Der relative Altersunterschied zwischen Junioren führt dazu, dass die älteren Spieler eines Jahrgangs einen Entwicklungsvorsprung haben, der zu einem besseren Spielverständnis, einer besseren Übersicht und schliesslich einer besseren Gesamtleistung führt, erklärt Michael Romann von der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen (EHSM). «Physisch wirkt sich dieser Entwicklungsvorsprung von bis zu 20 Prozent in der Körpergrösse und der Muskelmasse aus, er hat aber auch Einfluss auf die psychische Reife. Das Problem ist, dass die Trainer diesen Vorsprung fälschlicherweise als Talent einschätzen und diese Spieler dann häufiger spielen lassen, eher für Nationalmannschaften selektionieren und ihnen mehr positives Feedback geben.»

Der Relative Age Effect (RAE) tritt nachweislich in vielen Sportarten auf, darunter Tennis, Volleyball, Eishockey und Fussball. Gemäss Romann zeigen breit angelegte Studien, dass der Effekt bei populären, körperbetonten Sportarten wie eben Fussball besonders ausgeprägt ist. Eine Untersuchung von Romann bei den Schweizer Jugend-Nationalspielern (U15 bis U18) hat ergeben, dass fast die Hälfte der Spieler in den ersten drei Monaten geboren ist. Eine Analyse der «Tageswoche» von 240000 Fussballern in der Datenbank «transfermarkt.de» hat ebenfalls einen deutlichen RA-Effekt ergeben.

Als möglichen Ausweg aus dem RAE-Teufelskreis schlägt Romann vier Massnahmen vor:

  • Einführung kleinerer Altersklassen (z. B. Halbjahres-Klassen)
  • Einführung von Quoten
  • Einteilung nach Grösse und Gewicht (statt nach Alter)
  • Rotation des Stichtags

Obwohl das Phänomen RAE bei Sportwissenschaftern seit mehreren Jahrzehnten bekannt ist, hat laut Romann noch kein nationaler Sportverband wesentliche Massnahmen zur Lösung der Problematik ergriffen. Darin sieht der Sportwissenschafter eine Chance für eine kleine Nation wie die Schweiz. «Durch eine Innovation wie die Rotation der Stichtage könnte die Schweiz Pionierarbeit leisten und sich einen gewissen Vorsprung erarbeiten.» (huf)