Ski alpin
Nach durchzogener Saison: Fabienne Suter geht ohne Erwartungsdruck an die WM in St. Moritz

Die 32-Jährige muss nach ihrer Knie-Operation um ihren WM-Startplatz zittern und Ausscheidungen fahren. Doch trotz durchzogener Saison zeigt Suter sich zuversichtlich, in St. Moritz eine gute Leistung an den Tag zu bringen.

Richard Hegglin
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Sucht Vertrauen in ihre Ski: Fabienne Suter.

Sucht Vertrauen in ihre Ski: Fabienne Suter.

Keystone

Onkel Osi erkundigt sich wieder mal auf Facebook: «Bist Du auf der Ideallinie?» Seine Nichte relativiert: «Ausser in Garmisch war ich das nicht wirklich.» Dort ist Fabienne Suter Siebte geworden. Gleichwohl muss sie um ihren WM-Startplatz zittern und Ausscheidungen fahren.

Ende des letzten Winters strahlte sie in St. Moritz beim Weltcupfinal als Abfahrtszweite vom Podest. Ex-Champion Peter Müller erkor sie damals sogar zur moralischen Siegerin: «Hätte sie die gleichen Verhältnisse gehabt wie die vor ihr gestarteten Fahrerinnen, hätte Fabienne mit anderthalb Sekunden Vorsprung gewonnen.»

Fabienne Suter: «Was mir fehlt, ist der Rennrhythmus.»

Fabienne Suter: «Was mir fehlt, ist der Rennrhythmus.»

Keystone

Fabienne Suter galt als heisse WM-Mitfavoritin. Fünfmal belegte sie im vergangenen Winter den zweiten Platz. Endlich sollte ihr das, was für Müller fast Routine war, ebenfalls gelingen – ein Medaillengewinn. Bisher klebte ihr aber das Pech an den Ski. An den Olympischen Spielen 2010 war sie am nächsten dran, ehe ihr Elisabeth Görgl mit der letzten Fahrt noch Bronze wegschnappte.

Die vermaledeite Medaille

Dies verleitete Fabienne Suter einst zur Aussage: «Eigentlich sind mir Winter ohne WM und Olympische Spiele fast lieber.» Weil das Hoffen und Bangen um diese vermaledeite Medaille einem schon zusetzen kann. Erika Hess beendete unmittelbar vor Winterspielen eine gloriose Karriere und räumte hinterher ein: «Der persönlich auferlegte Druck, Olympiasiegerin zu werden, war mit ein Grund.»

Elf Monate nach der geglückten WM-Hauptprobe sieht bei Fabienne Suter einiges anders aus. Erst zwang sie ein Trainingssturz im Oktober in Saas-Fee mit einer Innenbandzerrung zu einer mehrwöchigen Pause. Dann warf sie eine verunglückte Abfahrt in Lake Louise, bei der Ski und Knie (Meniskus) kaputt gingen, nochmals zurück. Es folgten eine Operation und wieder ein paar Wochen Pause.

Wobei der havarierte Ski ihr fast mehr zu schaffen macht als das Knie: «Dieses haben die Ärzte super hingekriegt. Ich gab mir ausreichend Zeit, den Körper wieder auf Vordermann zu bringen. Was mir fehlt, ist der Rennrhythmus.»

Dem Ski trauert sie schwer nach: «Im Training hatte ich ihn nie verwendet, immer nur in den Rennen, bei unterschiedlichsten Verhältnissen. Mit ihm fuhr ich viermal aufs Podest, weil ich überzeugt war, noch Reserven zu besitzen. Ich weiss gar nicht, ob ich mir einbildete, dass der Ski so schnell ist. Oder ob ich ihm so viel zutraute, dass ich selber schneller fuhr.» In Lake Louise erzählte sie nach dem enttäuschenden 41. Platz den Medienleuten nichts vom Malheur: «Sonst wäre der Eindruck entstanden, ich suche eine Ausrede.»

Jeder Rennfahrer schwört auf seinen Ski, wenn er von ihm überzeugt ist. «Von 1984 bis 1988 bin ich immer die gleichen drei, vier Paar gefahren», erzählt Pirmin Zurbriggen. «Die schnellsten Ski fielen fast auseinander. Der Servicemann fixierte die Spitzen mit einer Art Pariser und verleimte sie. Mit ihnen wurde ich Olympiasieger. Nachher waren sie kaputt.» Fabienne Suter befindet sich in bester Gesellschaft.

Der zu Beginn erwähnte Onkel Osi ist übrigens nicht irgendwer, sondern der ehemalige Männer-Chef Osi Inglin, der in den USA eine Nachwuchsakademie leitet. Er war ihr ein wichtiger Begleiter, «als», so Fabienne, «meine Karriere an einem seidenen Faden hing und ich nach einem Schienbeinkopf-Trümmerbruch drei Jahre herumdoktern musste.»

Erinnerungen an 2003

Das war nach der WM 2003 in St. Moritz, wo sie als 18-Jährige ihr Debüt gab und an welche sie trotz Sturz gute Erinnerungen hat: «Es war ein Mega-Ereignis. Vorher fuhr ich erst drei Weltcuprennen und sonst im Europacup, wo fast niemand zuschaute. Jetzt standen plötzlich zehntausend am Pistenrand. Sogar beim Einfahren musste ich ständig Autogramme geben, obwohl mich niemand kannte. Es war ein richtiger Kulturschock – im positiven Sinn.»

Als Einzige aus dem damaligen Schweizer Team von 2003 ist sie übrig geblieben. Die letzte Mohikanerin ist trotz durchzogener Saison zuversichtlich: «Wenn alles zusammenpasst, kann gleichwohl etwas Gutes herauskommen. Auf der Suche nach einem neuen Rennski sind wir auf gutem Weg. Ich gebe alles, um die ‹Ideallinie› zu finden.» Ganz im Sinne von Onkel Osi. Nach dem Kulturschock 2003 der Medaillenschock 2017? Von Medaillentrauma keine Spur. Eine verkorkste Vorbereitung hat auch ihre guten Seiten. Die geringen Erwartungen sind ihre Chance.