizer Nati-Spieler und Trainer Vladimir Petkovic im virtuellen Gespräch.

Und mit den Spielern ein Bier gehoben?

Nein, nein, da war der Meeting-Charakter etwas „offizieller“, aber nicht minder schön. Jeder hat vor der Gruppe ein bisschen davon erzählt, was bei ihm gerade wie läuft oder in Aussicht gestellt ist. Sogar innerhalb von Deutschland wurden die Massnahmen bei den Vereinen ja komplett verschieden umgesetzt. Und wir haben uns ausgetauscht darüber, wer wie versucht, zu helfen. Ich habe in Italien einige Dinge getan.

Geld gespendet?

Ja, aber das meine ich nicht primär. Ich habe versucht, den Menschen in Spitälern beispielsweise Mut zuzusprechen via Videobotschaften.

Im Rückblick tönt «drei Monate» ja eigentlich gar nicht nach einer so langen Zeit.

Das ist so. Aber diese drei Monate waren wohl für uns alle ziemlich intensiv. Es gab Raum für viele Gedanken. Man konnte Dinge tun, die im «normalen» Leben keinen Platz hatten. Ich habe mich auch inspirieren lassen von einigen Politikern und Fachleuten.

Wie das?

Es ist offensichtlich geworden, wie wichtig die konkrete Kommunikation ist. Und noch wichtiger: Leadership. Wer acht Millionen Leute hinter sich bringen muss, oder gar 60 Millionen wie in Italien oder 80 Millionen wie in Deutschland, muss einen ziemlich guten Plan haben und sehr direkt, aber auch gnadenlos ehrlich auftreten. Auf der anderen Seite hat man gemerkt, welche Folgen es hat, wenn die Leute spüren, dass einer lügt. Oder wenn jemand einmal weiss, einmal schwarz und dann wieder grün erzählt. Auch diese Beispiele gab es auf der weiten Welt - ich habe ziemlich viel aufgesogen. Und ich bin überzeugt, dass mir diese Dinge auch als Nationaltrainer helfen werden.

Meistgesehen

Artboard 1