Interview

Mountainbike-Dominator Nino Schurter im grossen Interview: «Ich geniesse Erfolge immer nur kurz»

Freut sich auf die Heim-EM im Tessin: Mountainbiker Nino Schurter.

Freut sich auf die Heim-EM im Tessin: Mountainbiker Nino Schurter.

Für Mountainbiker Nino Schurter steht eine intensive Zeit an. Im Gespräch verrät er, was seine Tochter auf dem Spielplatz erzählt.

Im Sommer lief für die Mountainbiker wenig, internationale Wettkämpfe liessen bis in den Herbst auf sich warten. Nino Schurter verbrachte mehr Zeit zu Hause als sonst. Der Mountainbike-Dominator der letzten Jahre hat jetzt aber eine intensiven Zeit. Morgen findet im tschechischen Nova Mesto das zweite Weltcuprennen innerhalb einer Woche statt, nächste Woche steht die WM im österreichischen Leogang an. Zu einem Schweizer Highlight kommt es vom 15. bis 18. Oktober mit der Europameisterschaft im Tessin in Monte Tamaro.

Nino Schurter, lange lief für die Mountainbiker in diesem Jahr Nichts. Jetzt passiert plötzlich enorm viel. Wie gehen Sie mit dieser grossen Belastung um?

Nino Schurter: Ich bin froh, dass wir wieder fahren dürfen. Aber es stimmt, dass wir in einer sehr intensiven Zeit sind und die Erholung entscheidend ist. Für uns Mountainbiker ist dies eine Umstellung, da wir sonst mehr Erholungszeit zwischen den Wettkämpfen haben. Aber ich finde es cool, Rennen zu fahren und nicht trainieren zu müssen.

Für Trainings hatten sie in diesem Jahr genug Zeit. Wie blicken Sie auf die Coronapause zurück?

Ich habe versucht, alles positiv zu sehen. Ich konnte gut trainieren und mehr Zeit zu Hause bei der Familie verbringen. Die Motivation beim Training litt nie. Zudem habe ich in der Pause gesehen, wie es wäre, wenn ich meine Karriere irgendwann beende.

Und wie fällt das Fazit aus?

Ich bin noch nicht bereit für den Rücktritt. Aber es ist gut zu wissen, dass mir ohne Rennen nicht langweilig wird.

Wie lange machen Sie weiter?

Nächstes Jahr sowieso noch, weil die Olympischen Spiele anstehen. 2022 möchte ich auch noch weiterfahren. Dann möchte ich Rennen fahren, für die ich bisher keine Zeit hatte.

Zum Beispiel?

Das «Brasil Ride» oder das «BC Bike Race» in den Rocky Mountains. Das sind Mehretappenrennen, die mich reizen. Auch eine Marathon-WM stünde auf dem Programm. Aber natürlich kann es anders kommen, wer weiss.

Sie haben schon viele Erfolge gefeiert, wurden acht Mal Weltmeister, zudem Olympiasieger. Woher nehmen Sie Ihre Motivation?

Die Trainings und Rennen machen einfach Spass. Für mich ist es eine grosse Chance, mein Hobby als Beruf ausüben zu können. Der Sport hat mir viele Möglichkeiten gegeben. Ich bin im Austausch mit spannenden Partnern, konnte die Welt bereisen. Ich bin aber auch ehrgeizig. Das was war, vergesse ich schnell und will weitere Erfolge feiern.

Verliert die Freude am Biken nicht: Nino Schurter.

Verliert die Freude am Biken nicht: Nino Schurter.

Können Sie Erfolge überhaupt geniessen?

Es sind immer kurze Momente, die ich geniesse. Und dann sehe ich schon wieder das nächste Ziel. Für mich zählt das, was gewesen ist, nicht so viel. Ich will Erfolge wieder bestätigen. Das ist der Grund, warum ich immer noch motiviert bin. Ich glaube, diese Einstellung ist nötig, um vorne dabei zu bleiben.

Ist es für Sie eine Motivation, dass Ihre Tochter nun realisiert, was Sie in Ihrem Sport leisten?

Sie ist jetzt fünf Jahre alt und realisiert es schon. Manchmal gibt es peinliche Situationen. Auf dem Spielplatz erzählt sie stolz: «Mein Papi ist Weltmeister». Ich versuche ihr zu erklären, dass sie dies nicht überall erzählen soll.

Welche Bedeutung hätte ein Olympiasieg im nächsten Sommer?

Es wäre das Tüpfelchen auf dem i. Dann wäre alles perfekt gelaufen in meiner Karriere. Aber ich sehe dieses Ziel entspannter: Wenn es klappt, dann klappt es. Und wenn nicht, dann habe ich schon viel erreichen dürfen. Für mich ist es nicht mehr das unbedingte Müssen, das ich 2016 in Rio verspürt habe. Diese Gelassenheit kann helfen.

Kommt die Lockerheit vom Alter oder den vielen Erfolgen?

Es ist beides. Hätte ich die Goldmedaille in Rio verpasst, dann wäre ich wohl nicht lockerer, auch wenn ich älter geworden bin. Durch einen erneuten Olympiasieg würde sich für mich nicht mehr allzu viel verändern. Aber wenn man noch kein Olympiasieger ist, öffnet ein solcher Sieg viele Türen.

Sie waren noch nie Europameister in der Elite. Dieses Ziel könnten Sie in diesem Jahr an der Heim-EM im Tessin erreichen.

Meistens habe ich auf die Europameisterschaften verzichtet. Zuletzt war ich 2013 auf dem Gurten dabei. Damals wurde ich Zweiter. Ich finde es cool, dass es in diesem Jahr eine Heim-EM gibt. Sie ist für mich ein Highlight.

Zunächst steht aber die Weltmeisterschaft an. Wie wichtig wäre ein erneuter WM-Titel für Sie?

Das Weltmeistertrikot hat immer einen besonderen Reiz. Für mich wäre es der neunte Titel bei der Elite. Aber alles was noch kommt, ist Zugabe. Es ist nicht so, dass ich unbedingt einen Titel brauche. Aber wenn alles zusammen kommt, glaube ich, dass ich noch das Zeug dazu habe, erneut die Weltmeisterschaft zu gewinnen.

Will erneut den WM-Titel: Nino Schurter.

Will erneut den WM-Titel: Nino Schurter.

Beim ersten von zwei Weltcuprennen im tschechischen Nove Mesto wurden sie Vierter. Sie jagen weiter den Rekord von Julian Absalon mit 33 Weltcup-Siegen.

Es fehlt mir noch ein Weltcup-Sieg, um in Anzahl Weltcupsiege mit Absalon gleichziehen zu können. Ich habe in diesem Jahr noch eine Chance dazu, die möchte ich nutzen.

Wie wichtig sind Ihnen Rekorde?

Am Anfang waren sie mir unwichtig. Jetzt geben sie aber einen kleinen Motivationsschub. Es wäre schön, einige Rekorde zu halten, wenn ich aufhöre.

Die Weltcuprennen finden in Tschechien in einem Risikoland statt. Hatten Sie keine Bedenken?

Nein, wir sind in unserer Blase unterwegs und kommen mit der tschechischen Bevölkerung nicht in Kontakt. Zudem wurden wir getestet.

Ihre Frau leidet an Multipler Sklerose und zählt damit zur Risikogruppe. Wie gehen Sie damit um?

Wir sind vorsichtiger. Es wäre nicht gut, wenn sie den Coronavirus erhalten würde. Aber wir geraten nicht in Panik. Wir sind die Hygienemassnahmen, an die sich jetzt alle halten, gewohnt. Für uns hat sich nicht viel verändert.

In der jüngeren Generation von Rad-Profis gibt es viele, die in mehreren Disziplinen gut sind – allen voran Ihr Konkurrent Mathieu van der Poel. Warum setzen Sie nur auf das Mountainbiken?

Van der Poel ist eine Ausnahme. Ich kenne sonst keinen, der überall Weltklasse ist. Für die Entwicklung kann es hilfreich sein, wenn man andere Disziplinen fährt. Aber irgendwann muss man sich auf etwas konzentrieren. Der Unterschied von Strassenrennen und Mountainbike-Rennen ist immens. Ich finde es gefährlich, dass viele meinen, man müsse überall fahren. Für 99 Prozent ist dies der falsche Weg.

Hier hat Nino Schurter die Nase vorn vor seinem Konkurrenten Mathieu van der Poel.

Hier hat Nino Schurter die Nase vorn vor seinem Konkurrenten Mathieu van der Poel.

Verändert sich Ihre sportliche Ausgangslage, weil sich van der Poel in diesem Jahr vermehrt auf die Strasse konzentriert?

Ich beschäftige mich nicht damit. Natürlich kann sich im Rennen die Situation unterschiedlich entwickeln, ob er dabei ist oder nicht. Aber ich fokussiere mich nicht auf ihn.

Woran haben Sie in den letzten Monaten konkret gearbeitet?

Das grösste Ziel, das ansteht, sind die Olympischen Spiele. Dort haben wir eine sehr spezielle Strecke, die sehr viele kurze und steile Anstiege beinhaltet. Dafür muss man vor allem sehr kräftig sein. Darum habe ich versucht, Kraft und Muskelmasse aufzubauen. Das ist aber schwierig, weil dies im Gegensatz zur Ausdauer steht.

Sie müssen einen Kompromiss zwischen Schnellkraft und Ausdauer finden.

Man muss immer Kompromisse eingehen. Mujinga Kambundji hatte eine Zeit lang dasselbe Management wie ich. Bei einem Event hätte Kambundji Velofahren sollen. Sie sagte ab, weil sie dadurch langsamer werde. Wir Mountainbiker müssen diesen Mix immer gehen. Wir müssen Ausdauerleistung bringen, aber brauchen Kraft, um sprintstark zu sein. Wenn jemand nur Sprints trainieren würde, wäre er schneller. Aber dann käme er nie in jene Position, in dem ihm das etwas nützt.

Während der Coronapandemie erlebte das Mountainbiken einen kleinen Boom. Wie nehmen Sie dies wahr?

Die Leute machen wieder gerne Outdoorsport. Und dank dem Mountainbike kommt man an Orte, an die man sonst nur zu Fuss hinkommt Zudem haben Tourismus-Destinationen das Mountainbiken für sich entdeckt. Wir selber durften tolle Events erleben mit viel Publikum, wie die Heim-WM 2018 in der Lenzerheide. Inzwischen ist das Mountainbiken nicht mehr nur eine kleine Randsportart, sondern eine, für die sich die Bevölkerung begeistern kann. Das freut mich sehr.

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