Australian Open

Nach fünf Finalniederlagen in Melbourne will «Sir Andy Murray» dieses Jahr unbedingt gewinnen

Andy Murray: «Ich habe so lange gebraucht, bis ich ganz oben angekommen bin. Jetzt will ich auch oben bleiben.»

Andy Murray: «Ich habe so lange gebraucht, bis ich ganz oben angekommen bin. Jetzt will ich auch oben bleiben.»

Nachdem der Schotte von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde, will er seinem neuen Status auch am Australian Open gerecht werden und dort erstmals den Titel holen.

Die Frage hätte man sich schenken können. Ob Ivan Lendl seinen Schützling Andy Murray denn nun mit «Sir» ansprechen würde, wollte ein Reporter wissen. Schliesslich war Murray ja gerade von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen worden.

Lendl wartete kurz, dann lachte er los. Das kann der gebürtige Tscheche tatsächlich. Auch wenn man «Ivan, den Schrecklichen», wie er zu seinen Spielertagen genannt wurde, in Murrays Box nur mit finster versteinertem Pokerface kennt. «Definitiv nicht», sagte Lendl. Dumme Frage.

Ivan Lendl beobachtet seinen Schützling beim Training.

Ivan Lendl beobachtet seinen Schützling beim Training.

Es ist also alles beim Alten im Team des Schotten, ob nun als neue Nummer eins der Welt oder als Ritter. Lendls Humor ist immer noch tiefschwarz. Und Murray verstrickt sich auf dem Platz auch weiterhin in wüsteste Selbstbeschimpfungen in so kratzig-geröchelter Tonlage, dass sie in jedes Joe-Cocker- Intro gepasst hätten.

«Ich bin immer noch derselbe, habe dieselben Freunde um mich – und die machen in der Umkleide jetzt alle Witze über mich», sagt Murray. «Sir» mit 29 Jahren, das klingt tatsächlich irgendwie komisch, und dafür fühlt sich Murray selbst bei aller Ehre doch ein wenig zu jung.

«Nennt mich Andy», ist inzwischen sein Standardsatz geworden, und auch auf den Anzeigetafeln und Auslosungsbögen im Melbourne Park ist sein Titel nirgendwo aufgeführt – schliesslich wünscht sich Murray einen anderen Titel viel sehnlicher: den Sieg bei den Australian Open. «Jedes Jahr komme ich her und denke, ich habe eine Chance», sagt Murray: «Hoffentlich passiert es jetzt endlich.»

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Seine Pechsträhne in Melbourne ist wirklich fürchterlich und steht aktenkundig in den Tennisgeschichtsbüchern: Fünf Endspiele hat Murray verloren, so viele wie keiner vor ihm – 2010 unterlag er Roger Federer und weinte bitterlich bei der Siegerehrung.

Die nächsten vier Versuche vermieste ihm allesamt Novak Djokovic (2011, 2013, 2015, 2016), im letzten Jahr setzte es dabei eine heftige Abreibung ab. Und dennoch sieht Murray für Melbourne alles rosarot: «Ich liebe es hier, habe schon tolle Matches gespielt. Und vielleicht haben die letzten Monate ja geholfen – ich habe jetzt noch viel mehr Selbstvertrauen.»

Dieses Selbstvertrauen hatte er sich auch hart erarbeitet, denn die zweite Hälfte der Saison 2016 gehörte ihm: mit dem zweiten Sieg in Wimbledon, dem zweiten olympischen Gold, und dann entthronte er noch Djokovic. Murray legte eine Serie von 28 Siegen in Folge hin, die Djokovic wiederum zum Jahresbeginn im hochklassigen Final von Doha beendete.

Murray und Djokovic lieferten sich in Doha einen hochspannenden Final.

Murray und Djokovic lieferten sich in Doha einen hochspannenden Final.

Der nur um eine Woche jüngere Serbe hat seine Sinnkrise offenbar überwunden und will die Hackordnung im Männertennis unbedingt wiederherstellen. Es wird wohl alles auf ein erneutes Finalduell hinauslaufen. «Ich konnte Novak in Melbourne noch nie schlagen», sagte Murray, «dafür habe ich manche Packung von ihm kassiert. Ich muss diese Serie irgendwie durchbrechen. Denn will ich den Titel, muss ich mit Sicherheit an ihm vorbei.»

Die ersten beiden von sieben Schritten hat Murray bereits problemlos bewältigt, in der zweiten Runde fegte er am Mittwochabend den 19-jährigen Russen Andrej Rublew mit 6:3, 6:0 und 6:2 aus der Rod-Laver-Arena. Seine Durststrecke in Melbourne ist episch, doch auch für seinen Weg zur Nummer eins brauchte Murray den ganz langen Atem.

Da waren Roger Federer, Rafael Nadal und nicht zuletzt Novak Djokovic, der Rest der «Fab Four», wie dieses goldene Quartett genannt wird. Murray gehörte zwar immer dazu, gewann aber erst 2013 in Wimbledon seinen ersten Grand-Slam-Titel. Sein Timing inmitten dieser aussergewöhnlichen Tenniskönner war einfach unglücklich. Doch jetzt hat auch Murray den letzten Ritterschlag erhalten – als Nummer eins.

Roger Federer und Co. standen Murray während Jahren vor der Sonne.

Roger Federer und Co. standen Murray während Jahren vor der Sonne.

Nun gehört er endgültig zum Klub der «Fab Four» dazu. «Ich habe so lange gebraucht, bis ich ganz oben angekommen bin», sagte Murray, «jetzt will ich auch oben bleiben.» Und wenn es so etwas wie Gerechtigkeit im Sport geben würde, dann hätte sich der Schotte diesen vermaledeiten Titel in Melbourne allemal redlich verdient.

Und all diejenigen, die an gute Omen glauben, sollten dieses Mal auf Murray setzen. Denn der einzige weitere Tennisspieler, der jemals zum Ritter des Britischen Empires geschlagen wurde, war Sir Norman Brookes – und nach ihm ist er benannt, der Siegerpokal der Australian Open.

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