Murat Yakin, Sie sind der einzige Schweizer Trainer, der es je in einen Europacup-Halbfinal geschafft hat. Wie kommt es, dass ein Trainer mit diesem Leistungsausweis beim Tabellenletzten der Challenge League anheuert?
Murat Yakin: Ich hatte einen langen Unterbruch von 18 Monaten. Vielleicht dachten einige, dass ich nicht mehr will, nicht mehr kann, was weiss ich. Aber Fussball zu spielen oder jemandem Fussball beizubringen, verlernt man nicht. Das ist wie Fahrrad fahren. Nach zehn Jahren als Trainer, in denen es sehr schnell sehr weit bergauf gegangen ist, hat mir die Pause richtig gutgetan. Diese Zeit nutzte ich, um zu reflektieren und mir die wirklich wichtigen Fragen zu stellen: Wo konnte ich wirken, wie ich wollte? Was ist mir am Fussball wirklich wichtig?

Und?
Mir macht es extrem Freude, wenn die Spieler lernwillig und motiviert sind. Und wenn ich die Spieler, das Spiel, das System und vielleicht sogar den Klub weiterentwickeln kann.

Ist das bei einem Klub wie Schaffhausen einfacher als beim FC Basel?
Beim FCB muss man als Trainer primär darauf achten, dass die Ferraris zum richtigen Zeitpunkt hochtourig laufen. In Schaffhausen gibt es aber keine Ferraris. Noch nicht. Hier bin ich als Entwickler gefordert.

Sie weichen aus.
Ja, weil man Schaffhausen und Basel nicht vergleichen kann. Jedes meiner bisherigen Engagements bin ich mit absoluter Überzeugung angegangen. So auch jetzt. Schaffhausen ist für mich der perfekte Klub, um wieder ins Trainerbusiness einzusteigen.

Aber nicht immer waren Sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Das stimmt nur bedingt. In Luzern endete mein Engagement nach einem hervorragenden ersten Jahr nicht gut, weil wir die Vorbereitung auf die zweite Saison vernachlässigt haben. Ein Fehler, den ich kein zweites Mal mehr machen werde. Das mit dem nicht ganz idealen Zeitpunkt trifft nur auf Basel zu, weil noch ehemalige Mitspieler im Team waren. Einzelnen dieser Spieler war nicht ganz klar, ob ich noch immer der Kumpel oder Trainer bin. Schade.

Trotzdem erreichten Sie mit Basel den Europa-League-Halbfinal.
Man muss sich nichts vormachen: Wenn nicht alles total schiefläuft, holt der FCB in der Super League den Titel. Deshalb legte ich den Fokus eher auf die internationalen Spiele. Dass wir so erfolgreich waren, bedingte auch Glück. Doch das Glück kann man erzwingen, indem man Risiken eingeht. Meine Devise lautet: Spezielle Herausforderungen erfordern eine gewisse Risikobereitschaft. Sonst gewinnt man nichts.

Nochmals: Sie gewinnen zweimal gegen Chelsea und eliminieren Tottenham. Man denkt: Einem Trainer, der mit dem FC Basel für solche Exploits sorgt, stehen alle Türen offen.
Ich hätte ein halbes Jahr vor der Trennung, als es Unruhen im Klub gab und fast nur noch über atmosphärische Störungen im Team geschrieben wurde, wechseln können. Statt zu fliehen, wollte ich nochmals den Titel gewinnen und im Europacup für Aufsehen sorgen. Ausserdem handelte es sich bei den Interessenten aus Italien und England nicht um Spitzenklubs. Ein Wechsel zu einem dieser Klubs wäre im Vergleich zum FCB keine Steigerung gewesen.

Aber Spartak Moskau war eine Steigerung?
Sollte ich zu einem Klub nach Italien oder England, dessen Ziel der Klassenerhalt ist? Sollte ich auf ein Angebot aus Deutschland warten? Man muss schon sehen: Nur weil ich zweimal Meister geworden bin und zweimal Chelsea bezwungen habe, gelte ich in Deutschland nicht als Top-Trainer. Spartak Moskau hat mich gereizt, weil es Neuland war und sich der Präsident persönlich um mich bemüht hat.

War Moskau ein Karriere-Killer?
Man kann es so sehen. Allein, weil viel in ein solches Engagement hineininterpretiert wird. Wenn ich mir während meines Sabbaticals Bundesliga-Spiele angeschaut habe, kamen etliche Manager und Klubpräsidenten auf mich zu und sagten: «Aber ich kann Sie doch nicht bezahlen.»

Kurzes Gastspiel in Russland: Murat Yakin muss Spartak Moskau nach einer Saison verlassen.

Kurzes Gastspiel in Russland: Murat Yakin muss Spartak Moskau nach einer Saison verlassen.

Das ist ein Witz?
Nein. Aber der Grund, warum es mit einem Job in der Bundesliga nicht geklappt hat, ist ein anderer.

Welcher?
Wenn ein Bundesliga-Klub einen Trainer sucht, werde ich von einem Dutzend Beratern angeboten, obwohl ich mit keinem dieser Berater in engem Kontakt stehe, geschweige denn einen Vertrag habe. Viele rufen mich zwar vorher an und fragen, ob sie mich anbieten können. Selbst wenn ich Nein sage, tun sie es trotzdem. Das Problem ist: Wenn mich ein Dutzend Berater beim gleichen Verein anbieten, sinken meine Chancen gegen null. Denn die Leute im Verein denken: Der Yakin ist ein Chaot. Aber was kann ich gegen diese Berater tun? Ich kann sie ja nicht erschiessen.

Ein Problem, das andere Trainer nicht haben. Bei Ihnen ist es aber hausgemacht, weil Sie zu anständig sind, weil Sie sich zu wenig abgrenzen.
Absolut richtig. Aber ich kann mich nicht verstellen und werde weiter offen auf die Menschen zugehen. Ausserdem herrscht unter den Beratern ein unerbittlicher Verdrängungskampf. Die müssen ja auch irgendwie überleben. Vielleicht habe ich auch nicht überall die besten Karten, weil ich kein Ja-Sager bin. Für Sportchefs und Klubpräsidenten gibt es sicher bequemere Lösungen als mich. Deshalb schätze ich es umso mehr, wenn ich, wie in Schaffhausen, etwas bewirken kann, mir die Klubführung auf Augenhöhe und nicht mit Vorbehalten von wegen Entourage und ähnlichem Käse begegnet. Mir kommt es bisweilen vor, als sei in gewissen Klubs nicht der Erfolg, sondern der Wohlfühlfaktor oberste Maxime.

Der Monatslohn für das Trainerduo Yakin (Bruder Hakan ist Assistenztrainer) liegt unter 10 000 Franken. Sie sind derzeit wohl der billigste Trainer im Schweizer Profifussball.
Aber der Trainer, der am meisten mitbestimmen kann (lacht). Und ich darf in Schaffhausen so sein, wie ich bin. Über meinen Lohn haben wir gar nie verhandelt. Es gab auch gar nichts zu verhandeln. Schaffhausen bezahlt, was es bezahlen kann. Fertig. Wichtiger ist mir, dass ich eine sportlich reizvolle Aufgabe habe. Und wichtig ist mir, dass ich Freud und Leid mit Menschen teilen kann, die mir etwas bedeuten. Andernfalls hätte ich längst ein Angebot aus China oder Saudi-Arabien angenommen.

Murat Yakin ist derzeit der billigste Trainer im Schweizer Profifussball.

Murat Yakin ist derzeit der billigste Trainer im Schweizer Profifussball.

Das heisst: Es ist extrem einfach, Sie als Trainer zu verpflichten.
Ja, ich bin unkompliziert punkto Geld und Renommee. Hingegen bin ich anspruchsvoll in Sachen Umgang, Respekt und Kompetenzen. Deshalb passt es mit Schaffhausen. Die Spieler wollen lernen, keiner mischt sich in meine Arbeit ein und wir haben gute Trainingsbedingungen.

Und es gibt keine ehemaligen Mitspieler.
(lacht) Auch deshalb habe ich mir eine lange Auszeit genommen.
Betrachten Sie Schaffhausen als Neuanfang?

Ja, das kann man so sehen.
War die Rückkehr ins Berufsleben allein schon aus psychohygienischen Gründen wichtig?
Ich bin ein geduldiger Mensch. Aber wenn ich in Davos die Tage auf einer Terrasse genoss, fragte ich mich schon mal: Wie lange will ich das noch machen? Und wenn ich Fussball schaute, spürte ich den starken Reiz, selber wieder Strategien auszuhecken, selber wieder mit den Spielern grosse Herausforderungen zu meistern.

Und dann Ihr erstes Spiel mit Schaffhausen. In Bern. Nach 25 Minuten führt Ihre Mannschaft bereits 3:0 gegen das grosse YB und gewinnt schliesslich mit 4:3. Auch wenn es nur ein Testspiel war, kann man sagen: Typisch Yakin, der Mann schafft es, Gesetzmässigkeiten im Fussball ausser Kraft zu setzen. Wie machen Sie das?
Ich habe den Spielern gesagt: «Meine Taktik gewinnt immer. In der Theorie gewinne ich immer. Aber ihr müsst mitmachen. Ihr müsst mir helfen, das Spiel zu gewinnen.» Und dann setze ich halt die Spieler dort ein, wo sie sich am wohlsten fühlen und der Mannschaft am meisten bringen. Diese Qualität habe ich. Ebenso das taktische Verständnis, wie man einen Gegner düpiert, ausspielt. Aber ich habe den Jungs nach dem Spiel auch gesagt: «Hey Jungs, das war nur ein Testspiel und nicht der Klassenerhalt.»

Was hat die Pause gebracht?
Unglaublich viel Zeit mit meiner Frau und meiner zweijährigen Tochter. Ich habe das Immobilien-Portfolio bereinigt. Ich habe mein Netzwerk hinterfragt. Und ich habe meine bisherige Arbeit als Trainer reflektiert. Und dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass ich in einzelnen Phasen zu stur gehandelt habe.

Sind Sie heute ein besserer Trainer als vor drei Jahren?
Ich denke schon. Es wäre schlecht, wenn ich mich nicht weiterentwickelt hätte.