Es gab ihn, diesen einen Moment, als für Valter Bekaj alles zu viel wurde. Der eigene Anspruch. Die Erwartungen. Der Druck.

Elf Jahre alt war Bekaj, als er auf den GC-Campus in Niederhasli wechselte. Als Junge vom Land, dem der Alltag in einem Dorfklub, wie sein FC Menzo Reinach einer ist, mehr behagte. Neu hatte er lange Anfahrtswege und Eltern, die ihre Freizeit für den Chauffeurdienst opferten. Dazu kam der bevorstehende Übertritt in die Oberstufe, ein schulischer Entscheid von zukunftsweisendem Charakter.

«Zu viel Stress», befand Bekaj. GC reagierte, bot Entlastung in Form von Logis in einem Internat. Doch Valters Mutter intervenierte, stoppte die familiäre Zermürbung. Zurück zum Dorfklub. Das GC-Abenteuer endete abrupt.

Raus aus der Komfortzone

Heute, sechs Jahre später, befindet sich Bekaj in einer ähnlichen Situation. Noch immer attestieren ihm die Scouts viel Potenzial. Die Anzahl Personen, denen er gerecht werden muss, ist gestiegen. Der Druck ist nicht minder. Und doch stimmt die Momentaufnahme für den 17-Jährigen.

Seit Sommer fährt Bekaj zweigleisig, spielt ambitioniert Fussball und schafft sich mit einer beruflichen Ausbildung ein zweites Standbein als Heizungsinstallateur. «Ein Privileg», nennt er es. Er meint die Sportlerlehre: die Vereinbarung von Spitzensport und fundierter Bildung.

Nach seinem GC-Intermezzo und der Rückkehr zu Menzo Reinach unterbreitete der FC Aarau Bekaj bald ein Angebot. Im nahegelegenen Buchs absolvierte er ein für Spitzensportler errichtetes Schulmodell. Im Sommer 2015 folgte die Suche nach einem Lehrbetrieb.

Bekaj sagt: «Für mich war immer klar, dass ich eine Lehre absolvieren möchte.» So auch für den FC Aarau. Die Verantwortlichen legen ihren Talenten nahe, ihre Ausbildung trotz der Ambitionen im Fussball nicht einfach peripher zu behandeln. Und doch gibt es jene, die alles auf die Karte Fussball setzen. Auch in der U18-Auswahl des Team Aargaus. Dies versteht Bekaj nicht. «Zu grosses Risiko.»

Der Komfortzone entsagt Bekaj seither tagtäglich. Um sechs Uhr beginnen seine Tage. Eine Stunde später wirkt er auf der Baustelle. Arbeiten an Wärmepumpen und Leitungssystemen. Immer wieder wagt er den Tagesausblick. Bekaj freut sich auf die abendliche Trainingseinheit, «die Belohnung des Tages». Die Passion Bekajs vermag sein Berufsbildner, Charly Zimmerli, vollends nachzuvollziehen. «Ich komme vom Kunstturnen», sagt Zimmerli und gibt sogleich die Erklärung, warum sein Betrieb eine Sportlerlehre anbietet. «Die Arbeit auf der Baustelle bietet Bekaj zudem die Chance, vor allem in Zeiten des Misserfolgs, den Kopf frei zu kriegen.»

Die Koordination ist komplex: Kundentermine, Montagearbeiten, Berufsschule, überbetriebliche Kurse, Morgentrainings und Trainingslager. «Wir müssen minuziös planen, damit es aufgeht.» Zimmerli kommt stets entgegen, fordert aber auch. Dessen ist sich Bekaj bewusst. Im Gegenzug will er die Lehre erfolgreich zu Ende führen.

Im Kanton gibt es laut Sascha Stauch, technischer Leiter im Nachwuchsbereich des FC Aarau, zirka 30 leistungssportfreundliche Lehrbetriebe. «Nur ausgewählten Talenten steht diese Möglichkeit zu.» Bekaj gehört diesem elitären Zirkel an.

Seit anderthalb Jahren spielt er unter Trainer Ranko Jakovljevic. Probleme gibt es keine. Nur Lichtblicke. Dreimal darf der Verteidiger in der ersten Mannschaft des FCA hospitieren, Trainings- und Testspielerfahrungen sammeln. Es ist eine Belohnung für den immensen Aufwand.

Denn Momente, die Bekajs Beständigkeit auf den Prüfstand setzen, gibt es auch. «Man neigt dazu, den Einstieg ins Berufsleben zu unterschätzen.» Doch die Familie federt die Mehrfachbelastung ab, für Bekaj ein unerlässlicher Rückhalt.

Verzicht gehört dazu

Als Fundament sieht Sascha Stauch aber auch die Einstellung, die bei Spitzensportlern anders sei. «Das bedingungslose Engagement hält auch abseits der sportlichen Bühne Einzug und kommt somit auch den Lehrbetrieben zugute.» Bekaj ergänzt: «Wenn ich mich entscheide, einen Weg einzuschlagen, muss ich Opfer bringen.» Dass Freizeit ein rares Gut ist, stört Bekaj nicht. Er habe gelernt, auf Dinge verzichten zu können.

«Für junge, zielorientierte Menschen wurde diese Sportlerlehre lanciert. Für Menschen wie Valter», erläutert Tobias Widmer, Konrektor der Berufsschule Lenzburg. Bekaj ist vom Sportunterricht befreit, dafür werden Mindestanforderungen an seine schulischen Leistungen gestellt. «Für uns ist wichtig, die Sportler beidseitig zu motivieren», erklärt Widmer.

Wer mit den Personen rund um Valter Bekaj spricht, hört immer wieder ein Wort: Organisation. «Als Fussballtalent muss man früh Managerqualitäten entwickeln», weiss Bekaj.
Noch ist der 17-Jährige ein Manager in Ausbildung. Dereinst will er operativ leiten. Und zwar die Abwehrkette des FC Aarau.