Leichtathletik-WM

Mujinga Kambundji verliert in fünf Tausendstelsekunden zwei Jahre

Mujinga Kambundji kann ihr Tausendstel-Pech kaum glauben.

Die Schweizer Sprinterin Mujinga Kambundji verpasst den 100-Meter-Final an der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha mit der kleinstmöglichen zeitlichen Differenz. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Pechserie.

Wie fühlen sich fünf Tausendstelsekunden an? Für Mujinga Kambundji gestern Abend in Doha im ersten Moment wie zwei verlorene Jahre. 2017 an den Weltmeisterschaften in London wird die Bernerin in einer Zeit von 11,11 Sekunden Zehnte. Zwei Jahre später klassiert sie sich mit 11,10 lediglich einen Rang besser. Ihre Mission jedoch lautete von Anfang an Finalqualifikation. Dafür hat die 27-Jährige alles gegeben, unzählige Stunden auf dem Trainingsplatz geschuftet, dreimal den Coach gewechselt, viel Energie investiert und Nerven gebraucht.

Und dann fehlt Kambundji im entscheidenden Moment die Winzigkeit von fünf Tausendstelsekunden, um sich im Fernduell mit US-Sprinterin Teahna Daniels über die Zeit für den Endlauf zu qualifizieren. Allein die höhere Windunterstützung, von welcher Daniels in ihrem Halbfinal profitiert hat, macht ein vielfaches dieser zeitlichen Differenz aus. Und selbst der oft zitierte Wimpernschlag dauert 60-mal länger.

Kambundji sucht Trost bei Familie und Freund

Wer ihr in diesen Stunden Trost spenden könne, wird die emotional gezeichnete Mujinga Kambundji gefragt. Sicher die Familie, vielleicht rufe sie auch noch ihren Freund kurz an, antwortet die schnellste Schweizer Frau. Ihr scheint das Pech an den Füssen zu kleben. Vor Jahresfrist endeten die Europameisterschaften mit drei vierten Plätzen im Frust, nun treibt es das Schicksal mit ihr auf die Spitze. «Ich bin mega enttäuscht. Ich war mir sicher, dass ich schneller laufen kann. Der Lauf fühlte sich auch schneller an, als dass er war.»

Den Kampf um die Finalteilnahme hat Kambundji trotz bester Reaktionszeit in ihrem Halbfinal auf den ersten und den letzten Metern verloren. Sie kommt nicht wirklich gut aus den Startblöcken, schiebt sich danach aber bis auf den zur Direktqualifikation reichenden zweiten Rang vor. Doch letztlich muss sie miterleben, wie die Jamaikanerin Jonielle Smith sie noch um vier Hundertstelsekunden abfängt.

Erste Goldmedaille für Mama Fraser-Pryce

Derweil schreibt die Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser-Pryce im Final Geschichte. Die nur 1.52 m grosse Sprinterin gewinnt als 32-Jährige zum vierten Mal nach 2009, 2013 und 2015 WM-Gold. Dazu kommen zwei Olympiasiege. Es ist für Fraser-Pryce nicht nur wegen der zweitbesten Zeit ihrer Karriere (10,71) ein ganz spezieller Titel. Sie läuft die Ehrenrunde im nun beinahe menschenleeren Khalifa-Stadion mit ihrem zweijährigen Sohn Zyon in den Armen. Es ist ihr erster internationaler Titel nach der Geburt.

Zurück zu Mujinga Kambundji. Vielleicht hat es sein Gutes, dass ihr die Zeit fehlt, um mit dem Schicksal zu hadern. Bereits heute Montag muss sie zum Vorlauf über 200 m antreten. Und dies als Nummer 6 der Setzliste. Gelingt es ihr, die negativen Gefühle rechtzeitig zur Seite zu schieben, kann sie eine schwierige Saison vielleicht doch noch mit einem individuellen WM-Highlight abschliessen.

Selbstkritischer Wilson rechnet nicht mit Final

Weniger emotional, aber trotzdem nicht optimistischer präsentiert sich die Gemütslage bei Kambundjis Schweizer Pendant im Feld der Sprinter. Zwar bleibt Alex Wilson über 200 m im Rennen um einen Finalplatz, doch der Basler jamaikanischer Herkunft wirkt im Ziel des Vorlaufs trotz bescheidener Zeit (20,40) völlig ausgepumpt.

Und später in der Interview-Zone ungewohnt kritisch. «Man muss manchmal akzeptieren, dass man nicht bei 100 Prozent ist», sagt der Schweizer Rekordhalter (19,98). Das ist die Realität. Ich hatte gehofft, dass ich nach meinen Verletzungen rechtzeitig auf die WM zurückkomme, aber offensichtlich hat die Zeit nicht ganz gereicht.»

Der EM-Dritte über 200 m sagt zwar, dass die Qualifikation für den Halbfinal gut für den Kopf sei und er am Montag sicherlich alles in die Waagschale werfen werde, was er zu bieten habe. Aber echte Zuversicht hört sich anders an. Und ganz besonders aus dem Mund eines Alex Wilson.

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