Doping
Nach Skandal in Seefeld: Strengeres Dopinggesetz auch in der Schweiz?

In der Schweiz wird der Eigengebrauch von Dopingmitteln im Gegensatz zu Deutschland und Österreich strafrechtlich nicht verfolgt – jetzt will die Politik diese Praxis zumindest hinterfragen. Die Vorfälle an der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld könnten auch hierzulande eine Änderung herbeiführen.

Rainer Sommerhalder
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Die Polizei greift auf dem Wettkampfplatz ein: Nicht alle sehen das gerne.

Die Polizei greift auf dem Wettkampfplatz ein: Nicht alle sehen das gerne.

KEYSTONE

Ende Februar 2019. Die österreichische Polizei platzt mitten in die Nordische Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld, verhaftet spektakulär fünf Athleten wenige Stunden vor ihrem Wettkampf und setzt sie in Untersuchungshaft.

Innerhalb von 48 Stunden gestehen alle den Dopinggebrauch und nennen teilweise auch Helfer und Hintermänner. Möglich gemacht hat diesen Polizeieinsatz die Tatsache, dass Sportbetrug und damit das Verbot von Doping seit kurzem in Österreichs Strafgesetz verankert ist.

Vergleichbar ist die Situation in Deutschland, wo seit drei Jahren das Anti-Doping-Gesetz gilt. Seither können Sportler wegen Dopings strafrechtlich verfolgt werden.

Wäre die Langlauf-WM in der Schweiz ausgetragen worden, hätte die Polizei keine Handhabe gegen die Athleten gehabt. Denn das Sportfördergesetz von 2012 stellt lediglich Handel und Abgabe von Dopingmitteln unter Strafe, nicht aber den Eigengebrauch.

Der höchst erfolgreiche Schlag der deutschen und österreichischen Justiz gegen einen internationalen Dopingring lässt die berechtigte Frage zu, ob die Schweiz ihre Anti-Doping-Bestimmungen nicht ebenfalls verschärfen soll.

Bundesrat sah keinen Bedarf

Bereits vor einem Jahr stellte der Freiburger FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois dem Bundesrat mittels Interpellation genau diese Frage. Er wies explizit auf die deutsche Gesetzgebung hin.

Die Antwort war eindeutig: «Der Bundesrat ist der Auffassung, dass die bestehenden Rechtsgrundlagen ausreichen, um Doping in der Schweiz effizient zu bekämpfen. Bereits heute werden dopende Sportler durch das Sportsystem rigoros sanktioniert. Sanktionen führen bei Berufssportlern regelmässig zu einem faktischen Berufsverbot. Der Bundesrat sieht keinen Bedarf, weitere legislatorische Massnahmen zu treffen.»

Diese Haltung stützt sich auch auf eine juristische Expertise von 1999, die zum Schluss kam, dass bei einem Dopingvergehen von Sporttreibenden in der Schweiz der Tatbestand des Betrugs nicht erfüllt ist. Seither wurden alle parlamentarischen Vorstösse mit der gleichen Begründung abgelehnt.

Kein Polizeistaat im Sport

Sportpolitische Antworten des Bundesrates sind wesentlich vom Bundesamt für Sport geprägt. Dessen Direktor Matthias Remund sieht auch nach Seefeld keine Notwendigkeit, die Sichtweise zu überdenken.

Als Kronzeuge nicht hinter Gitter

Den Eigengebrauch von Doping sinnvoll in die Strafbestimmungen aufzunehmen, ist eine anspruchsvolle Aufgabenstellung. Denn man zielt damit nicht auf den Hobbyläufer am GP Bern, der mit unerlaubten Mitteln seine Bestzeit steigern will.

Sondern auf die grossen Fische, die vielleicht eingebettet in ein Netzwerk sind. In der Schweiz wären dies in Vergangenheit beispielsweise Rad-Weltmeister Oscar Camenzind oder Triathlon-Olympiasiegerin Brigitte McMahon gewesen. Beide wurden überführt und gesperrt, gaben aber keine Komplizen preis.

Auch in Deutschland diskutiert man derzeit über eine Anpassung der gesetzlichen Bestimmungen. Neben dem Druck auf die Athleten, wegen Doping eine Gefängnisstrafe zu riskieren, möchte die Justiz auch die Möglichkeit einer Belohnung ins Anti-Doping-Gesetz aufnehmen. Mit der sogenannten Kronzeugenregelung würde einem Sportler, der seine Hintermänner nennt, eine spürbare Strafmilderung angeboten.

Eine Kronzeugenregelung sieht das sportrechtliche Dopingverfahren bereits vor. Je nach Stand des Verfahrens und Relevanz der Aussagen können bis zu 75 Prozent der Sperre erlassen werden – wenn die Welt-Antidoping-Agentur und der internationale Fachverband zustimmen.

Diese Woche hat Antidoping Schweiz die Strafen des talentierten Westschweizer Rad-Amateurs Jonathan Russo und des erfolgreichen Genfer Jiu-Jitsu-Kämpfers Ilke Bulut um je zwei Jahre verkürzt. Das strafrechtliche Verfahren gegen die benannten Komplizen und Mittelsmänner der beiden wegen Anabolika-Missbrauchs bestraften Athleten läuft noch. (rs)

«Das ist im Moment kein Thema. Wir wollen im Sport keinen Polizeistaat», sagt der Berner. Remund erklärt, dass die Schweiz eine ganz andere Kultur im Umgang mit Doping habe als andere Länder. «In der Schweiz haben wir eine klare Trennung der Verantwortlichkeiten. Es wird auch stärker auf das richtige Verhalten der Athleten hingearbeitet.»

Remund ist der Meinung, dass das aktuelle Schweizer System funktioniere und man die richtigen Instrumente habe, um auf allen Ebenen gegen Doping vorzugehen. «Das Sportfördergesetz war der bestmögliche Konsens einer breiten Diskussion.»

Chance für einen neuen Vorstoss

Nicht alle sind der Ansicht, dass der Sport bei Doping selber für Ordnung sorgen kann. Die Deutsche Claudia Bokel, ehemalige Vorsitzende der Athletenkommission des IOC, sagt dazu: «Ich habe nichts dagegen, wenn betrügende Athleten auch strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Es darf nur nicht sein, dass am Schluss der Sportler im Gefängnis landet und die Hintermänner nicht.»

Auch Schweizer Sportpolitiker sind nach den Vorfällen in Seefeld auf das Thema sensibilisiert. SP-Nationalrat Matthias Aebischer, Präsident der parlamentarischen Gruppe Sport, sagt: «Seefeld hat gezeigt, dass der Bundesrat mit seiner Antwort auf die Interpellation falsch liegt. Der Dopingfall an der Langlauf-WM zeigt, dass man etwas dagegen tun kann, wenn die gesetzliche Grundlage besser ist.»

Aebischer kündigt an, dass er in der Sondersession des Parlaments im Mai die Köpfe mit anderen Sportpolitikern zusammenstrecken und parteiübergreifend einen koordinierten neuen Vorstoss lancieren will.

Notwendige Diskussion

Auf offene Ohren stösst Aebischer beim Aargauer FDP-Nationalrat und früheren Spitzensportler Matthias Jauslin. Auch er hat vor einem Jahr die Interpellation unterzeichnet. «Es ist angebracht, diese Diskussion jetzt ernsthaft zu führen. Denn letztlich ist Doping Betrug und Betrug soll bestraft werden», sagt Jauslin.

Und was meint Jürg Stahl, der SVP-Nationalrat und Präsident von Swiss Olympic? Die Sportverbände hielten bislang wenig davon, dopende Athleten strafrechtlich zu belangen. Andererseits hat auch Stahl die Interpellation von Bourgeois mitunterzeichnet. Er sagt: «Wir müssen eine gute Lösung suchen, unabhängig von aktuellen Ereignissen.» Dafür muss die Frage, ob es sinnvoll ist, betrügende Athleten zu kriminalisieren, um besser an die Hintermänner zu gelangen, auf das politische Parkett kommen.

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