Wie beschreibst du einen Sieg, den du dir selbst kaum erklären kannst? Perttu Lindgren fand sich am späten Samstagabend in Zug genau mit dieser Aufgabe konfrontiert. Er versuchte, sie mit diesen Worten zu lösen: «Es sah aus, als hätten wir keine Chance. Plötzlich glichen wir zum 3:3 aus, dann traf Dino Wieser, wir führten und gewannen. Wir waren in den ersten beiden Spielen etwas unglücklich, heute hatten wir auch etwas Glück. Ich weiss aber immer noch nicht, wie ich diesen Sieg beschreiben soll.»

Es war vieles geschehen, bis dieses 5:3, dieses «Crazy Comeback» des HCD feststand, bei dem die Davoser die finalen drei Tore in den letzten sieben Minuten schossen. Und nur einer in Gelb-Blau repräsentierte in diesem Spiel so intensiv all die Berg-und-Tal-Fahrten, all die unterschiedlichen Gemütslagen, all das Gute und das Schlechte, schlicht alles, was die Mannschaft in 60 turbulenten Minuten durchgemacht hatte: Lindgren.

Der Liga-MVP der letzten Saison, der designierte Topscorer des HC Davos, der das hässliche Flammenjersey des besten Punktesammlers nur darum an Andres Ambühl verlor, weil er in der Schlussphase der Qualifikation dreimal geschont worden war.

Lindgrens Beschwerden

Das Gute zuerst: Lindgren schoss den 2:3-Anschlusstreffer, und er schoss den 3:3-Ausgleich, Letzteren in Unterzahl. Lindgren, der Spezialist für Shorthander: Es war sein bereits sechster der Saison, die meisten NLA-Teams kommen im Kollektiv nicht auf diese Zahl. Das Schlechte: Lindgren verschuldete das Zuger 1:0 nach nur 67 Sekunden, als er seinen Gegenspieler Josh Holden im Slot zunächst deckte, dann aber die Position verlor.

Lindgren schoss den 2:3-Anschlusstreffer, und er schoss den 3:3-Ausgleich, Letzteren in Unterzahl.

Lindgren schoss den 2:3-Anschlusstreffer, und er schoss den 3:3-Ausgleich, Letzteren in Unterzahl.

Und Lindgren verpasste es vor dem zweiten Zuger Treffer, David McIntyres Sololauf über das ganze Eisfeld schon an der Mittellinie im Keime zu ersticken, als er zu wenig energisch eingriff. Lindgren, der Angeschlagene, der seine spielerische Dominanz und seine läuferischen Vorzüge zuletzt einbüsste: Der Finne plagt sich mit Hüftproblemen herum, er wird gleich nach Saisonende operiert.

Dass er in der Viertelfinalserie gegen Lausanne mit drei Pfostenschüssen in vier Spielen Davoser Pechvogel Nummer 1 war, hat bei Lindgren auch nicht zur Steigerung des Selbstvertrauens geführt. «Akzeptabel» fühle er sich, sagte er am Samstag: «Wenn du gewinnst, ist es okay. Wenn du verlierst, fühlst du dich beschissen.» Weitere Worte verlor er über die Verletzung nicht: «Es ist nicht der richtige Zeitpunkt. Wir können nach der Saison darüber sprechen.»

Mit zehn Flügelstürmern

HCD-Trainer Arno Del Curto hatte Lindgren zuletzt zwar in Schutz genommen und für seinen ramponierten Finnen mildernde Umstände geltend gemacht. Er hatte ihm vor Spiel 3 am Samstag indes auch klare Erwartungen mitgeteilt: «Ich sagte Perttu, dass er nun auch mit Schmerzen spielen und auf die Zähne beissen müsse.» Für mehr Aufsehen hatte Del Curto aber vor allem mit seiner Aufstellung gesorgt.

«Ich sagte Perttu, dass er nun auch mit Schmerzen spielen und auf die Zähne beissen müsse.»

Arno Del Curto, Trainer HC Davos

«Ich sagte Perttu, dass er nun auch mit Schmerzen spielen und auf die Zähne beissen müsse.»

Freiwillig trat er nur mit drei statt vier Ausländern an. Das Ziel war, Tempo zu generieren, darum musste nicht nur NLB-Joker Mike Vaskivuo zuschauen, sondern auch die beiden Verteidiger Sven Jung und Simon Kindschi. Del Curto nahm dafür drei junge Stürmer ins Line-up: Marc Aeschlimann (21), Chris Egli (20) und Nando Eggenberger (17). Er griff mit vier Centern, aber fünf Flügelpaaren und folglich mit nur sechs Verteidigern an.

Danach konnte Del Curto sein Experiment nicht schlüssig bewerten: «Für die Schlussphase gab uns diese Massnahme etwas mehr Kraft, das war nicht schlecht. Aber mit so vielen Strafen, die wir kassierten, kannst du das Ganze nicht wirklich beurteilen.» Die zehn Powerplays, die der EV Zug spielen konnte, fünf davon allein im Mitteldrittel, hätten spielentscheidend sein können. «Wir machten einen wirklich guten Job beim Versuch, dieses Spiel zu verlieren», kommentierte Lindgren die Strafenflut mit Ironie.

Als Zug noch vor Spielhälfte mit 3:1 in Führung ging und auch danach Powerplay um Powerplay spielte, schien Davos erledigt – und fand doch noch einen Weg zum Sieg. «Gerade unsere jüngeren Spieler hatten zwar nicht die nötige Ruhe», befand Del Curto. Die Wende beschrieb er so: «Wir sprachen auch beim Rückstand nur von einem: ‹Nicht aufgeben›.»