Interview

Nach Enthüllungen spricht der höchste Turner Klartext: «Wir müssen die sportlichen Ziele herunterschrauben»

Erwin Grossenbacher sagt: «Wir müssen die Ziele anpassen.»

Erwin Grossenbacher sagt: «Wir müssen die Ziele anpassen.»

Der Schweizerische Turnverband steht nach den Enthüllungen rund um Spitzenathletinnen massiv in der Kritik. Zentralpräsident Erwin Grossenbacher zeigt sich einsichtig.

Die Villa Zurlinden des Schweizerischen Turnverbands (STV) ist wunderschön. Wer das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert betritt, bemerkt nichts von den stürmischen Zeiten, die derzeit beim STV herrschen. Acht ehemalige Spitzenturnerinnen in den Sportarten Rhythmische Gymnastik und Kunstturnen haben den Gang an die Öffentlichkeit gewagt und geschildert, wie sie gedemütigt und schleichend bis in Depressionen geführt wurden. Erwin Grossenbacher, Zentralpräsident des STV, empfängt uns zum Interview.

Die Schilderungen von Athletinnen haben uns sehr berührt. Sie auch?

Erwin Grossenbacher: Ja, die Lektüre hat mich sehr berührt. Doch es ist nichts Neues. Die Vorwürfe der Turnerinnen waren schon längere Zeit bekannt, es haben schon Gespräche stattgefunden. Deshalb haben wir eine unabhängige Untersuchung eingeleitet, die den ganzen Kontext in der Rhythmischen Gymnastik untersucht. Und die neu gewählte Ethikkommission legt nun anstatt am 1. Januar sogleich los und prüft die Vorwürfe der beiden Kunstturnerinnen.

Wenn Sie sagen, die Äusserungen der Athletinnen seien nicht neu, erscheint dies umso tragischer.

Unser grosser Fehler war, dass wir die Situation nie richtig aufgearbeitet haben. 2007 hatten wir den Fall mit dem Kunstturn-Nationaltrainer Eric Demay. Er wurde entlassen. 2013 gingen wir bei den Trainerinnen der Rhythmischen Gymnastik Heike Netzschitz und Vesela Dimitrova gleich vor. Wir dachten, durch die Entlassungen seien die Probleme gelöst. Man hat zu wenig an die Mädchen gedacht.

Eric Demay (links) wurde 2007 entlassen. Hier gemeinsam mit Ariella Kaeslin, einer der Athletinnen, die Kritik äusserte.

Eric Demay (links) wurde 2007 entlassen. Hier gemeinsam mit Ariella Kaeslin, einer der Athletinnen, die Kritik äusserte.

Den Athletinnen hat man nicht zugehört und ihnen nicht die Möglichkeit geboten, sich richtig zu äussern. Wie will man dies ändern?

Wir werden neue Plattformen, wie zum Beispiel Roundtables, schaffen und bisherige und aktive Athletinnen einladen. Sie sollen von ihren persönlichen Erfahrungen erzählen und auch offen Kritik äussern können.

Es ist nicht nur von Problemen bei den Trainern, sondern vom ganzen System die Rede. So fehlen unter anderem Ansprechpartner in psychologischen Aspekten.

Ich störe mich in den Berichten ein wenig daran, dass man von einem System spricht. Dass die Athletinnen so behandelt wurden, ist bestimmt nicht unsere Absicht. Es tut mir wahnsinnig leid, dass die Mädchen leiden mussten. Wir sehen, dass wir hier mehr machen müssen als in der Vergangenheit.

Wenn Athletinnen schlecht behandelt wurden und dies später als Trainerinnen weitergeben, kommt das einem Teufelskreis gleich. Wie wollen Sie diesen durchbrechen?

Der Kulturwandel, den Sie ansprechen, ist uns wichtig. Insbesondere die Rhythmische Gymnastik ist in den Oststaaten viel wichtiger als bei uns. Weil der Trainermarkt in der Schweiz wenig hergibt, hat man sich Trainer aus dem Ausland geholt. Nun fokussieren wir uns lieber auf Trainerinnen mit einer ähnlichen Kultur. Dass das Nationalkader interimistisch von Schweizerinnen betreut wird, ist ein gutes Zeichen. Ich glaube, dass Spitzensport eine Gratwanderung ist. Es braucht Fleiss und harte Arbeit. Was Sportler auf sich nehmen, um auf ein solches Niveau zu kommen, ist enorm.

Eine Athletin schilderte, dass sie aus Angst vor Gewichtszunahme abends nur ein halbes Joghurt ass. Offenbar fehlte eine Beratung.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass mit einem halben Joghurt Spitzensportleistungen überhaupt möglich sind.

Trotzdem ist es passiert.

Das Gewicht ist nicht nur bei uns Thema. Im Skispringen, bei Sportarten mit Gewichtsklassen wie den Kampfsportarten oder dem Rudern ist es ähnlich. Doch das darf keine Ausrede sein. Wir müssen mehr Unterstützung bieten.

Es gibt fast keine Sportart, die so früh schon so trainingsintensiv ist. Gibt es überhaupt einen Weg, der ethisch vertretbar ist?

Ich bin überzeugt, dass dies gelingen kann. International müssen wir unsere Ziele hinunterschrauben. Wenn man Olympiasieger oder Weltmeister werden will, muss man sich bei den Trainingsmethoden an den Besten orientieren. Das wollen wir in der Rhythmischen Gymnastik mit unseren ethischen Vorstellungen nicht anstreben. Dann muss man vom Verband aus vielleicht sagen, dass ein 15. Rang okay ist und es nicht die Top 6 sein müssen.

Ist dies ein Versprechen an die Athletinnen und an die Eltern: Gesundheit ist wichtiger als Erfolg?

Ja, Gesundheit ist wichtiger als Erfolg. Ich will aber nicht irgendwelche Resultate der Untersuchung vorwegnehmen.

Wollen Athletinnen erfolgreich sein, müssen sie nach Magglingen. Junge Talente werden aus dem persönlichen Umfeld gerissen. Gibt es ein Umdenken, dezentrale Lösungen zu wählen?

Das ist sicher eine Diskussion, die man führen muss. Ich kann mir dezentrale Lösungen vorstellen. Bei den Jungs ist es kein grosses Problem, weil sie 17 bis 18 Jahre alt sind, wenn sie nach Magglingen kommen. Die Mädchen sind oft erst 14 oder 15. Das bringt Herausforderungen mit sich.

Beim aktuellen Kunstturn-Nationaltrainer Fabien Martin hiess es, dass er aufbrausend war, als er unter Erfolgsdruck stand. Ist er aus Ihrer Sicht mehr Opfer als Täter?

Einen Vorfall haben wir in diesem Sommer schon mit Martin besprochen und haben gegensätzliche Aussagen erhalten. Deshalb möchten wir, dass dies gut untersucht wird. Schon bei der Vertragsverlängerung bis 2024 haben wir darauf hingewiesen, dass auf das Thema Ethik grosser Wert gelegt wird. Auch die Verträge der Athletinnen werden angepasst. Es wird sicher nie mehr in Verträgen stehen, dass auf das Gewicht geachtet werden muss.

Der aktuelle Kunstturn-Nationaltrainer Fabien Martin.

Der aktuelle Kunstturn-Nationaltrainer Fabien Martin.

Fabien Martin steht sinnbildlich für eine Zeit, in der viel Leid angerichtet wurde. Kann man an ihm überhaupt noch festhalten?

Wir haben mit Martin in den letzten 15 Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. In Magglingen können viele die Anschuldigungen nicht verstehen. Wir möchten dank der Untersuchung wissen, was stimmt. Fabien Martin ist bestimmt kein Monster.

Ohne eine Vorverurteilung vorzunehmen: Könnte der Verband nicht einen Schnitt machen und Personen, die für jene Zeit stehen, auswechseln?

Wir wollen die Untersuchungen abwarten, bevor wir entscheiden. Wir können nicht alle guten Leute entlassen.

Der Leistungssportchef Felix Stingelin musste bereits gehen. Warum wurde dort schon durchgegriffen?

Der Entscheid, die Zusammenarbeit zu beenden, fiel einvernehmlich und bereits vor dem Erscheinen der jüngsten Vorwürfe.

Vieles, was Sie jetzt nach diesem Fall sagen, erscheint plausibel. In Ihren sieben Jahren als Präsident haben Sie diese Punkte dennoch nicht verändert. Warum?

Es hat wahrscheinlich ein Wachrütteln gebraucht. Die Situation wurde zu wenig hinterfragt. Doch wir haben erkannt, dass wir mehr machen müssen. Es braucht eine Aufarbeitung.

Wie sehr schmerzt es, dass Sie den Kulturwandel im Kunstturnen und der Rhythmischen Gymnastik zwar anstossen, aber nicht mehr mitprägen können?

Es tut weh, festzustellen, dass wir die Probleme im Spitzensport nicht richtig erkannt haben. Wir haben leider zu wenig an dem Kulturwandel gearbeitet. Ich hoffe, dass mein Nachfolger Fabio Corti ein Reformator sein kann.

Der STV erhält von Swiss Olympic 1,7 Millionen Franken jährlich. Die Einstufung erfolgt jeweils nach Erfolgen, was Druck auf die Verbände ausübt. Ist das richtig?

In der Rhythmischen Gymnastik wurden wir deshalb von Swiss Olympic abgestuft. Aus meiner Sicht müsste sich der Verteiler weniger am Erfolg orientieren. Das möchten wir auch bei Bundesrätin Viola Amherd anbringen.

Bundesrätin Amherd hat sich eingeschaltet und gesagt, man müsse sich überlegen, ob solche Vorfälle sanktioniert werden.

Viola Amherd sorgt sich zu Recht um den Sport und darum treffen wir uns für ein Gespräch. Ich glaube, dass wir nicht die einzige Sportart sind, die mit solchen Problemen zu kämpfen hat.

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