Fifa
Nach der überraschenden Veröffentlichung des Garcia-Berichts: alte Geschichten, neue Probleme

Nach der überraschenden Veröffentlichung des Garcia-Berichts wird die Fifa gewisse Geister nicht los. Die WM-Gastgeber Russland und Katar fühlen sich in ihrer Unschuld bestätigt.

Merken
Drucken
Teilen
Im Weltfussball ist derzeit wieder einmal der Bär los – vor allem auch im Zusammenhang mit der WM in Russland.

Im Weltfussball ist derzeit wieder einmal der Bär los – vor allem auch im Zusammenhang mit der WM in Russland.

AP

Nach der Veröffentlichung des Garcia-Berichts über die WM-Vergaben 2018 und 2022 fühlen sich die kritisierten WM-Gastgeber in Russland und Katar bestätigt. Mit einer demonstrativen Unschuldsbeteuerung und einem Seitenhieb auf westliche Medien reagierten Russlands WM-Organisatoren auf die Ergebnisse des am Dienstag von der Fifa überraschend publik gemachten Berichts. «Wir haben nichts getan, was gegen den Ethikcode oder die allgemeinen Normen und Grundsätze der Bewerbungsregeln verstossen hat», sagte der umstrittene russische Sportfunktionär Witali Mutko auf Anfrage der deutschen Nachrichtenagentur dpa.

Witali Mutko vor dem Fifa-Hauptgebäude in Zürich.

Witali Mutko vor dem Fifa-Hauptgebäude in Zürich.

Keystone

Katar glaubt an Integrität der Bewerbung

Auch Katar sieht seine Glaubwürdigkeit wieder hergestellt. «Wir glauben, dass das Ausmass unserer Kooperation bei der Untersuchung und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen eine Rechtfertigung der Integrität unserer Bewerbung sind», zitiert die englische BBC das Organisationskomitee in Katar.

Im Untersuchungsbericht des damaligen Fifa-Chefermittler Michael Garcia aus dem Jahr 2014 wurden zwar diverse Geldflüsse in Millionenhöhe aus Katar oder über Mittelsmänner an Mitglieder des 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitees notiert, diese konnten aber nicht eindeutig den WM-Machern von 2022 zugeordnet werden.

Hat Katar die WM gekauft?

Hat Katar die WM gekauft?

Keystone

Keine gravierenden Verstösse ordnete Garcias rechte Hand Cornel Borbély den Russen im umstrittenen Vergabeprozess zu. Notiert wurden Geschenke und Annehmlichkeiten wie Kreml- und Ballettbesuche für Fifa-Wahlmänner und deren Familien.

Diese seien aber nicht per se durch den Fifa-Verhaltenskodex verboten gewesen. Allerdings: Die Computer des russischen Bewerbungskomitees waren zum Zeitpunkt der Untersuchung zerstört. Welche Unterlagen fehlen, konnten die Fifa-Ermittler nicht mehr rekonstruieren.

Kritik der ehemaligen Ethikchefs

Gemäss den ehemaligen Fifa-Ethikchefs Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély ist die Veröffentlichung des Garcia-Berichts nicht mit den Fifa-Regeln vereinbar. «Zum einen verpflichtet Artikel 36 des Fifa Ethik-Kodex die Mitglieder der Ethikkommission zur Verschwiegenheit und untersagt die Veröffentlichung von Informationen, die im Laufe eines Verfahrens verwendet werden könnten. Zum anderen sind die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten zu schützen. Diese Position wurde durch einschlägige Rechtsgutachten bestätigt», teilten die beiden Juristen, die im Mai an der Spitze der Fifa-Ethikkommission abgelöst worden waren, in einem Statement mit.

Sein Bericht sorgte für Unruhe: Michael Garcia.

Sein Bericht sorgte für Unruhe: Michael Garcia.

Keystone

Der Weltverband selber hatte am Dienstagabend mitgeteilt: «Im Sinne der Transparenz begrüsst die Fifa die Neuigkeit, dass dieser Bericht nun endlich veröffentlicht wurde.» Den Entscheid habe die neue Spitze der Ethikkommission gefällt.

Auch Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), begrüsste die Publikation des Berichts. Der Deutsche appellierte aber auch an die Öffentlichkeit, nicht zu allgemeinen Verurteilungen gegenüber den grossen Sportverbänden zu kommen, «sondern, dass jeder einordnet, wo, in welchem Zusammenhang und zu welchem Zeitpunkt was passiert ist».alen Olympischen Komitees (IOC).

Russisches Doping im Fussball

Während die Erkenntnisse des Garcia-Reports juristisch von der Fifa-Ethikkommission längst aufgearbeitet wurden und unter anderem dazu führten, dass heute nur noch zwei der damals 24 Mitglieder der Fifa-Exekutive im Amt sind, gerät der Fussballverband an einer anderen Front noch mehr unter Zugzwang. Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft gerät Russlands Fussball immer stärker unter Dopingverdacht.

Die Stadien des Confederations-Cup 2017:

Krestowski-Stadion, St. Petersburg Das 900-Millionen Euro Stadion wurde erst im April 2017 eröffnet.
8 Bilder
Krestowski-Stadion, St. Petersburg Kapazität: 69 500 Zuschauer
Kasan-Arena, Kasan Das Stadion in der Republik Tatarstan wurde 2013 eröffnet.
Kasan-Arena, Kasan Kapazität: 45 015 Zuschauer
Olympiastadion Sotschi, Sotschi Das Stadion wurde für die WM umgebaut, eröffnet wurde es 2013.
Olympiastadion Sotschi, Sotschi Kapazität: 47 659 Zuschauer
Spartak-Stadion, Moskau Das Stadion von Spartak-Moskau wurde 2014 neu erbaut.
Spartak-Stadion, Moskau Kapazität: 44 918 Zuschauer

Krestowski-Stadion, St. Petersburg Das 900-Millionen Euro Stadion wurde erst im April 2017 eröffnet.

Keystone

Der Wada-Sonderermittler Richard McLaren geht nach einem ARD-Bericht sogar davon aus, dass es im russischen Fussball ein separates Doping-Vertuschungssystem gegeben hat. «Es gab offenbar eine Bank mit sauberem Urin – und diese Bank wurde offenbar für Fussball genutzt», sagte McLaren in einem Interview mit dem deutschen TV-Sender ARD.

Im Interview nannte McLaren erstmals die Zahl der Dopingproben russischer Fussballer, die von ihm als mutmasslicher Teil einer Doping-Vertuschung identifiziert worden seien und noch forensisch untersucht werden müssten. «Es gibt noch 155 Proben, die nicht analysiert wurden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat sie beschlagnahmt. Das haben wir der Fifa gemeldet», sagte er.

Richard McLaren geht davon aus, dass in Russland systematisch Doping vertuscht wurde.

Richard McLaren geht davon aus, dass in Russland systematisch Doping vertuscht wurde.

KEYSTONE/EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA

McLaren geht davon aus, dass diese Urinproben entweder manipuliert worden seien, um positive Tests zu verhindern, oder Dopingsubstanzen darin zu finden seien. Hinweise darauf würden sich zum Beispiel im Mail-Verkehr russischer Funktionäre finden.

Was blüht dem WM-Gastgeber?

Die Fifa bestätigte am Mittwoch, «dass die Ermittlungen zu den Anschuldigungen gegen Fussballspieler, die im sogenannten McLaren-Report genannt werden, in enger Zusammenarbeit mit der Wada weitergehen.» Es liege im Interesse der Fifa, dass solche Verfahren so früh wie möglich abgeschlossen werden.

Die russische Nationalmannschaft steht unter Doping-Verdacht.

Die russische Nationalmannschaft steht unter Doping-Verdacht.

Keystone

Bis dahin werde man aber nicht in der Lage sein, weitere Einzelheiten vorzulegen. Sollten sich die Anschuldigungen für systematisches Doping bei der russischen Nationalmannschaft bestätigen, folgt für die Fifa der nächste Stresstest, denn die logische Konsequenz könnte nur lauten: Ausschluss des Gastgebers von der WM 2018. (nch)