Tour de France
Nach dem Sturzfestival der ersten Woche: Ist die Tour de France eine Nummer zu gefährlich?

Massenstürze in den hart umkämpften Endspurts der Flachetappen. Brutale Unfälle in den Abfahrten der der Bergetappen. Es ist ein Wunder, ist in der ersten Woche der Tour de France nicht mehr passiert als ein paar ziemlich schwer verletzte Fahrer. Aber wo sind die Grenzen des Spektakels?

Marcel Kuchta
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Der Australier Richie Porte wird nach seinem schweren Sturz behandelt

Der Australier Richie Porte wird nach seinem schweren Sturz behandelt

KEYSTONE/AP/CHRISTOPHE ENA

Gebrochene Becken, gebrochene Schlüsselbeine, gebrochene Schultern - das medizinische Bulletin der ersten Tour-de-France-Woche liest sich wie das Protokoll einer Notaufnahme. Besonders die neunte Etappe vom Sonntag mit den vielen engen und unübersichtlichen Passsträsschen forderte einige prominente Opfer. Richie Porte, Gerraint Thomas und Robert Gesink mussten nach ihren Stürzen aufgeben. Der Ire Daniel Martin, der ebenfalls zu Boden ging, das Rennen aber beenden konnte, fand deutliche Worte für den Parcours: «Die Organisatoren haben bekommen, was sie wollten.»

Es ist ein Wunder, ist es in allen Fällen bei Knochenbrüchen geblieben und nicht noch etwas Schlimmeres passiert. Dasselbe liess sich schon nach dem schweren Sturz von Mark Cavendish sagen - nach dessen hartem Duell mit Weltmeister Peter Sagan im Endspurt der 4. Etappe. Cavendish ging brutal zu Boden, Sagan wurde später (zu Unrecht) vom Rennen ausgeschlossen. Der Brite hatte im Kampf um den Etappensieg schlicht zu viel riskiert.

Die Limiten werden ausgereizt

Ja, das Risiko. Es ist in der Tat verrückt, welch grosse Risiken die Fahrer speziell an einer Tour de France auf sich nehmen. Wird an einem Rennen wie der Tour de Suisse oder einer anderen, vergleichbaren Rundfahrt im Zweifelsfall eher mal gebremst, so tun viele Radprofis (nicht alle!) an der Frankreich-Rundfahrt das Gegenteil. Es werden auf Teufel komm raus die Limiten ausgereizt. Klar, oft ist auch Pech dabei, wenn man auf der nassen Strassen ausrutscht. Aber oft fehlt eben auch die Vernunft.

Das liegt zu einem grossen Teil daran, dass die Tour de France inzwischen einen derart überhöhten Stellenwert hat, dass die Fahrer oft unnötig grosse Risiken eingehen. Wer eine Tour-Etappe gewinnt, der reichert nicht nur sein persönliches Portfolio mit einem wichtigen Sieg an, sondern bringt auch seiner Mannschaft Ruhm und Ehre - und ein schönes Preisgeld.

Der Erfolgsdruck ist besonders an einer Tour de France omnipräsent. Viele Teams richten ihre Saisonplanung auf das wichtigste Radrennen der Welt aus. Die Fahrer wissen, dass sie liefern müssen. Kein Wunder, denkt sich der eine oder andere: «Ich bin sicher nicht derjenige, der zuerst bremst.»

Brauchen wir die engen Passsträsschen?

Bleibt zum Schluss noch die Frage: Ist es wirklich nötig, dass sich der Tour-Tross - wie am Sonntag - über kleine, unbekannte Passsträsschen quält, die förmlich nach spektakulären Unfällen schreien? Weshalb fährt man nicht auf den bekannten, breiteren Bergrouten? Nun: der Konsument vor dem Fernseher will Nervenkitzel - und erhofft sich insgeheim vielleicht sogar den einen oder anderen bösen Sturz.