American Football

Nach Trumps Attacke: Spieler der NFL protestieren gegen den zunehmenden Rassismus

«Kneel down» – kniet nieder: Vier Mitglieder der Baltimore Ravens protestieren während der Nationalhymne gegen den zunehmenden Rassismus in den USA.

«Kneel down» – kniet nieder: Vier Mitglieder der Baltimore Ravens protestieren während der Nationalhymne gegen den zunehmenden Rassismus in den USA.

Es braucht schon ein extremes Beispiel, um zeigen zu können, auf was sich Donald Trump im US-Sport eingelassen hat. Also: Ist es vorstellbar, dass Bundespräsidentin Doris Leuthard den Schwingerkönig öffentlich als «Wichser» beschimpft? Nein, natürlich nicht. Aber so ziemlich genau das hat US-Präsident Donald Trump getan.

Donald Trump hat gefordert, «der Hurensohn» sei vom Feld zu nehmen und zu feuern. Er meinte den farbigen Quarterback Colin Kaepernick, der das Zeremoniell der Nationalhymne vor dem Spiel zu einer Protestaktion gegen Rassismus genutzt hatte. Er ging mit einem Knie zu Boden, statt stramm zu stehen. Der Quarterback ist die zentrale Figur im American Football. Ein General, ein König seines Sportes.

Spieler der Kansas City Chiefs protestieren gegen Aussagen von Präsident Donald Trump

Spieler der Kansas City Chiefs protestieren gegen Aussagen von Präsident Donald Trump

Eine solche Verwicklung eines Staatsoberhauptes in den Sport ist für uns unverständlich und undenkbar. Wir haben uns daran gewöhnt, dass sich bei uns die Sportstars praktisch nicht in die Politik einmischen – und umgekehrt die Politiker sich nicht mit den Sportstars streiten. Ja, grosse helvetische Sportunternehmen meiden Politik wie der Teufel das geweihte Wasser. Die meisten Sportverbände- und Klubs haben in ihren Statuten politische Neutralität verankert und verlangen von ihren Stars, sich aus der Politik herauszuhalten.

Helvetische Sportler und die Weltpolitik

Bis heute haben sich helvetische Sportler nur einmal spektakulär in die Weltpolitik eingemischt und schrieben globale Schlagzeilen. Am 6. September 1995 rollten die Schweizer vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Schweden im Ullevi-Stadion zu Göteborg ein Laken aus mit der Schrift «Stop it, Chirac!». Es war ein Protestzeichen gegen den französischen Präsidenten, der in diesen Tagen zu Testzwecken Atombomben auf dem Mururoa-Atoll zünden liess. Das war die grosse Ausnahme, die die Regel bestätigt, dass Schweizer Sportler nicht politisieren.

In den USA ist auch in dieser Beziehung alles anders. Sport ist viel stärker mit allen Lebensbereichen verknüpft. Dazu ein Beispiel. «Das ist, wie wenn ein Stürmer vorne freisteht, der Spielmacher aber ständig den sicheren Querpass spielt.» Dies ist nicht der Kommentar eines Reporters während der Übertragung eines Football-Spiels. Vielmehr hat 1992 ein Mitarbeiter aus Ross Perots Walkampfteam mit diesen Worten seinen Boss für konservatives Verhalten kritisiert. Und alle haben kapiert, was er meinte.

Sport in allen Lebenslagen

Solche Bilder aus dem Sport sind in den USA in allen Lebenslagen fest integrierter Bestandteil. Begriffe wie «Coach» und «Team» gehören zum Wortschatz jedes Vorgesetzten. Und der Sport spielt selbst in die Gefühlswelt hinein. The Intruders landeten Ende der 1960er-Jahre mit dem Song «Love is just like a Baseball Game» einen Riesenhit. Und wer im richtigen Leben von einem «Home Run» spricht, meint nicht unbedingt eine tolle Aktion aus dem letzten Baseball-Match. Sondern eine im heimischen Schlafzimmer.

Selbst wer sich nicht intensiv mit der amerikanischen Geschichte und Kultur auseinandersetzt, merkt bei einem Besuch sehr schnell, welch ungleich grössere kulturelle und politische Bedeutung der Sport hat. Vor jeder Partie wird die Nationalhymne gespielt und so die Verbundenheit mit dem Vaterland zelebriert – eine Art Rütlischwur. Dazu gehört, dass die Spieler eines US-Teams, die eine wichtige Meisterschaft gewonnen haben, vom Präsidenten ins Weisse Haus eingeladen werden. Der amtierende Basketball-Meister, die Golden State Warriors, gaben im Zuge der aktuellen politischen Lage ihren Verzicht auf einen Empfang von Donald Trump bekannt.

Aus Protest gegen Rassismus und die verbalen Attacken von US-Präsident Donald Trump knieten 15 Football-Spieler der New England Patriots während der Nationalhymne am Boden.

Aus Protest gegen Rassismus und die verbalen Attacken von US-Präsident Donald Trump knieten 15 Football-Spieler der New England Patriots während der Nationalhymne am Boden.

Sportler sind in den USA viel stärker politisiert als in der Schweiz. Die starken sozialen Gegensätze und ein noch lange nicht überwundener, tief sitzender Rassismus hat in der langen Geschichte des US-Sportes immer wieder Sportstars zu Protestaktionen im Rahmen von Spielen oder Wettkämpfen provoziert. Sogar im Rahmen von Olympischen Spielen.
Dass Donald Trump sich nun ausgerechnet mit Footballstars angelegt hat, macht die Sache noch schlimmer. Football ist den Amerikanern geradezu heilig. America’s Game. Jeder Match ein gefühltes Eidgenössisches Schwingfest.

Es ist ein Spiel, das bis zur Karikatur das laute, gewalttätige, kriegerische, imperiale Amerika verkörpert: Kämpfen, vorrücken, Terrain besetzen und mit aller Kraft brutal und rücksichtslos verteidigen, Strategien entwerfen, den Gegner überlisten. Dazu ein Regelwerk, das mehr Gewalt zulässt als in jedem anderen Mannschaftsport. Die Football-Stars sind die wahren Kerle und Helden des US-Sportes. In keinem anderen Sport können sich die Stars so viele Skandale leisten. Ein US-Präsident, der sich ausgerechnet mit Football-Stars anlegt, der ausgerechnet im Zusammenhang mit einem Quarterback das Wort «Hurensohn» benützt, das ist so verrückt, dass bis heute nicht einmal Hollywood auf diese Idee gekommen ist. Trumps Wirklichkeit übertrifft wieder einmal jede Fiktion.

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