Tennis

Nach der Disqualifikation von Djokovic geht das Spiel weiter: Mit Muskelmännern, Bösewichten und blonden Engeln

Rafael Nadal, Novak Djokovic und Roger Federer teilten seit 2015 gleich 52 von 60 Grand-Slam-Trophäen unter sich auf.

Rafael Nadal, Novak Djokovic und Roger Federer teilten seit 2015 gleich 52 von 60 Grand-Slam-Trophäen unter sich auf.

Seit 15 Jahren dominieren Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer das Männer-Tennis. Nun wird bei den US Open in New York erstmals seit Marin Cilic vor sechs Jahren ein neuer Grand-Slam-Sieger gekürt. Wir nennen die Favoriten. Und schätzen ihre Chancen auf den Turniersieg ein.

Nach der Disqualifikation von Novak Djokovic sind die US Open nicht zu Ende. Sie haben gerade erst richtig begonnen, die Karten werden neu gemischelt. Erstmals seit 1981 (!) bei den Australian Open hat keiner der Viertelfinalisten bei den Männern zuvor schon ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Letztmals feierte mit Marin Cilic bei den US Open 2014 ein Spieler seinen ersten Erfolg bei einem der vier Major-Turnieren. Er ist neben Stan Wawrinka (3 Grand-Slam-Titel), Andy Murray (3) und Juan Martin Del Potro (1) einer von vier Spielern, die in den letzten 15 Jahren die Phalanx von Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer brechen konnte. Seit den French Open 2005, wo Rafael Nadal erstmals die Coupe des Mousquetaires gewann, triumphierten die drei bei 52 von 60 Grand-Slam-Turnieren. Der Generationenwechsel fand nie statt. Es mussten eine Pandemie ausbrechen, die Titelverteidiger Nadal und Stan Wawrinka von einer Teilnahme absehen liessen. Es musste Roger Federer verletzt fehlen, Novak Djokovic disqualifiziert werden, Andy Murray mit einer künstlichen Hüfte spielen, damit der Weg frei war für einen neuen Sieger.

Wer sind die Kandidaten auf den Titel? Und wie stehen ihre Chancen?

Dominic Thiem (27, ATP 3) – das Muskelpaket

Dominic Thiem stand bisher drei Mal im Final eines Grand-Slam-Turniers, zwei Mal in Paris (2 Niederlagen gegen Nadal), ein Mal in Melbourne.

Dominic Thiem stand bisher drei Mal im Final eines Grand-Slam-Turniers, zwei Mal in Paris (2 Niederlagen gegen Nadal), ein Mal in Melbourne.

Der 27-jährige Österreicher stand zuletzt zwei Mal im Final von Roland Garros, wo er gegen Rafael Nadal jeweils chancenlos blieb. Einst ein Spezialist für Sandplätze, gelang ihm im letzten Jahr mit dem Titel in Indian Wells (Finalerfolg gegen Roger Federer) der Durchbruch auf Hartbelägen. Thiem stand Anfang Jahr auch im Final der Australian Open, wo er eine 2:1-Satzführung gegen Novak Djokovic nicht nutzen konnte. Thiem gehört auch zur Gruppe jener Spieler, die an der Adria-Tour des Serben teilgenommen hatten, die abgesagt werden musste, nachdem es zu mehreren Coronafällen gekommen war. Thiem nahm während der Unterbrechung von März bis Mitte August an zahlreichen Schaukämpfen teil. Er nutzte die Unterbrechung, um an Muskelmasse zuzulegen und nahm 5 Kilogramm zu. Er gab bisher erst einen Satz ab und besiegte zuletzt den Kanadier Talent Félix Auger-Aliassime in drei Sätzen. Nächster Gegner ist der Australier Alex de Minaur (21, ATP 28), der erstmals in den Viertelfinals eines Grand-Slam-Turniers steht. Sein Bestresultat bei den US Open erreichte Thiem 2018, als er die Viertelfinals erreichte, das er nach 4 Stunden und 49 Minuten gegen Rafael Nadal verlor.

Thiems Chancen auf den Turniersieg: 35 Prozent.

Daniil Medwedew (24, ATP 5) – der Bösewicht

Daniil Medwedew stiess im letzten Jahr bei den US Open bis in den Final vor, wo er Rafael Nadal nur denkbar knapp unterlag.

Daniil Medwedew stiess im letzten Jahr bei den US Open bis in den Final vor, wo er Rafael Nadal nur denkbar knapp unterlag.

Sein Stern ging vor einem Jahr bei den US Open auf, als er sich nicht nur in der Rolle des Bösewichts gefiel, sondern auch den Final erreichte, wo er einen 0:2-Satz- und Breakrückstand gegen Rafael Nadal wettmachte, ehe er doch noch als Verlierer vom Platz gehen musste. Im Monat davor hatte er drei Finals in Folge erreicht. In Washington stoppte ihn der Australier Nick Kyrgios, in Montreal Rafael Nadal, das Masters-Turnier in Cincinnati gewann er. Medwedew wurde wegen seines unorthodoxen Stils lange leise belächelt. Der Grieche Stefanos Tsitsipas sagte der «New York Times»: «Er spielt sehr, sehr seltsam, und das meine ich nicht im negativen Sinn. Er bringt seine Gegner dazu, sich auf dem Platz unwohl zu fühlen. Er spielt die Bälle sehr flach und tief und gibt dir kaum eine Chance, mit Winkeln zu spielen.» Medwedew bestätigte die Einschätzung: «Ich versuche, meine Gegner zu Fehlern zu verleiten. Ich habe schon viele Partien einfach deshalb gewonnen, weil mein Gegner mit meinen Schlägen nicht zurechtkam. Wenn ich mich in einem Video spielen sehe, dann frage ich mich gelegentlich selber: ‹Was tust du da?› Ich hoffe, es macht trotzdem dem einen oder andern Freude, mir zuzusehen.» Bei den US Open gab Medwedew noch keinen Satz ab. Er wäre der erste Russische Grand-Slam-Sieger seit Marat Safin 2005 bei den Australian Open. Gegner in den Viertelfinals ist ein Landsmann: Andrei Rublew (22, ATP 14).

Medwedew Chancen auf den Turniersieg: 30 Prozent.

Alexander Zverev (23, ATP 7) – der Protegé

Alexander Zverev gilt schon lange künftige Nummer 1 der Welt. Erst in diesem Jahr gelang ihm bei den Grand-Slam-Turnieren der Durchbruch.

Alexander Zverev gilt schon lange künftige Nummer 1 der Welt. Erst in diesem Jahr gelang ihm bei den Grand-Slam-Turnieren der Durchbruch.

Der Deutsche machte sich jüngst unbeliebt, als er sagte, seine Kolleginnen und Kollegen sollten sich nicht über das Protokoll zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschweren. Sie hätten schliesslich auf die Teilnahme verzichten können. In Anbetracht dessen, dass der 23-Jährige eine Suite auf der Anlage der US Open bewohnt, bereits über 23 Millionen Dollar an Preisgeld eingespielt hat, und sich einen solchen Luxus dadurch überhaupt erst leisten kann, waren die negativen Reaktionen erwartbar. Wie wenig Gespür Zverev und seine Entourage für solche Strömungen habe, bewies man in den letzten Monaten zur Genüge. Wie Thiem, der sich immerhin entschuldigte, war Zverev einer jener Spieler, die bei Djokovics Adria-Tour antraten. Er versprach reumütig, sich in Isolation zu begeben. Nur, um Stunden später in Monte Carlo an einer Strandparty aufzutauchen. Unbestritten ist das Potenzial, das im 1,98 Meter grossen Mann steckt, der schon 11 Turniere gewonnen hat, darunter 2018 den Final der acht Jahresbesten. Bei Grand-Slam-Turnieren tat sich Zverev indes lange schwer. Bis in diesem Jahr, als er bei den Australian Open erstmals in die Halbfinals vorstiess, wo er Dominic Thiem unterlag. Bei den US Open 2019 erreichte der Deutsche mit russischen Wurzeln die Achtelfinals. Der Protegé von Roger Federer trifft nun auf den Kroaten Borna Coric (23, ATP 32), der erstmals in den Viertelfinals eines Grand-Slam-Turniers steht. Auch Coric ist einer jener Spieler, die bei der Adria-Tour spielte.

Zverevs Chancen auf den Turniersieg: 20 Prozent.

Denis Shapovalov (21, ATP 17) – der blonde Engel

Denis Shapovalov steht erstmals in den Viertelfinals eines Grand-Slam-Turniers, musste aber schon fünf Sätze abgeben.

Denis Shapovalov steht erstmals in den Viertelfinals eines Grand-Slam-Turniers, musste aber schon fünf Sätze abgeben.

Er hoffe sehr, Novak Djokovic lerne aus der Disqualifikation, nachdem er eine Linienrichterin mit einem Ball am Hals getroffen hatte, sagte Denis Shapovalov. Der Kanadier ist zwar erst 21-jährig, aber es hat einen guten Grund, weshalb gerade er die richtige Person war, um über den Vorfall zu urteilen. Denn er ist der Spieler, der von einer Disqualifikation betroffen war. 2017, als 17-Jähriger, drosch er im Davis Cup einen Ball frustriert weg und traf den Schiedsrichter so unglücklich im Gesicht, dass dieser einen Augenhöhlenbruch erlitt und operiert werden musste. Anders als Djokovic erschien der Kanadier danach allerdings zur Medienkonferenz und nutzte nicht die sozialen Medien für eine Entschuldigung.

Seine Eltern stammen aus Russland und wanderten nach Tel Aviv aus, wo Shapovalov zur Welt kam, ehe die Familie ein Jahr später nach Kanada weiterzog. Vater Wiktor spielte Volleyball, Mutter Tessa war Tennisspielerin. Der 21-Jährige gilt schon lange als einer, dem die Zukunft gehört. Basels Turnierdirektor Roger Brennwald sagte über Shapovalov, der seine blonden Haare lang und die Mütze immer rebellisch nach hinten gekehrt trägt, als «Mischung aus Björn Borg und Roger Federer». Der Linkshänder, der mit einer spektakulären, einhändigen Rückhand gesegnet ist, stieg kometenhaft auf: 2016 gewann er das Junioren-Turnier von Wimbledon. In Montreal erreichte er 2017 nach Siegen gegen Nadal und Del Potro die Halbfinals und erreichte im gleichen Jahr die Achtelfinals der US Open. Ganz so rasant ging es danach nicht weiter. Erst im Oktober 2019 gewann er in Stockholm sein erstes Turnier. Nun steht Shapovalov, nach drei Siegen in vier und einem in fünf Sätzen, erstmals in den Viertelfinals eines Grand-Slam-Turniers. Sein Gegner: Der Spanier Pablo Carreño Busta (29, ATP 27).

Shapovalovs Chancen auf den Turniersieg: 10 Prozent.

Pablo Careño Busta, Andrei Rublew, Borna Coric und Alex de Minaur rechnen sich ebenfalls Chancen auf den Sieg bei den US Open aus.

Pablo Careño Busta, Andrei Rublew, Borna Coric und Alex de Minaur rechnen sich ebenfalls Chancen auf den Sieg bei den US Open aus.

Neben den vier Favoriten dieser Zeitung können sich noch vier weitere Spieler Chancen auf den Turniersieg ausrechnen: Der Spanier Pablo Carreño Busta (29, ATP 27, der Russe Andrei Rublew (22, ATP 14), der Australier Alex de Minaur (21, ATP 28) und der Kroate Borna Coric (23, ATP 32). Mit Ausnahme von Carreño Busta, der 2017 bei den US Open die Halbfinals erreichte, zu den Top Ten der Weltrangliste gehörte und sich als Ersatzmann für die Finals der acht Jahresbesten qualifizierte, stiess noch keiner von ihnen bei einem Grand-Slam-Turnier so weit vor. Andrei Rublew stand 2017 bei den US Open in den Viertelfinals. Anfang Jahr gewann er ein Turnier in Doha und erreichte bei den Australian Open die Viertelfinals. Borna Coric, der in der dritten Runde gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas sechs (!) Matchbälle abwehren konnte, gewann 2018 nach einem Finalerfolg gegen Roger Federer das Rasen-Turnier von Halle. Alex De Minaur gewann bereits drei Turniere, bei den Grand-Slam-Turnieren bildet ein Achtelfinal bei den US Open 2019 das Bestresultat.

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