Triathlon

Natascha Badmann: «Ich habe keine Angst vor dem Leben nach der Karriere»

Lässt sich nicht unterkriegen: Natascha Badmann.

Lässt sich nicht unterkriegen: Natascha Badmann.

Die 48-jährige Triathletin Natascha Badmann fehlt am diesjährigen Ironman Hawaii. Wars das mit der einzigartigen Beziehung zwischen der Ausdauersportlerin und Hawaii?

Die Narkose lässt langsam nach. Noch ist die Welt von Natascha Badmann verschwommen. «Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie», erklärt die Krankenschwester. Bewegen kann sich Badmann nicht, sie fühlt sich eingesperrt. In einem Körper, der in Sachen Bewegung tagtäglich Grenzerfahrungen macht – und braucht. Die lädierten Schultern verunmöglichen das Anheben der Arme. Die Triathletin realisiert, dass sie nicht einmal nach Hilfe rufen kann. Tränen fliessen. Eine Rückkehr in den Spitzensport scheint utopisch.

Nur einmal nicht in Hawaii am Start

Heute, acht Jahre später, versprüht Natascha Badmann nur eines: Dankbarkeit. Seit diesem Unfall 2007 am Ironman Hawaii, als Badmann von einem Motorrad angefahren wurde, ist einiges passiert. Sie nahm die Herausforderung an, vieles von Grund auf neu erlernen zu müssen. «Wie ein Kind im Wachstum machte ich täglich einen Strich an die Wand, so hoch ich meine Arme anheben konnte.» Es dauerte, bis Fortschritte auszumachen waren. In dieser Rehabilitierungsphase benötigte Badmann das, was sie als Triathletin seit Jahren auszeichnete: Disziplin. Früh spielt sie mit den Gedanken eines Comebacks. «Ich höre nicht auf, wenn ich am Boden liege», sagte sie sich. Die wohl wichtigste Person auf Badmanns Weg zurück an die Weltspitze war Toni Hasler.

Der ehemalige Triathlon-Nationaltrainer ist sowohl eiserner Trainer als auch einfühlsamer Lebenspartner der 48-Jährigen. Zusammen bezeichnen sie sich als Firma. «Toni ist der Chef in der Abteilung Entwicklung, ich im Bereich der Produktion», erklärt Badmann. Dank diesem Mantra erklomm Badmann vor ihrem Unfall den Triathlon-Olymp. Seit 1996 startet sie in Hawaii, verpasste seither nur ein Rennen. 2015 kommt ein zweites dazu. Ist das das Ende einer einzigartigen Beziehung zwischen Badmann und Hawaii?

Auf jener Insel, die inzwischen einen speziellen Platz in Badmanns Herzen geniesst, triumphierte sie 1998 als erste Europäerin. Fünf Titel sollten folgen. Und längst bezeichnet man Badmann in der Szene als Queen von Hawaii. Dreimal musste die Triathletin bisher ein Rennen auf Hawaii abbrechen. Eine Leere sei es, die einen in solchen Momenten überfalle. Gerne zieht Badmann den Vergleich, dass ein Ironman wie ein Leben sei. «Ein Abbruch weckt Gefühle des Scheiterns und der Unvollständigkeit.» Es ginge ihr aber nicht mehr nur ums «Finishen». Obwohl es ebendieser Zieleinlauf ist, der ihr eine tiefgreifende Zufriedenheit verschafft. «Die letzten 400 Meter kann man sich nicht kaufen, nur erarbeiten.»

Dieses Glücksgefühl sei ein Grund, warum sie sich diese Trainingsstrapazen auch im fortgeschrittenen Alter noch immer antut. Auch ihr verspäteter Einstieg mit 24 Jahren in den Profisport, sei Aspekt, dass ihr Hunger noch ungestillt ist. In erster Linie ist es aber die Freude und Befriedigung, die Badmann im Sport findet. In jungen Jahren noch mit Fettleibigkeit zu kämpfen, fand Badmann mit dem Ausdauersport einen Weg aus ihrer privaten Schaffenskrise.

Rückschläge prägten Badmanns bisherige Laufbahn. «Diese sind dazu da, besser zu werden», so ihr Credo. So warfen sie auch die jüngsten Vorkommnisse nicht aus der Bahn: Im Frühjahr 2014 wurde sie im Trainingslager in Cran Canaria von einem Touristen angefahren. Verschiedene Verletzungen bremsten sie auch in diesem Jahr. «Aufgrund des neueren Qualifikationsverfahrens wird die Teilnahmeberechtigung für Hawaii komplizierter und härter, gerade in meinem Alter, so die 48-Jährige. Heuer sieht das Reglement vor, dass die besten 35 der Weltrangliste eine Startberechtigung am ältesten Langdistanz-Triathlon erhalten. Badmanns Jahresprogramm, das in den Vorjahren aus zwei Wettkämpfen bestand, reicht nicht mehr aus. Sie benötigt nun mehr Punkte für die Qualifikation. Früh realisierte Badmann in diesem Jahr, dass ihre Rechnung nicht aufgehen wird, deshalb entschied sie sich in diesem Jahr gegen ihre Liebe. Gegen Hawaii.

Badmanns Rückkehr ist geplant

Die grosse Abwesende hat aber eine
Vision: «Im nächsten Jahr will ich nochmals nach Hawaii.» Es wäre ihr 20-Jahr-Jubiläum auf der Insel – und das in ihrem fünfzigsten Lebensjahr. Die Platzierung sei dabei nicht prioritär. «Unglaublich schön wäre es, die Qualifikation noch einmal zu schaffen.» Was danach geschehe, lässt sie offen. Fest steht, dass wenn sich Badmann aus dem Profisport zurückziehen sollte, sie ihr Dasein erstmals im sportlichen Niemandsland fristen wird. Denn in ihrer eigentlichen Alterskategorie würde sie der Vorjahressiegerin rund eineinhalb Stunden abnehmen. «Angst vor dem Leben nach der Karriere habe ich nicht.» Sie werde weiter Sport treiben, Respekt vor der Übergangsphase habe sie dennoch. Vorerst will die Queen von Hawaii noch einmal angreifen. Dass es keinen siebten Titel geben wird, stört sie nicht. Denn Natascha Badmann ist längst eine Queen ohne Machtansprüche.

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