Weltklass Zürich
Nach Olympia-Tränen: Renaud Lavillenie weist Olympia-Sieger Thiago Braz in die Schranken

Renaud Lavillenie gewinnt zusammen mit Sam Kendricks den Stabhochsprung-Wettbewerb am Weltklasse Zürich und lässt seinen grössten Konkurrenten Thiago Braz hinter sich. Für den Franzosen ist nach den Rio-Erlebnissen eine süsse Revanche.

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5445035Werden wohl keine Freunde mehr: Renaud Lavillenie (l.) und Thiago Braz würdigten sich vor dem Wettkampf in Zürich keines Blickes.

5445035Werden wohl keine Freunde mehr: Renaud Lavillenie (l.) und Thiago Braz würdigten sich vor dem Wettkampf in Zürich keines Blickes.

Keystone

Einträchtig trotteten Renaud Lavillenie und Sam Kendricks der Bande entlang. Kendricks mit der US-Flagge auf den Schultern, Lavillenie mit der «Tricolore». Der Olympia-Dritte und der Zweite genossen die Ovationen des Zürcher Publikums. Sie hatten die grosse Olympia-Revanche im Letzigrund auf dem gemeinsamen ersten Platz abgeschlossen. Beide hatten die 5 Meter 90 übersprungen und waren dann bei ihren jeweils drei Versuchen über 6,01 Meter gescheitert. Zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Rennen war der sensationelle Olympia-Sieger Thiago Braz. Der Brasilianer, dem in Rio vor etwas mehr als zwei Wochen der grosse Coup gelungen war, hatte die 5,84 Meter übersprungen, und stieg dann überraschend aus dem Wettkampf aus. «Ich bin nicht verletzt, es geht mir gut, ich bin einfach müde», teilte Braz mit.

Braz' Rückzieher

Es war auffällig, dass sich die beiden grossen Kontrahenten von Rio tunlichst aus dem Weg gingen. Es war sozusagen eine Revanche auf Distanz. Braz wäre schon beinahe bei seiner Anfangshöhe auf 5,52 Metern gescheitert und rettete sich erst im dritten Versuch in die nächste Runde. Lavillenie stieg auf 5,62 Metern ein, welche Braz ausliess. Auf 5,72 duellierten sich die Hauptdarsteller des bisweilen hässlichen Olympia-Dramas erstmals direkt. Danach liess der Brasilianer die 5,78 aus, ehe er die 5,84 wie der Franzose wieder im zweiten Versuch überquerte. Aus dem erhofften, dramatischen Duell um den Sieg in Zürich wurde durch Braz’ Rückzieher jedoch nichts. Am Ende machten Lavillenie und Kendricks Platz eins unter sich aus. Und Braz landete mit drei erfolgreichen Sprüngen und vier gerissenen Versuchen auf Platz drei. Ein guter Lohn für eine diskrete Darbietung.

Als die beiden Sieger am Ende ihren Erfolg feierten, da war vom Olympiasieger nichts mehr zu sehen. Braz schaute zu, wie Lavillenie und Kendricks für die Fotografen posierten. Bereits vor dem Wettkampf hatten sich der Franzose, der in Rio vom fanatischen Publikum gnadenlos ausgebuht und ausgepfiffen worden war und der Brasilianer kaum eines Blickes gewürdigt. Die Wunden über die verlorene Goldmedaille waren bei Renaud Lavillenie sichtlich noch nicht verheilt.

«Das ist eine grosse Auszeichnung für mich»

Als Trostpreis durfte sich der Franzose gestern zum siebten Mal in Serie als Gewinner des «Diamond-Race» im Stabhochsprung auszeichnen lassen. Die Trophäe wurde ihm vom Präsidenten des Internationalen Leichtathletikverbands, Sir Sebastian Coe, höchstpersönlich überreicht. «Dass ich diese Trophäe zum siebten Mal gewinnen konnte, ist eine grosse Auszeichnung für mich. Um hier zu gewinnen, muss man über einen langen Zeitraum immer wieder Top-Leistungen erbringen. Das ist sehr herausfordernd», sagte der Franzose – vermutlich auch mit einem Seitenblick auf seinen Rio-Bezwinger, der sich mit einem einmaligen Höhenflug gleich auf den Olympia-Thron gehievt hatte.