Im Moment herrscht bei Ferrari sogar im Chef-Büro Ruhe. Vettels Siege in den ersten zwei Grands Prix der Saison haben selbstredend auch Sergio Marchionne besänftigt. Der Ferrari-Präsident, der seit Jahren von seinen Angestellten in Maranello den totalen Erfolg in der Formel 1 fordert, kann sich derzeit auf seine weiteren Kerngeschäfte konzentrieren. Als Chef der Gruppe Fiat Chrysler Automobiles FCA etwa, die vor vier Jahren nach der Fusion der beiden Autohersteller gegründet wurde. Zu FCA gehören neben den zwei Stamm-Unternehmen unter anderen auch die Marken Alfa Romeo, Lancia, Maserati, Dodge und Jeep.

Der angekündigte Rücktritt

Marchionne schwebt vor, die Profitabilität von FCA bis in vier Jahren verdoppeln zu können. 2017 hatte der Gewinn 3,5 Milliarden Dollar betragen, was im Vergleich zu den zwölf Monaten zuvor der satten Steigerung um 93 Prozent entsprach. Trotz imponierender Zahlen will Marchionne den Takt für den Mehrjahresplan nicht bis zu dessen Abschluss vorgeben. Ende Dezember 2018 soll für den 65-jährigen Top-Manager mit Schweizer Vergangenheit Schluss sein als Chef von FCA - gut 14 Jahre nach der Wahl zum Vorstandsvorsitzenden von Fiat. In unserem Land hatte sich Marchionne in Führungspositionen beim früheren Aluminium-Konzern Alusuisse, als CEO des Warenprüfkonzerns SGS mit Sitz in Genf, als Verwaltungsratspräsident des Chemie-Multis Lonza oder als Verwaltungsrat der Grossbank UBS einen Namen gemacht.

Noch nicht amtsmüde ist Marchionne bei Ferrari. Beim Sportwagen-Hersteller will er Präsident bleiben. Ihm schwebt vor, die schnellen Autos noch dezidierter zu Luxuskarossen werden zu lassen, das Preissegment entsprechend weiter nach oben zu hieven. "Ich muss zu Ende bringen, was ich begonnen habe", sagte Marchionne kürzlich.

In Vettels Sinn

Die Worte hallten bis in die Rennsport-Abteilung nach. In Maranello wissen sie, dass ihnen der grösste Polterer erhalten bleibt. Vettel soll es recht sein - auch wenn er selber schon das eine oder andere Mal im Zentrum einer Schimpftirade seines obersten Bosses gestanden hat. Marchionnes Ansprüche an die Scuderia sind ganz in seinem Sinne. Den Titel-Ambitionen des Deutschen kann ein Antreiber aus höchster Sphäre nur hilfreich sein.

Marchionnes Kommentar nach dem Sieg am Sonntag in Bahrain wird in Vettels Ohren wie Musik getönt haben. "Der Sieg ist schön und gut. Aber ich verweise darauf, dass es immer noch viel zu tun gibt für uns. Wir müssen das hohe Niveau an Konzentration aufrechterhalten und unsere Aufgaben weiterhin mit Leidenschaft und mit dem entsprechenden Engagement angehen."

Marchionne ist nicht nur Ferrari-Präsident. Er ist auch höchster Ferraristo, gewissermassen das bedeutendste Sprachrohr der riesigen Fan-Gemeinde der Roten und damit das personifizierte Stimmungs-Barometer. Vettel ist sich über seine heikle Mission abseits der Rennstrecken im Klaren. Er weiss um den schmalen Grat, auf dem er sich bewegt und bei dem Huldigung und Denunzierung entsprechend nahe beieinander liegen.

Held und Versager

Zur Zeit ist Vettel die Verherrlichung der heissblütigen Anhänger gewiss. Einmal mehr - wie im vergangenen Jahr etwa, als er nach mehr als der Hälfte des saisonalen Pensums die Gesamtwertung angeführt hatte. Die folgenden Wochen mit Pleiten, Pech und vor allem Pannen hatten nicht nur für einen Umsturz im Titelkampf zugunsten von Lewis Hamilton im Mercedes gesorgt. Auch bei den Fans hatte der Wind wie befürchtet schlagartig gedreht. Den Helden-Status war Vettel innert kurzer Zeit los. Er war zum Versager geworden, den sie am liebsten ins Pfefferland gewünscht hätten.

Im Moment ist das Pfefferland weit weg. Das Pendel schlägt derzeit in die von Vettel gewünschte Richtung aus. Blenden lässt sich der Blondschopf dadurch nicht. Dafür ist er zu sehr Realist und schon zu lange bei Ferrari tätig, als dass er das aktuelle Hoch an allen Fronten nicht richtig einzuschätzen wüsste. Die Ruhe im Chef-Büro inklusive.