Handball-WM
Nächster WM-Coup der Schweizer Handballer: 20:18 gegen Island, dank einem Weltklasse-Torhüter

Obwohl die Angriffsmaschine nicht richtig in Gang kommt, verblüffen die Schweizer Handballer erneut. Neben den Abwehrrecken brilliert beim 20:18 gegen Island vor allem einer: Captain Nikola Portner wehrt sagenhafte 43 Prozent der Schüsse ab.

François Schmid-Bechtel
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Phänomenaler Nikola Portner beim 20:18-Erfolg der Schweizer gegen Island.

Phänomenaler Nikola Portner beim 20:18-Erfolg der Schweizer gegen Island.

Petr Josek / Pool / EPA

Andy hier, Andy da, Andy überall. Logisch. Andy Schmid ist ein Weltklassehandballer. Darüber gibt es keine zwei Meinungen. Erstaunlich an diesem Fakt: Schmid ist Schweizer.

Gewiss gab es früher schon brillante Ballvirtuosen mit Schweizer Pass und internationaler Strahlkraft. Marc Baumgartner beispielsweise, WM-Torschützenkönig 1993 und zweimal ­deutscher Meister mit Lemgo. Aber damals, in den 1990er-Jahren, zählte die Schweiz auch noch zur erweiterten Weltspitze.

Als Schmid indes durch­startete, als erster Spieler überhaupt fünf Mal hintereinander zum wertvollsten Spieler der Bundesliga gewählt wurde, stürzte unser Handball gerade in die Bedeutungslosigkeit ab.

Bereits mit 24 Jahren Champions-League-Sieger

Aber Schmid ist nicht das einzige Handball-Phänomen mit Schweizer Pass. Nikola Portner, 27 und damit 10 Jahre jünger als Schmid, hat schon viel erreicht und kann noch mehr erreichen. 2018 gewann der Sohn des früheren Weltklasse-Handballers Zlatko Portner mit Montpellier die Champions League. Notabene als erster Schweizer überhaupt. Und das mit erst 24.

Einsamer Fan: Der Schweizer Botschafter Paul Garnier beobachtet im ägyptischen Gizeh die Schweizer im Spiel gegen Island.

Einsamer Fan: Der Schweizer Botschafter Paul Garnier beobachtet im ägyptischen Gizeh die Schweizer im Spiel gegen Island.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Es schien, als wäre dem Schweizer Handball der nächste Superstar in den Schoss gefallen. Portner wurde Weltklasseformat attestiert. Aber schon bald wurde er in Montpellier aus «politischen Gründen», wie Nationaltrainer Michael Suter behauptet, zur Nummer 3 degradiert.

Klar, Suter zweifelt keinen Moment an den Qualitäten seiner Nummer 1. Gleichwohl muss er konstatieren, dass Portners Steigflug in eine waagrechte Position übergegangen ist. Portner gelingt es nur noch selten, die Vorschusslorbeeren zu rechtfertigen.

Ohne Spielpraxis war Portner an der EM 2020 weder gut, noch schlecht. Sondern Durchschnitt. Immerhin fand er mit Chambéry auf die aktuelle Saison hin einen neuen Arbeitgeber und damit eine neue Chance.

Portner leidet stark unter der Coronaerkrankung

Obwohl beim französischen Mittelfeldklub unbestritten, waren auch die letzten Monate nicht einfach für Portner. Im September stirbt sein Vater, Mentor und Freund Zlatko. Danach infiziert er sich mit dem Coronavirus. «Ich litt an allen Symptomen, die man mit diesem Virus in Verbindung bringt.» Portner verlor mehrere Kilos, zwischenzeitlich fiel es ihm sogar schwer, seine kleine Tochter hochzuheben und Geschmackssinn hat er bis heute nicht.

Die Schweizer reiten auf der Welle All die Widrigkeiten hindern ihn nicht, nach seinen hervorragenden Darbietungen gegen Norwegen und Frankreich noch einen drauf zu setzen. 43 Prozent aller Schüsse wehrt er im ersten Hauptrundenspiel ab, ein Weltklassewert. Nicht gegen irgendeine Wurst-und-Brot-Truppe. Sondern gegen Island.

Auch wenn die Isländer heute nicht mit den Isländern vor elf Jahren, als sie an der EM Dritte wurden, zu vergleichen sind. Trotzdem: Die Isländer sind im Vergleich zu den Schweizern Stammgäste bei den Rendez-vous der Weltelite. Umso aufregender der 20:18-Triumph der Schweizer.

«Seit mich Michael Suter am Dienstag letzter Woche angerufen und gesagt hat, ich müsse packen, geniesse ich jede Minute hier an der WM», sagt Portner. «Für mich fühlt sich dieser Sieg gegen Island wie eine gelungene Revanche an. Im Juni wurde uns die Chance genommen, gegen Island die WM-Playoffs zu spielen. Ich bin so stolz, mit diesen ‘Giele’ zusammenspielen zu dürfen.»

Das Bollwerk: Andy Schmid adelt die beiden Abwehrspezialisten Samuel Röthlisberger (links) und Michal Svajlen.

Das Bollwerk: Andy Schmid adelt die beiden Abwehrspezialisten Samuel Röthlisberger (links) und Michal Svajlen.

Petr David Josek / AP

Andy Schmid: «Schwierig zu fassen. Wir reiten auf einer Welle.»

Andy Schmid sagt: «Was hier passiert, ist schwierig zu fassen. Wir reiten auf einer Welle. Man spricht im Handball häufig vom Angriff, von schönen Toren und Pässen. Beeindruckend ist aber, was Röthlisberger, Svajlen und Milosevic hinten leisten. Das ist herausragend. Diesem Bollwerk verdanken wir die guten Vorstellungen.»

Trainer Suter spricht von einem grossen Tag für den Schweizer Handball: «Ich sagte den Jungs: Wir wollen in diesen schwierigen Zeiten etwas Licht und Freude in die Schweizer Wohnzimmer transportieren.» Das ist definitiv gelungen.