European Championships

Nach erfolgreicher Premiere: Die European Championships ziehen die Lederhosen an

Nicola Spirig bei den ersten European Championships in Glasgow auf dem Weg zu Triathlon-Gold.

Der im letzten Sommer erfolgreich lancierte Multisport-Event arbeitet mit Hochdruck auf die zweite Austragung 2022 hin – München sagte gestern als Bewerber zu.

Die Premiere hat gefallen. Zuschauer, TV-Stationen, Sportverbände und nicht zuletzt die Athleten – von allen Seiten gab es dickes Lob für den Schweizer Marc Jörg und seine Mitstreiter.

Der Versuch des 53-jährigen Marketing-Experten, Sommersportarten mit einem neuen Konzept aus dem erdrückenden Schatten des Fussballs zu holen, schlug voll ein. Dazu gehörten drei Hauptfaktoren.

Die terminliche Vereinigung der Europameisterschaften von sieben Sportarten. Die Konzentration dieser Titelkämpfe auf die Stadt Glasgow – quasi mit Aussenstation Berlin für die Leichtathletik. Und die aufs TV-Publikum ausgerichtete zeitliche Koordination der insgesamt 187 Medaillen-Entscheidungen.

Dieses «Mini-Olympia» hob die zuvor isolierten Wettkämpfe auf ein völlig neues Niveau. «Der Anlass hat ganz viele Sachen ausgelöst», stellt auch der Solothurner Jörg mit Genugtuung fest.Konsumentenbefragungen im Nachgang haben zudem bestätigt, dass bewusste Zielsetzungen der Organisatoren rund um Geschäftsführer Marc Jörg wie Nachhaltigkeit, Innovation und Zugänglichkeit beim Publikum angekommen sind.

Trotz 4600 vereinten Athleten heben sich die European Championships auch wohltuend vom Gigantismus Olympischer Sommerspiele ab. Nur 20 Prozent der Befragten stehen dem Multisportevent kritisch gegenüber, die fünf Ringe kämpfen derzeit mit Ablehnungsraten von 50 Prozent.

Schwieriger Weg zu Version 2

So klar die Erfolgsbilanz in Richtung einer Fortsetzung wies, so schwierig war es, die zweite Austragung von 2022 in effektive Bahnen zu lenken. Dass Jörg und sein Team den Anlass im Gegensatz zu Olympia in ein viel weniger enges Korsett drängen wollen, mit den einzelnen Sportverbänden viele individuelle Lösungen suchen müssen und im Vergleich zu anderen Multisport-Events erst bei Version 2.0 angekommen sind und deshalb noch viel Unerfahrenheit vorzuweisen haben, machte den Prozess nicht einfacher.

«Wir müssen uns dem Rhythmus der Städte und der Verbände anpassen», sagt Marc Jörg. Gleichzeitig sei es wichtig, weiterhin die Freiheit zu haben, «Dinge anders zu denken» und damit auch ein Innovationstreiber für Sportorganisationen zu sein.

München kandidiert

Nun aber kann der ehemalige Marketingdirektor der Uefa ein erstes Mal ein wenig aufschnaufen. Gestern hat das Münchner Stadtparlament einer Kandidatur für die European Championships zugestimmt.

50 Jahre nach den Olympischen Sommerspielen von 1972 und gut fünf Jahre nach der Ablehnung einer erneuten Olympia-Kandidatur durch das Stimmvolk will Bayerns Hauptstadt dem imposanten Olympiapark wieder sportliches Leben einhauchen.

Insgesamt benötigen die European Championships in ihrer derzeitigen Form 13 verschiedene Wettkampfstätten. Auf bestehende Infrastrukturen zu setzen, gehört dabei zum Grundgedanken des Konzepts. Es sieht also danach aus, als könnte Jörg für 2022 die Lederhosen aus dem Schrank holen.

Der Einfluss der Fussball-WM

Allerdings sieht sich der Schweizer Marketing-Experte vielleicht sogar mit dem Luxus konfrontiert, dass in den nächsten Tagen eine zweite Stadt ihre Bewerbung einreicht. Ursprünglich meldeten gar acht Städte ihr Interesse an.

Jörg war es wichtig, mit allen individuell auf ihre Möglichkeiten abgestimmte Projekte zu entwickeln. Nicht alle lassen sich verwirklichen. Eine definitive Entscheidung über den Austragungsort fällt bis Mitte 2019.

Eine spezielle Herausforderung bietet die Suche nach dem perfekten Datum. Ein Teil des Erfolgs der Premiere basierte auf der Durchführung während der fussballfreien Zeit im August. 2022 ist aber alles etwas komplizierter.

Weil die Fussball-WM in Qatar erst im November/Dezember stattfindet, verschieben sich nicht nur die Zeitpläne der nationalen Ligen. Letztlich orientieren sich die Jahreskalender ganz vieler Sportarten an König Fussball. Auch ist in verschiedenen Disziplinen wichtig, dass EM und WM terminlich genügend weit auseinanderliegen. Deshalb sieht man zwei realistische Optionen: Juni oder Anfang August.

Keine neuen Sportarten

Beim Programm der European Championships setzt man auf Bewährtes. Nach der Zweiteilung Glasgow-Berlin ist es bereits eine ambitionierte Ausgangslage, nun in einer einzigen Stadt 14 000 Hotelbetten und ein auf Wettkampfzeiten und -orte abgestimmtes Verkehrskonzept zu finden.

Deshalb sollen trotz grossem Interesse mehrerer weiterer Verbände die genau gleichen sieben Sportarten an Bord bleiben. Marc Jörg sieht einzig beim Schwimmen noch Fragezeichen. «Ein weiterer Ausbau ist zwar eine grosse Versuchung, aber Stabilität und Kontinuität müssen im Vordergrund stehen», sagt er.

Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Das mussten auch die Macher der European Championships erleben. Entsprechend intensiv waren die Diskussionen mit den Sportverbänden, wie die Fortsetzung und das Vertragssystem aussehen sollen.

Mit der Auswertung und den Lehren aus der Premiere soll auch das Budget für den Veranstalter weiter sinken. Jörg rechnet mit einem Aufwand von maximal 130 Millionen Euro. Der 53-Jährige zieht nur acht Monate nach dem Prototyp betreffend Zukunft ein optimistisches Fazit: «Es gibt heute bereits eine relativ klare Idee, wie die zweite Version aussehen soll.»

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