Was für eine Leistung! Ich meine nicht einmal diese schier unfassbaren 18 Major-Titel, all Deine Rekorde. Nein, es geht mir um Dein Comeback. Viele haben Dich schon vor Deiner sechsmonatigen Verletzungspause abgeschrieben. Mit einem Sieg bei Deinem Comeback-Turnier hätten die allerwenigsten gerechnet. Aber ich weiss aus eigener Erfahrung, wie gut einem eine solche Pause tun kann, einfach mal weg zu sein, raus aus dem Hamsterrad, aus dem Trott, den man sich über die Jahre angewöhnt. Einfach mal Vater sein, sich selbst. Natürlich hast Du auch in dieser Zeit hart gearbeitet, vielleicht härter als je zuvor. Ich glaube, Dich noch nie so fit gesehen zu haben. Aber solche Veränderungen tun gut, sie geben einem plötzlich ein bisschen Luft.

Ich habe Ähnliches 2012 erlebt, brach mir knapp vier Monate vor Olympia das Schlüsselbein, stürzte dann im Strassenrennen in London und verletzte mich erneut. Anfang August entschied ich mich den Rest der Saison auszulassen. Im Frühling 2013 konnte ich dann Paris-Roubaix und die Flandern-Rundfahrt gewinnen. Das waren mit dem Sieg in Rio meine schönsten Triumphe. Niemand rechnete mehr wirklich mit mir.

Ich habe so mitgelitten, als ich am Sonntag zuhause mit meiner Frau und den Kindern vor dem Fernseher sass, bekam Hühnerhaut, als Du den Matchball verwertet hast. Zu genau kenne ich diese Emotionen. Obwohl man meine Leistungen sicher nicht mit Deinen vergleichen kann. Die ganze Schweiz fieberte mit Dir, Millionen von Fans rund um den Globus. Du gegen Deinen ewigen Rivalen Rafael Nadal. Auch er kam aus einer äusserst schwierigen, von mehreren Verletzungen geprägten Phase. Auch er hätte es verdient gehabt, zu gewinnen. Aber Du hast den letzten Punkt gemacht.

Djokovic oder Murray können noch 100 Mal gewinnen, sie werden nie dasselbe ausstrahlen wie Du. Es gibt nur einen King Roger. Wie lange du noch das Zepter respektive das Racket schwingst, bleibt Dein Geheimnis. Natürlich wird nun wieder über Deinen Rücktritt spekuliert. Nichts ist sicher, ausser dass Du aufhören wirst, wann es Dir passt. Und dass es keinen besseren Zeitpunkt geben wird, als den, den Du festlegst. Solange Du Spass hast, an dem, was Du machst, solange sollst Du spielen. Und wie viel Spass Tennis machen kann, habe ich in der Altjahrswoche in Crans Montana erlebt. Es war eine Art Premiere für mich. Ich spielte beidseitig Vorhand, mein Niveau ist bescheiden.

Kennen lernen durfte ich Dich schon. Damals in Peking. Es war der Abend vor der Eröffnungsfeier. Du lebtest zwar im Hotel, aber dann kamst Du ins Athleten-Dorf. Du hast mich besucht, als ich mit meinem Mechaniker im Keller war, hast Dich auf einen Kübel gesetzt und mit uns gesprochen. Das werde ich nie vergessen. Jetzt hoffe ich bloss, dass Du noch solange weitermachst, dass ich die Gelegenheit habe, Dich selbst live zu erleben. Zu guter Letzt: Ganz herzliche Gratulation zu diesem herausragenden Sieg, zu diesem hollywoodreifen Comeback!

Fabian Cancellara