St. Moritz 2017

Mütter wie Töchter: Doppeltes Leiden, doppelte Freude

Freundinnen auf dem Podest: Wendy Holdener mit Gold, Michelle Gisin mit Silber um den Hals.

Freundinnen auf dem Podest: Wendy Holdener mit Gold, Michelle Gisin mit Silber um den Hals.

Wendy Holdener holte Gold, ihre Freundin Michelle Gisin Silber in der Kombination. Die Mütter des Erfolgs, Daniela Holdener und Bea Gisin, haben gezittert und gelacht.

Wendys Siegesschrei hallt durch die Zielarena in Salastrains als sich hinter den Fernsehkameras Mutter und Vater Holdener um den Hals fallen. Kreidebleich ist Martin, gezeichnet vom Hundertstelkrimi, den seine Tochter soeben für sich entschieden hat.

Daniela lacht, packt ihren Mann an den Schultern und schüttelt ihn, als müsste sie ihn aus einem Albtraum wecken. «Während den Rennen ist er unerträglich», sagt sie später lachend. Am liebsten würde er in diesen Augenblicken, wenn Wendy auf der Rennstrecke ihre Kurven zieht, irgendwo auf dem Berg stehen. Allein. Ohne irgendwen. So nervös ist er.

Daniela hält dann nichts mehr bei ihrem Mann. «Ich bin ja selbst nervös wie verrückt, da halte ich es einfach nicht in seiner Nähe aus.»

Meist aber ist die gelernte Köchin die Ruhe in Person. Als die WM näher rückte, stieg bei Wendy die Nervosität. St. Moritz, die Weltmeisterschaft vor der Haustür, die grossen Erwartungen der Fans, der Druck.

Ihre Mutter spürt, wie sehr all dies ihrer Tochter zusetzt, sagt zu ihr: «Hör zu Wendy, geniess einfach dein Rennen, den Tag, dass du hier sein darfst.» Aber spätestens als sich Daniela Holdener am Freitagmorgen auf den Weg zum Zielgelände in Salastrains macht, steigt auch bei ihr der Puls. Wie immer vor einem Rennen, egal, ob Weltmeisterschaft, Weltcup oder früher FIS-Rennen.

«Je näher der Start kommt, desto nervöser werde ich», sagt Wendys Mutter. Ihre Tochter dagegen ist nun plötzlich abgeklärt, sie fühlt sich «extrem gut vor der Abfahrt», denn sie hat einen Plan. Angreifen, Kampflinie, kein Pardon. Es gelingt. Platz 7 nach der Abfahrt, Wendy im engsten Kreis der Favoriten, keine Sekunde hinter der führenden Sofia Goggia.

«Sie ist Weltmeisterin!»

«In diesem Augenblick wussten wir, dass vieles möglich ist», sagt Mutter Daniela. Doch noch steht der Slalom aus. Wendys grosse Spezialität, in sechs von sieben Rennen stand sie diese Saison auf dem Podest. So tänzerisch diese Disziplin auch wirkt, so ist sie doch auch eine Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle, eine Millimeter-Lotterie. Alles oder nichts.

Die Nervosität ergreift jetzt die ganze Familie. Auch Wendy. Sie weiss, dass sie Gold holen kann. Und sie tut es. 5 Hundertstel vor ihrer Freundin Michelle Gisin wird sie Weltmeisterin. Zwar ist ihr Slalom nicht perfekt. «Aber es hat gereicht, wir müssen nicht mehr diskutieren, sie ist Weltmeisterin», sagt Wendys Mutter.

Bilder von der Siegerehrung der Frauen-Kombination:

Während sich bei Familie Holdener vor dem Slalom der Puls überschlägt, ist Bea Gisin zu diesem Zeitpunkt fast schon entspannt. Das Schlimmste ist vorbei, die Abfahrt ist überstanden. Wie sehr hat sie doch gehofft, dass wenigstens die Kleinste darauf verzichtet. Nach allem, was sie mit Michelles älteren Geschwistern, Abfahrtsolympiasiegerin Dominique (31) und Speed-Spezialist Marc (28), schon durchstehen musste. Schlimme Stürze, x Knieoperationen, ein Schädelhirn-Trauma.

Welch’ Ironie des Schicksals, dass auch Michelle das Talent für das Tempo innezuwohnen scheint. Ihre Schwester Dominique sagt: «Sie kann so krass gleiten, sie hat den Grund-Speed. Hast du den, kannst du runterfahren, wie du willst, und bist immer noch in den Top-15. Das ist bei den Frauen noch extremer als bei den Männern.»

Es war aber nicht die Angst der Mutter, die Michelle von den Speed-Disziplinen fernhielt. Es war diese Maschine, dieses Ungetüm, in dem das Knie ihrer älteren Schwester steckte, als sie sieben Jahre alt war.

Dominique hatte sich da schon ein erstes Mal das Kreuzband gerissen. Es kam zu Komplikationen, die Kniescheibe brach, die Patellasehne riss. Also gaben die Ärzte Dominique das Gerät zur Mobilisierung des Knies gleich mit nach Hause, anstatt sie bloss während der ersten Tage im Spital damit fuhrwerken zu lassen.

Der kleinen Michelle geht dieses Ungetüm nicht mehr aus dem Kopf. «Vermutlich hat sie auch diese Maschine von den Speed-Disziplinen ferngehalten», spekuliert Bea. Bis im Dezember 2015, bis Michelle in Val d’Isère erstmals in einer Weltcup-Kombination an den Start geht.

So wie dies Wendy Holdener und Denise Feierabend seit Jahren taten, obschon auch sie Techniskerinnen sind. «Michelle sagte mir damals, es sei ihr vorgekommen, als ob die Ski vorne wegfahren würden und sie hinterher.»

Ein Schlusspunkt? Mitnichten. Michelle ist angefixt. Im Sommer darf sie vier Tage mit den Speedfahrerinnen trainieren. Dominique unterstützt sie. «Ich wusste nicht viel davon», sagt Mutter Bea. Vor zwei Monaten reist sie dann mit nach Val d’Isère als Michelle in der Kombination als Zweite erstmals aufs Weltcup-Podest fährt. Auch am Freitag ist sie da, als ihre Tochter in der Kombi-Abfahrt Vierte wird. Natürlich hat sie gelitten.

Wie froh sie in diesen Momenten ist, dass ihr Mann Beat danebensteht. Seine Ruhe, seine Gelassenheit.Sie helfen, auch beim Slalom. «Es war komisch, Domi und Marc waren so nervös, viel nervöser als ich», erinnert sich Mutter Bea. Und dann fährt ihre Kleinste aufs Podest. WM-Zweite, Silber, direkt hinter ihrer Freundin Wendy.

Am Freitagabend treffen sich die beiden Mütter im House of Switzerland. Man kennt sich, von den Rennen, mehr nicht. Und so feiern sie, jede mit ihrer Tochter, mit ihrer Familie. So wie sie zuvor gelitten haben, am gleichen Ort und doch jede für sich.

Für Bea geht das Zittern schon heute weiter, wenn Michelle in der Spezial-Abfahrt an den Start geht. In Val d’Isère hat sie sich nämlich nicht nur für die Kombi aufgedrängt, sondern fuhr tags darauf in der Abfahrt auf den 7. Platz. Nach Laras Ausfall war klar, dass sie nachrückt. «Michelle freut sich mega», sagt Bea. Sie wird jubeln, wenn ihre Tochter im Ziel ist.

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